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Almosen im Alter

erschienen in Klar, Ausgabe 27,

Armutsrenten drohen auch Menschen, die heutzutage Vollzeit arbeiten. Klar erzählt von zwei gewöhnlichen Berufstätigen.

Kerstin Kallaus hat einen „Stilkeller“ direkt am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg. Ein kleiner Laden, eine halbe Treppe runter, im für Berlin so typischen Souterrain. Die 50-Jährige  verkauft ins Auge fallendes Geschirr und Dinge, die das Wohnen schöner machen. Vor genau sechs Jahren eröffnete sie ihr Geschäft. Gut überlegt, gut vorbereitet.

Trotzdem sagt Kerstin Kallaus: „Mit dem Wissen von heute würde ich nicht noch einmal in die Selbstständigkeit gehen.“ Sie hat „soziale Ängste vor dem Alter“. Dabei hat sie ein Leben lang gearbeitet. Als Sekretärin, in der Werbung, im Vertrieb, als Verkäuferin – stets hat sie in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt. Bringen wird ihr das am Ende wenig: Ihre Rentenanwartschaft im Moment beträgt 700 Euro. Das sind gerade einmal 12 Euro mehr als der Betrag der derzeitigen Grundsicherung.

Sebastian Oemicke würde wahrscheinlich nicht einmal diese Rente erreichen, selbst wenn er 45 Jahre lang ohne Unterbrechung seinen Job machen könnte. Der 28-Jährige ist Busfahrer im Land Brandenburg. Vierzig Stunden die Woche und im Schichtdienst sitzt er hinter seinem Lenkrad. Am Monatsende stehen dann 1700 Euro brutto auf seinem Gehaltsstreifen. 

Beide, die Ladenbesitzerin und der junge Busfahrer, sind längst keine Ausnahme mehr. Sie gehören zu den Millionen Menschen, die Vollzeit arbeiten und trotzdem nicht gut genug verdienen, um im Alter nicht Stütze zu benötigen. Dieses Los wird – wenn der Rentensturzflug nicht gestoppt wird – mindestens jeden fünften Beschäftigten in Deutschland treffen. Laut Statistischem Bundesamt arbeiteten bundesweit 20,6 Prozent der Beschäftigten im Jahr 2010 für Niedriglöhne – also einen Stundenlohn von unter 10,36 Euro. Mit einem solchen Verdienst erwirtschaftet niemand eine Rente, die zum Leben reicht.

Mit besonders niedrigen Löhnen müssen Taxifahrer nach Hause gehen. Sie führen mit 87 Prozent die Niedriglohnverdienstliste an. Dicht gefolgt von Friseurinnen, Beschäftigten im Reinigungsgewerbe, Bäckern, Floristinnen, Hotelfachfrauen, Mitarbeitern in Cafés, Restaurants und Imbissbuden.

Die Palette der Unterbezahlten dürfte jedoch viel breiter sein. Denn die offizielle Statistik erfasst nur Beschäftigte in Betrieben mit zehn und mehr Angestellten.

Kerstin Kallaus wollte als Solo-Selbstständige gern weiter in die gesetzliche Rentenkasse einzahlen. Freiwillig. Geht nicht, sagte die Behörde. Das ist für Selbstständige nicht vorgesehen. Jetzt knapst die Frau im Laden sich monatlich rund 130 Euro für eine private Altersvorsorge ab.

„Das würde ich auch gern“, sagt Sebastian Oemicke, „fragt sich nur, wovon?“ Wenn Lohnsteuer, Kranken- und Rentenversicherung, Miete, Strom, Telefon abgezogen sind, bleiben für die alltäglichen Dinge zwischen 300 und 400 Euro. Damit müssen er und seine Freundin auskommen. Sie gelten als Bedarfsgemeinschaft. „Für mich ist trotz Arbeit soziale Abhängigkeit im Alter vorprogrammiert“, sagt Sebastian Oemicke.

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