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51 Stunden für 1.100 brutto

erschienen in Clara, Ausgabe 5,

Michael Gläser arbeitet in drei Jobs, um sein Geld zu verdienen

Der 22-Jährige sieht müde aus. Der Tag ist gerade erst zur Hälfte vorbei. Michael Gläser holt den Staubsauger, damit auch am Nachmittag das Restaurant des Hotels »Senator« in Berlin-Spandau wieder blitzsauber ist. Seit sieben Uhr hat er bereits die Gäste beim Frühstücksservice bedient und danach alles gereinigt. »Ich muss bei einer 25-Stunden Woche hier im Hotel mit 600 Euro brutto zufrieden sein. Das ist hart und trifft viele in dieser Branche«, sagt der aus-gebildete Hotelfachmann. Sein vorzeitiger Berufsabschluss wegen ausgezeichneter Leistungen nutzt ihm wenig. Mehr bekommt er deshalb nicht in dem Hotel.
Michael Gläser sitzt das zweite Mal an diesem Tag in der S-Bahn und fährt erneut eine Stunde. Jetzt geht es zum nächsten Job wieder in Richtung Hoppegarten, Zwischenstopp am Berliner Ostbahnhof. Michael steigt kurz aus und bringt Würstchen und andere Lebensmittel, die im Hotel weggeworfen worden wären, zur Bahnhofsmission. Wieder rein in die S-Bahn und weitere vierzig Minuten Fahrt. 15.30 Uhr beginnt die Arbeit an der Kasse eines Supermarktes. Kurz nach 22 Uhr ist der gebürtige Pasewalker, der seit vielen Jahren am Rand von Berlin lebt, endlich fertig, fix und fertig. »Da bleibt kaum Freizeit, weil ich ja am nächsten Morgen wieder um 5 Uhr in der S-Bahn Richtung Spandau sitze. Mein Schlafdefizit ist oft enorm«, erzählt Michael Gläser.
Am Wochenende, wenn er eigentlich ausschlafen könnte, hat er einen weiteren Job: Als Komparse steht er bei Fernseh- oder Kinoproduktionen mehrmals im Monat vor der Kamera und verdient sich ein paar Euro dazu. Er war bereits in der RTL-Serie »Gute Zeiten Schlechte Zeiten« und als Demonstrant im Film über Uschi Obermaier zu sehen. »Ich kann mir die Filme oder Serien nur im Fernsehen ansehen, denn Kinokarten sind mir zu teuer.« Der Arbeitsnomade Michael Gläser spart von den 1.100 Euro brutto im Monat, die er für seine 51-Stunden-
Woche bekommt, trotzdem noch etwas.
Er will den Führerschein machen. An die Verwirklichung seines Urlaubstraums kann der junge Mann aus der Wohngemeinschaft in Hoppegarten lange nicht denken. »Ich möchte mal nach Venezuela. Wie alt ich werden muss, bis ich dafür das Geld zusammenhabe, weiß ich derzeit nicht«, sagt der 22-Jährige.

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