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Arbeiten bis zum letzten Atemzug

erschienen in Klar, Ausgabe 21,

Fast eine Million Rentnerinnen und Rentner müssen in Deutschland arbeiten gehen, weil ihr Geld nicht reicht.

Karin Schäfer lebt in Blankenfelde bei Berlin und arbeitet viermal die Woche stundenweise als Haushaltshilfe. Die gelernte Verkäuferin mag diesen Job. Doch die 68-Jährige ist auf diese Arbeit angewiesen, seit sie vor sechs Jahren nach langer Arbeitslosigkeit in Rente gehen musste. 580 Euro stand auf dem Rentenbescheid: wenig Geld angesichts von 35 Arbeitsjahren und drei Kindern, die sie großgezogen hat.

Karin Schäfers Schicksal teilen hunderttausende Rentnerinnen und Rentner in der Bundesrepublik: Sie müssen arbeiten gehen, um die schmalen Altersbezüge aufzubessern. Für das Jahr 2009 weist die Bundesagentur für Arbeit 139 000 sozialversicherungspflichtige Jobs bei Rentnern aus. Das sind rund 20 000 mehr als noch vor zwei Jahren. Hinzu kommen 817 000 Minijobber im Seniorenalter, die die Statistik allein für das Jahr 2008 ausweist. Für wenig Geld räumen sie Regale in Supermärkten ein, gehen putzen, arbeiten als Pförtner oder tragen Zeitungen aus.

Für Traute Darge aus Zeuthen, gelernte Gärtnerin und studierte Finanzökonomin, begannen die Probleme, als sie vor neun Jahren ihre Arbeit verlor. Es folgten Umschulung, ein kurzes befristetes Beschäftigungsverhältnis und schließlich der Abschied vom bezahlten Arbeitsleben: Die 62-Jährige muss hohe Abzüge bei ihrer Rente verkraften. Heute tourt sie als Schmuckberaterin durch die Lande. Sie brauche den Hinzuverdienst, sagt sie, und die Arbeit bringe sie unter Leute.

Brigitte Hoffmann aus Königs Wusterhausen hat es ohne Abzüge in den Ruhestand geschafft. Trotzdem arbeitet die 69-Jährige zwei Tage pro Woche für einige Stunden in einem Versicherungsbüro. »Ich bin da das Mädchen für alles«, erzählt sie. Wenn es gut läuft, erhält sie im Monat 300 Euro zusätzlich zur Rente. Von diesem Geld hat sie sich ab und an einen Urlaub gegönnt, zuletzt vor drei Jahren. Jetzt denke sie ans Sparen, sagt sie. »Fürs Alter, für die mögliche Pflege später.«

Die Zukunft sieht düster aus: Im Jahr 2030 werden die Renten voraussichtlich ein Fünftel niedriger sein als heute. Um zumindest eine Rente in Höhe der Grundsicherung im Alter (364 Euro plus Miete wie bei Hartz IV) zu erhalten, muss man bei einem Monatseinkommen von 2500 brutto dann 33 Jahre Beiträge gezahlt haben. Wer nur 1700 Euro brutto im Monat erhält, müsste sogar 49 Jahre arbeiten, um überhaupt eine Rente auf diesem niedrigen Niveau zu erhalten. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung prognostiziert, dass besonders viele ostdeutsche Menschen davon betroffen sein werden.

Karin Schäfer wagt kaum, über die Zukunft nachzudenken: »Ich muss arbeiten gehen, mein ganzes Leben lang. Keine Ahnung, wovon ich leben soll, wenn das mal nicht mehr geht.«

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