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Arme Kinder haben keine Chance

erschienen in Klar, Ausgabe 8,

In Deutschland entscheidet der elterliche Geldbeutel über Bildungs- und Berufschancen der Kinder.

In keinem anderen Industrieland hängt der Bildungserfolg junger Menschen so stark von der sozialen Herkunft der Eltern ab wie in Deutschland. Verantwortlich dafür ist das mehrgliedrige Schulsystem - also die Trennung in Haupt- und Realschule und Gymnasium. Die UNO ist alarmiert.

Managersohn aufs Gymnasium, Arbeitertochter auf die Hauptschule: Kinder reicher Eltern gehen siebenmal häufiger auf die Oberschule als Facharbeiterkinder - oft selbst dann, wenn ihre Leis-tung gleich gut ist. Um aufs Gymnasium zu gehen, muss in Hamburg ein Kind mit Vater ohne Schulabschluss um ein Drittel besser sein als ein Kind, dessen Vater Abitur hat. Das Gymnasium führt in vielen Fällen zu Studium und Job, die Hauptschule in die Arbeitslosigkeit. 60 Prozent der Hauptschulabsolventen finden keinen betrieblichen Ausbildungsplatz.

Die Auswahl findet bereits im Alter von 10 Jahren statt und hängt stark von Status und Geldbeutel der Eltern ab. Das Menschenrecht auf Bildung werde in Deutschland verletzt, bilanzierte der Bericht des UNO-Sonderberichterstatters Muñoz bereits im März 2007 und empfahl eindringlich, “das mehrgliedrige Schulsystem zu überdenken”. Dass die Auslese über das Schulsystem funktioniert, sagt auch Bildungsexperte Professor Hartmann.

Hartmann kritisiert die Bundesregierung: Sie tue zu wenig für vorschulische Bildung, die Grundschule sei noch immer nur eine Halbtagsschule. “Beide Maßnahmen führen dazu, dass familiäre Defizite durch öffentliche Institutionen nur sehr unzureichend ausgeglichen werden.” Trotz der schlechten Pisa-Ergebnisse sind die Ausgaben für Bildung prozentual gesunken. Im Vergleich aller Industriestaaten investiert die Bundesrepublik weniger Geld ins Bildungswesen als der Durchschnitt. Hartmann: “Um auf skandinavische Größenordnungen zu kommen, müsste man die bisherigen Ausgaben fast verdoppeln.” Dazu müssten die Steuern deutlich angehoben werden, etwa die Erbschaftssteuer. Seitens der Wirtschaft sehe er diese Bereitschaft jedoch nicht.

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