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Altersarmut nimmt zu

erschienen in Klar, Ausgabe 42,

Heike Domhardt ist in Thüringen zu Hause. Seit gut zwei Jahren bezieht die einstige Handelskauffrau ihre Altersrente: monatlich 935 Euro brutto. Damit liegt sie unter der Armutsgrenze der Europäischen Union: Wer unter 1.033 Euro im Monat zur Verfügung hat, ist arm. Real kann Heike Domhardt sogar nur über 837 Euro verfügen. So viel bleibt ihr nach Abzug der Kranken- und Pflegeversicherung. Dann gehen noch Miete, GEZ, Telefon, Strom und Zuzahlungen für Rezepte vom Konto ab. Heike Domhardt muss Tag für Tag jeden Cent dreimal umdrehen, bevor sie ihn ausgibt.

Die Thüringerin spricht nicht gern über ihre schmale Rente. Dabei ist sie nur eine von mittlerweile 2,7 Millionen Menschen über 65 in Deutschland, die in Armut leben oder von ihr bedroht sind. Das geht aus Daten des Europäischen Amts für Statistik hervor. Im Jahr 2015 war damit jeder Sechste der über 65-Jährigen von Altersarmut betroffen. Zwei Drittel davon Frauen.

Um überhaupt über die Runden zu kommen, arbeiten nach Zahlen des Bundesarbeitsministeriums fast 1 Million Rentnerinnen und Rentner in einem Minijob. Das ist ein Drittel mehr als im Jahr 2005. Bei den über 75-Jährigen hat sich die Zahl der Hinzuverdienenden in den vergangenen zehn Jahren sogar verdoppelt. Dieser Trend wird sich fortsetzen. Beschäftigte, die im Jahr 1980 45 Beitragsjahre bei Durchschnittsverdienst vorweisen konnten, erhielten noch 57 Prozent des Durchschnittverdiensts als Rente. Zurzeit sind es fast 10 Prozentpunkte weniger, also nur noch 48,2 Prozent. Und im Jahr 2030 werden es voraussichtlich nur noch 44,5 Prozent sein.

Heike Domhardt sagt, „sie verhungere nicht“. Das sei aber auch schon alles. Ihre Rente reiche „fürs Nötigste“. Kein Urlaub mehr, Kino und Theater zu teuer, einfach mal ins Café gehen oder eine Einladung zum Geburtstag – das alles „fällt aus, weil das Geld für diese Dinge des Lebens nicht reicht“. Sie fühlt sich ausgeschlossen, obwohl sie doch nichts falsch gemacht hat. Sie habe gearbeitet und in die gesetzliche Rentenkasse eingezahlt: für ein versprochenes würdevolles Leben im Alter. Das Versprechen wurde gebrochen.

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