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„Alle sind gegen den Verkauf der Bahn“

erschienen in Klar, Ausgabe 6,

Interview mit Herdolor Lorenz

Die Bundesregierung will bis 2009 knapp die Hälfte der Bahn und ihrer Infrastruktur an Privatinvestoren verhökern - zum Nachteil für Kunden und Beschäftigte, wie der Dokumentarfilm »Bahn unterm Hammer« zeigt. Klar sprach mit dem Regisseur Herdolor Lorenz.

Wann sind Sie zuletzt Bahn gefahren?

Herdolor Lorenz: Heute Nacht. Der Zug hatte eine halbe Stunde Verspätung.

So viel Zeit lässt sich die Bundesregierung nicht. Sie will die Deutsche Bahn so schnell wie möglich an die Börse bringen.

Lorenz: Ja, das Thema ist akut: Am 24. Juli hat die Bundesregierung die -Privatisierung im Kabinett beschlossen. Im -September möchte sie die Entscheidung noch vor dem SPD-Parteitag in -Bundestag und Bundesrat durchpeitschen. Es ist höchste Eisenbahn!

Was bedeutet die Privatisierung der Bahn für Kunden und Beschäftigte?

Lorenz: Geht die Bahn an die Börse, sind Kunden und Beschäftigte die Gelackmeierten. Die Bahn dient dann nicht mehr dem Gemeinwohl, sondern privaten Profitinteressen. Bahnhöfe werden geschlossen, der Service nimmt ab, Schienen und Gleise werden kaum mehr gepflegt. In England war Bahnfahren nach der Privatisierung lebensgefährlich. Und natürlich verschlechtern sich auch die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten.

Welche Rolle spielt Bahnchef Mehdorn dabei?

Lorenz: Für Mehdorn existiert Bahnverkehr nur als ICE-Verkehr. Den Interregio-Verkehr hat er eingestellt, IC-Verbindungen ausgedünnt. Ein Beispiel: Zwischen München und Nürnberg hat die Bahn eine ICE-Strecke gebaut. Der Weg über Augsburg wäre zwar 20 Minuten länger gewesen. Aber man hätte alle bisher existierenden Anschlüsse erreicht. Und die Hälfte des Geldes gespart. So ist die Region um Augsburg mit 3 Millionen Menschen abgehängt worden. Dieser Wahnsinn wird aus Steuergeldern bezahlt.

Die Bahnprivatisierung erfolgt zulasten der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler?

Lorenz: Nach der Privatisierung erwarten die Investoren eine durchschnittliche Profitrate von mindestens zehn Prozent. Dazu muss die Bahn 9000 Kilometer Strecke und zahlreiche Bahnhöfe stilllegen. Das kann nicht im Interesse von uns Steuerzahlern sein, die die Deutsche Bahn jährlich mit 10 Milliarden Euro bezuschussen. Die Steuerzahler würden die Dividende der Aktionäre finanzieren.

Sie haben zahlreiche Beschäftigte interviewt. Welche Stimmung herrscht dort?

Lorenz: Sie sind deprimiert, zynisch. Sie haben miterlebt, wie jeder Zweite in den letzten zehn Jahren entlassen wurde. Das prägt die Stimmung.

Oskar Lafontaine sagt am Ende des Films: „Jede Privatisierung ist ein Verlust an Demokratie.“ In den Interviews fällt die Ohnmacht der Bürgermeister auf, in deren Städten und Gemeinden der Bahnhof oder der Fahrkartenschalter geschlossen werden.

Lorenz: Mehdorn wirtschaftet nur Richtung Börse, er nimmt keine Rücksicht auf lokale oder kommunale Interessen. Alle Bürgermeister, mit denen wir gesprochen haben, waren gegen die Privatisierung der Bahn - unabhängig vom Parteibuch. Sie merken, was das für ihre Region und für die Bürgerinnen und Bürger bedeutet.

Es scheint kein rationales Argument für die Privatisierung zu geben. Kunden, Beschäftigte, Bürgermeister - sie alle sind gegen die Privatisierung.

Lorenz: So ist es. In England überlegen selbst die Konservativen, den Betrieb der Bahn wieder zu verstaatlichen, weil die Privatisierung den Steuerzahler zu teuer kommt.

Letztlich haben Sie es mit Ihrem Film sogar bis in die Kinos geschafft!

Lorenz: Der Film ist bereits in 125 Kinos angelaufen. Aber uns ist vor allem die flächendeckende Verbreitung durch die DVD wichtig. Man kann den Film auch auf kleineren Veranstaltungen oder Betriebsversammlungen zeigen.

Unter www.bahn-unterm-hammer.de kann die DVD bestellt werden.

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