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Antifeminismus von rechts

erschienen in Lotta, Ausgabe 8,

In einer aktuellen Studie zur Geschlechterpolitik der Partei Alternative für Deutschland (AfD) schreibt der Soziologe Andreas Kämper: „Es ist nicht ausgeschlossen, dass die AfD [...] einen dezidiert antifeministischen dritten Schwerpunkt ausbaut: Die radikale Kritik an jeder Form von Gleichstellungspolitik, von der AfD als ‚Genderismus‘ diffamiert, könnte zum dritten Markenzeichen der Partei avancieren.“

 

 

Nicht nur die AfD, sondern ein großer Teil der erfolgreichen Rechtsaußenparteien in Europa haben den Antifeminismus und die Geschlechterfrage als Themen für sich entdeckt. Mit ihnen lässt sich nicht nur die Zahl der Wähler- stimmen maximieren, sondern sie stehen auch für das auf Ungleichheit gerichtete Gesellschaftsbild der politischen Rechten. Die konservativ motivierten Proteste gegen den Bildungsplan 2015 in Baden-Württemberg, die sich vor allem gegen die Darstellung sexueller Vielfalt im Schulunterricht richten, und auch die sogenannten „Märsche für das Leben“ sind Anzeichen für eine öffentliche Gegenbewegung zum selbstbewussten Auftreten von Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung. Auf rechtskonservativer Seite wird gerade dieses neue Selbstbewusstsein von Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung als Bedrohung eines zentralen Elements konservativer Ideologie angesehen: der klassischen heterosexuellen Familie.

 

Gründe für den Antifeminismus von rechts

Mit dem bei den Europawahlen dokumentierten Aufschwung rechter Parteien in zahlreichen Ländern Europas verbindet sich eine teils aggressive Wendung in der Geschlechterfrage, die von diesen Parteien in unterschiedlicher Art und Weise auf- gegriffen wird. Während traditionell neofaschistische Parteien, wie Jobbik in Ungarn, die Goldene Morgenröte in Griechenland oder die NPD in Deutschland, klar für homophobe und antifeministische Positionen stehen, stellt sich das Spektrum der modernen, häufig als „rechtspopulistisch“ bezeichneten Parteien bei diesem Thema sehr viel differenzierter dar.

Zahlreiche Beobachter der rechten Szene sprechen davon, dass Antifeminismus und eine aggressive Wendung gegen Rechte für Homosexuelle zu einem neuen thematischen Schwerpunkt der radikalen Rechten werden könnten. Die Gründe hierfür sind unterschiedlich, verbinden sich aber mit den bisherigen Erfolgsthemen der Rechten: einer häufig rassistisch motivierten Ausgrenzung von Minderheiten und schwachen Gruppen und einer generellen Ablehnung etablierter Politik. Der radikalen Rechten gelingt es zunehmend, vorhandene Ängste, Sorgen und Befürchtungen der Menschen, die sich im weitesten Sinne mit den Unsicherheiten der Globalisierung verbinden – wie internationale Konkurrenz, Zuwanderung, Auflösung traditioneller Bindungen etc. – zu bedienen. Nation und ethnische/kulturelle Zugehörigkeit stehen deshalb hoch im Kurs, weil sie als Anker der Sicherheit im Strom der Neuerungen wahrgenommen werden. Die Auflösung traditioneller Geschlechterrollen und darüber hinaus die Auflösung binärer Vorstellungen von Geschlecht (männlich/weiblich) und heterosexueller Normen verstärkt bei vielen Menschen diese Unsicherheiten, weshalb Politikangebote interessant werden, die die Wahrung alter Sicherheiten versprechen.

Die politischen Eliten werden als abgekoppelt von der normalen Bevölkerung wahrgenommen, eine Sichtweise, die von den populistisch auftretenden Rechtsparteien nach Kräften unterstützt wird. Formen von Antidiskriminierung und Geschlechtergleichstellung werden als Ausdruck einer „Political Correct- ness“ gewertet, gegen die die radikale Rechte Sturm läuft. Unter dem Deckmantel eines „Man wird doch wohl noch sagen dürfen ...“ kommt es zu vermeintlichen Tabubrüchen, die in Wahrheit jedoch nur die Fortschreibung alter Vorurteile sind. Beobachten lässt sich ebenfalls eine Rückkehr oder ein Wiedererstarken eines christlichen Fundamentalismus, wie man ihn etwa bei der Tea Party in den USA, der polnischen Rech- ten aber auch in Teilen der AfD finden kann.

Aus linker Sicht könnte es sich anbieten, den möglichen Widerspruch zwischen Antiislamismus und Antifeminismus von rechts in den Blick zu nehmen. Der mit dem Schutz „unserer“ Frauen begründete Antiislamismus entpuppt sich hier als Paternalismus gegenüber den selbst nur als Objekt betrachteten Frauen, die als selbstbewusst agierende Anwältinnen in eigener Sache schnell zum Feindbild der Rechten werden. So treffen sich letztlich patriarchale Vorstellungen mancher Islamisten mit denen rechter Antifeministen.

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