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„Analphabetin sein heißt nicht, keine intelligente Frau zu sein“

erschienen in Lotta, Ausgabe 11,

Nafissatou Seck ist 77 Jahre alt, lebt im Senegal und kümmert sich um die Bildung von Mädchen und Frauen, damit sie ihr Leben in die eigenen Hände nehmen können.

Nafissatou Seck strahlt Ruhe und Zufriedenheit aus in ihrem Gewand aus bunten Farben, ein passendes Tuch um den Kopf geschlungen. Geboren wurde sie 1938 in Saint-Louis, der ursprünglichen Hauptstadt Senegals. Sie besuchte ein von französischen Lehrerinnen und Lehrern geleitetes Mädchengymnasium, machte eine Ausbildung in angewandter Wirtschaft in Dakar und studierte Lehrwissenschaften. Nafissatou Seck erlebte während ihrer 30-jährigen Arbeit im öffentlichen Dienst hautnah, mit welchen Problemen Frauen auf dem Land im Alltag kämpften. Die Frauen durften das Budget in den Gemeinden zwar mit aufstellen, sie selbst aber hatten kein Geld. Sie durften Räte mit aufstellen, konnten selbst aber nicht lesen und schreiben. Im Senegal spielen Frauen in der Landwirtschaft eine große Rolle. Doch der Zugang zu Boden ist ihnen verwehrt. Männer sind die Familienchefs, sie treffen die Entscheidungen. All diese Erfahrungen brachten Nafissatou Seck dazu, bei Eintritt in den Ruhestand im Alter von 55 Jahren die Organisation ASAFODEB zu gründen, die „Senegalesischen Vereinigung zur Unterstützung von Ausbildung zu basisorientierter Entwicklung.“ Ein Wortungetüm für mehr Eigenständigkeit und ökonomische Unabhängigkeit von Frauen. „Der erste Schritt zu eigenen Rechten ist die Alphabetisierung. Frauen, die rechnen, schreiben und lesen können, reflektieren stärker ihre Situation“, lächelt Nafissatou Seck. „So lernen sie auch mehr über andere Themen, über den Anbau von Pflanzen, über die Verarbeitung. Sie werden selbstbewusster“. Seit 1995 führt ASAFODEB Alphabetisierungskurse durch und bildet Multiplikatorinnen aus. Den Frauen wird Lesen, Schreiben und Rechnen in ihrer Lokalsprache vermittelt. Frauen in jedem Alter sind dabei, von 20 bis 60 Jahren. In der Regel mussten sie schon früh die Schule abbrechen. Außerdem findet in senegalesischen Schulen der Unterricht auf Französisch statt, selbst dann, wenn die Kinder nur lokale Sprachen beherrschen. Für die neun anerkannten Nationalsprachen gab es eine Kodifizierung, das heißt, für sie wurde eine Schriftsprache entwickelt. Es gibt in vielen Dörfern eine selbstorganisierte Frauenvereinigung, deren Mitglieder oft auch gemeinsam sparen für unterschiedliche Vorhaben der beteiligten Frauen. Die Ausbilderinnen beziehen die Männer in die Weiterbildung der Frauen mit ein, vor allen die Maribus: die Chefs und religiösen Anführer in den Dörfern. „Wir sagen nicht, dass die Frauen den Männern ihren Platz streitig machen. Sondern, dass es auch für sie angenehmer wird, wenn ihre Frauen und Kinder mehr Bildung haben. Das bringt mehr Wohlstand und Ansehen ins Haus. Wir sprechen auch darüber, dass es für die Familie sinnvoll ist, wenn die Frauen nicht jedes Jahr ein Kind bekommen. Die Frauen können sich eher erholen und auch den schon vorhandenen Kindern geht es besser“, beschreibt Nafissatou Seck ihr behutsames Vorgehen bei den Männern. Darüber hinaus publiziert die Organisation Broschüren in lokalen Sprachen. Etwa zur Rolle als Mutter und Erzieherin, zu Gesundheitsfragen, über Agrartechnik, Bodenbeschaffenheit, gutes Saatgut, und wie Obst, Gemüse und Fisch haltbar gemacht werden können. Die Erfolge sprechen für sich. Frauen werden Kleinunternehmerinnen oder Mitglieder im Gemeinderat. Längst hören sie nicht mehr nur zu, sondern vertreten ihre eigenen Interessen. „Früher sind die Töchter zu Hause geblieben. Das Problem ist immer noch nicht endgültig gelöst“, erklärt Nafissatou Seck, „aber immer mehr Kinder, vor allem Töchter, werden in die Schule geschickt, nachdem die Mütter den Wert von Bildung schätzen gelernt haben.“ Sie erzählt von einer Nomadin, die an einem Ausbildungsprogramm teilnahm. Oft werden Mädchen der Nomaden schon mit elf Jahren verheiratet. Diese Frau hatte sich bei ihren eigenen Kindern dagegen gewehrt und alle in die Schule geschicktDie erste Tochter hat inzwischen das Abitur bestanden. Seit zwei Jahren ist Nafissatou Seck nun endgültig in Ruhestand. Ehrenpräsidentin ist sie geblieben. Ihr Wissen hat sie weitergegeben an ihre Nachfolgerinnen. Sie nennt sie liebevoll ihre „erweiterte Kinderschar“. Als die ASAFODEB in diesen Herbsttagen nach Deutschland eingeladen wurde, sagten die jungen Frauen zu ihr: „Mama Nafi, du musst fahren und von unseren Projekten erzählen.“ Sie hat’s getan, auch bei einem Besuch in der Fraktion DIE LINKE. Am Ende sagte sie: „Solange ich am Leben bin, kämpfe ich für die Frauen, für ihren Zugang zu Land und zu Bildung.“

 

Kim Weidenberg ist Referentin für Menschenrechte der Fraktion DIE LINKE

 

ASW & ASAFODEB

Die deutsche Nichtregierungsorganisation Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt (ASW) unterstützt ASAFODEB seit Langem. Als ASW feststellte, dass mit dem Betrag von zwei Bürojahresmieten für das Frauenbildungsprojekt auch ein Haus gebaut werden könnte, taten sie es einfach. Auf diese Weise kam ASAFODEB zu eigenen Büroräumen und mehr Unabhängigkeit. Mehr unter: www.aswnet.de