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Arbeiten, weil die Rente nicht reicht

erschienen in Klar, Ausgabe 17,

700000 Rentnerinnen und Rentner in Deutschland müssen arbeiten, weil ihre Rente zu niedrig ist. Und stetig werden es mehr.


700000 Rentnerinnen und Rentner in Deutschland müssen arbeiten, weil ihre Rente zu niedrig ist. Und stetig werden es mehr.

Noch in den 1990er Jahren verdiente Jörg Köhler als Betriebsleiter eines Fotolabors bis zu 80000 DM im Jahr. Heute arbeitet der 62-Jährige stundenweise für 6,39 Euro als Pförtner in einem Supermarkt und einer Recycling-Firma. Damals, als er arbeitslos wurde, schulte er um auf EDV. Zweimal noch fand er eine Anstellung, doch seine Verträge wurden nicht verlängert. Heute ist Köhler Frührentner.

Vom Spitzenverdiener zum Minijobber, der auch im Alter noch arbeiten muss: Jörg Köhler ist ein Beispiel dafür, wie man schuldlos tief fallen kann. Von 2004 bis 2008 ist die Zahl der Rentner mit Minijobs um 40 Prozent gestiegen. Insgesamt sind es heute 700000. Tendenz steigend. Altersarmut droht zu einem Massenphänomen zu werden.

Auch Sozialverbände und Gewerkschaften schlagen Alarm. VDK-Präsidentin Ulrike Mascher: „Altersarmut ist auf dem Vormarsch.“ DGB-Sozialexpertin Annelie Buntenbach rechnet damit, dass 2030 „knapp ein Drittel der künftigen gesetzlichen Renten an der Grundsicherungsschwelle landen werden“.

Für Jörg Köhler änderte sich alles am 5. Januar 2000. „Das Datum vergesse ich nie“, sagt er. An diesem Tag wurde das Labor geschlossen, in dem er jahrelang gearbeitet hatte. „Mit 52 Jahren wird’s schwer für Dich, eine neue Arbeit zu finden“, meinte eine Kollegin beim Abschied.


Mit 60 Jahren stand er vor der Frage: Frühverrentung oder Hartz IV? Jörg Köhler entschied sich für die Rente – trotz 18-prozentigen Abschlags. Köhler: „Nach 43 Beitragsjahren etwas mehr als 1000 Euro im Monat. Das ist hart.“ Zumal die Rente für zwei Personen reichen muss: Seit er Rentner ist, bekommt seine arbeitslose Ehefrau keine Bezüge vom Amt mehr.


Um Geld zu sparen, zog das Ehepaar Köhler aus Stuttgart schweren Herzens nach Aurich: In Ostfriesland sind die Lebenshaltungskosten um bis zu 30 Prozent niedriger als in Süddeutschland. Die Köhlers sparen, wo sie können. „Essen gehen oder gar ins Konzert, das ist nicht möglich“, sagt er. Trotzdem reicht seine Rente hinten und vorne nicht.

 

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