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Abgehängt

erschienen in Clara, Ausgabe 3,

Die andere Sicht

Es ist fast unmöglich, in diesem Land über Armut zu reden. Man wird ständig genötigt zu betonen, dass Deutschland reich ist. Als wäre das mit der Armut dadurch einfacher. Dabei wird es nur komplizierter. Es relativiert das Problem, bis es so klein ist, dass man es nicht mehr erkennen kann.

Um die Frage, was Armut in Deutschland bedeutet, überhaupt debattieren zu können, müssen wir unseren Standort verlassen. Wer von der Mitte aus die Probleme betrachtet, sieht nicht dasselbe wie jemand, der vom sozialen Rand auf die Gesellschaft blickt. Nur durch diese Veränderung der Perspektive werden wir die Fähigkeit erlernen, Armut wahrnehmen zu können. Dafür brauchen wir vor allem - Zeit. Zeit, um uns auf die Lebensgeschichten armer Menschen einzulassen. Wir müssen die Betroffenen erst einmal sichtbar machen.

Was sie dabei am allerwenigsten benötigen, ist unser Mitleid. Wir können uns von der Armut unter uns weder mit Mitgefühl noch mit Geld freikaufen. Aber genaues Hinsehen könnte helfen, das Problem in seiner ganzen Schärfe erst einmal wahrzunehmen. Wie nötig das ist, bewies eindrucksvoll Volker Kauder, der Fraktionschef der Union. Ob er arme Menschen zur Unterschicht zähle, wurde Kauder gefragt. Nein, nein, antwortete er, das Wort »Unterschicht« nehme er nicht in den Mund. Wie er diese Leute denn dann bezeichne, hakte der Fernsehreporter nach. »Für mich sind das Menschen mit sozialen und Integrationshemmnissen«, sagte Kauder.

Wie will die Politik das größte Problem aller modernen Gesellschaften, die dauerhafte Deklassierung von Millionen von Menschen, auch nur ansatzweise lösen, wenn sie sich ihnen gegenüber derart unbeholfen und zynisch verhält? Wenn sie sich unempfindlich zeigt für den großen Wandel, der die Menschen und ihre Lebensverhältnisse ähnlich umwälzt wie die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts? »Wie wäre es, wenn wir uns heute Abend das Ziel setzen, im kommenden Jahr überall noch ein wenig mehr als bisher zu vollbringen?«, fragte Angela Merkel, die Kanzlerin, in ihrer Neujahrsansprache Ende vorletzten Jahres. »Sie haben schon lange eine Idee? Es muss gar nichts Überragendes sein, aber sollte 2006 nicht das Jahr sein, in dem Sie versuchen, diese Idee in die Tat umzusetzen? Überraschen wir uns damit, was möglich ist! Fangen wir einfach an ab morgen früh.« Dieser kindliche Machbarkeitsglaube ist lächerlich. Die Politik verstärkt dadurch nur den Eindruck, den man ohnehin schon hat: Sie spielt die Rolle der Bordapotheke auf der Titanic.

Der Umgang mit Armut und massenhaftem Ausschluss erfordert ein Höchstmaß an politischer Fantasie. Doch glaube keiner, auch die Betroffenen nicht, mit Fantasie im Gepäck sei das Problem dann im Handumdrehen zu lösen. Hier ein bisschen mehr Geld, dort ein bisschen mehr Gerechtigkeit, dazu ein wenig Umverteilung - so leicht wird es nicht funktionieren. Mit Geld allein ist die Armut, mit der wir es hier zu tun haben, nicht zu beheben. Ohne Geld allerdings auch nicht!

Dieses Land braucht dringend eine intelligente Armutspolitik. Dabei helfen weder Almosen für die Bedürftigen noch eine Anklage der Reichen. Es geht um die Schwachen der Gesellschaft und die Durchsetzung ihrer sozialen Rechte als gleichberechtigte Bürger. Deswegen muss Armutspolitik zuallererst eine Politik des Respekts sein.

Und dieses Land braucht endlich engagierte Armutspolitiker. Keine einzige Partei hat einen einzigen Armutspolitiker zu bieten. Je offensichtlicher sich die Gesellschaft in Gewinner und Verlierer teilt, desto mehr schließen die Parteien ihre Reihen. Sie erlauben kaum noch Abweichungen. Sie überlassen die Verlierer sich selbst - und der Super Nanny auf RTL.

Von Jens König

Jens König ist Journalist und leitet das Parlamentsbüro der taz.

Nadja Klinger/Jens König
»Einfach abgehängt
Ein wahrer Bericht über die neue Armut in Deutschland«, 256 Seiten, rowohlt Berlin, 14,90Euro
ISBN 978-3-87134-552-4
Was heißt es, wenn man im Monat von 345 Euro leben muss? Oder wenn man von 30.000 Euro Schulden erdrückt wird? Wie tief fällt ein Ingenieur, der aus einem scheinbar gesicherten Dasein in die Armut stürzt?
»Einfach abgehängt« wurde 2007 mit dem Literaturpreis der Friedrich-Ebert-Stiftung ausgezeichnet.

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