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1000 Friedensfrauen für den Nobelpreis

Von Gesine Lötzsch, erschienen in Querblick, Ausgabe 16,

Ein Vorschlag der Fraktion DIE LINKE aus dem Jahr 2009 an das Nobelpreis-Komitee

Das Projekt »1000 Friedensfrauen weltweit« entstand im Jahr 2004 mit der Idee, im Jahr 2005 eine große Anzahl von Frauen aus aller Welt – stellvertretend für hunderttausende Friedensaktivistinnen – für den Friedensnobelpreis zu nominieren. Ziel der Initiative aus der Schweiz war es, die mutige, oft gefährliche und meist unsichtbare Arbeit von Frauen für menschliche Sicherheit und Gerechtigkeit zu würdigen.

Im Jahr 2009 hat die Bundestagsfraktion DIE LINKE diesen Vorschlag aufgegriffen und beim Nobelpreiskomitee in Oslo ein weiteres Mal die 1000 Friedensfrauen nominiert. Denn, so hieß es vom Nobelpreiskomitee, je öfter eine Person oder Initiative nominiert wird, desto größer sind die Chancen auf den Friedensnobelpreis. Erhalten hat ihn Barack Obama. Dabei wären die 1000 Friedensfrauen eine bessere Wahl gewesen. Das gilt auch heute noch.

Das Projekt vereint auf unvergleichliche Weise viele Frauen, die oft vollkommen abgeschnitten von jeglicher Zivilisation, ohne Internet, Handy und Computer, wertvolle Friedensarbeit leisten. Andere, wie zum Beispiel Ester Kuku Rahal aus dem Sudan, haben sich selber Lesen und Schreiben beigebracht. Ester Kuku Rahal vertritt heute die Belange der Frauen aus den Nuba-Bergen im sudanesischen Parlament. Über ihre Arbeit sagt sie: »Es ist so wichtig, den Frauen zu helfen, kleine einkommenbringende Projekte durchzuführen, um ihre Familien zu ernähren.«

Oder Nabila Espanioly, die als Palästinenserin in Israel geboren wurde und sich seit langem für die Rechte der Palästinenser dort einsetzt. Im Januar 2009 war sie anlässlich der Nahost-Frauenkonferenz »Shalom/Salam« bei der Fraktion DIE LINKE zu Gast. Die Motivation für ihre Arbeit beschreibt sie so: »Keiner kann das Jucken deines Rückens so gut beenden wie deine eigenen Fingernägel. Lass dich nicht zum Opfer machen. Trage aktiv dazu bei, Dinge zum Guten zu verändern. Nutze deine Stärke!«

Auch wenn sie den Friedensnobelpreis bisher noch nicht bekommen hat, gibt die Initiative aus der Schweiz nicht auf. Zum zehnjährigen Bestehen der Resolution 1325 wurde eine neue Ausstellung konzipiert, um die Arbeit der Friedensfrauen zu zeigen. Sie wird ab dem 14. Oktober im UN-Hauptquartier in New York zu sehen sein.

Gesine Lötzsch, haushaltspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE

Weitere Informationen unter:
www.1000peacewomen.org

10 von 1000 Friedensfrauen

Malalai Joya, Afghanistan
Sie wurde in Farah geboren, ging zunächst im Iran und in Pakistan zur Schule. Nach dem Bonner Friedensvertrag (2001) und dem Sturz der Taliban-Regierung kehrte sie in ihre Heimatstadt zurück und begann, als Sozialarbeiterin und Aktivistin für Frauenrechte zu arbeiten. Malalai Joya hat das Gesundheitszentrum Hamoon mit aufgebaut, das kostenlose medizinische Behandlung und Medizin für Kinder und mittellose Frauen ermöglicht. Bei Versammlungen und auf Flugblättern tritt sie für Frauen- und Menschenrechtsthemen ein.

Monika Hauser, Deutschland
Die Italienerin wurde 1959 in der Schweiz geboren, ist Gynäkologin und Direktorin der feministischen Frauenhilfsorganisation Medica Mondiale in Köln. 1992, während des Bosnienkrieges, eröffnete sie in der Stadt Zenica ein Therapiezentrum für weibliche Opfer von Vergewaltigung und Kriegstraumata. Jetzt arbeiten dort mehr als 80 bosnische Ärztinnen, Krankenschwestern, Therapeutinnen und andere Fachkräfte. Monika Hauser gründete Projekte für Opfer von sexueller Gewalt im Kosovo, in Albanien und Afghanistan.

Janja Bec, Serbien
Sie wurde im multikulturellen Umfeld der Vojvodina geboren. Zuerst arbeitete sie als Ingenieurin, setzte dann aber ihr Studium fort und erlangte an der Universität Zagreb den Doktortitel im Fach Soziologie. 1992 verließ sie Jugoslawien und lebte in Deutschland. Als Serbin lancierte sie eine Kampagne, um muslimischen Opfern des Krieges in Bosnien und Herzegowina zu helfen. Sie unterstützte bosnische Flüchtlinge in Slowenien. Um Frauen zu helfen, über ihre Kriegstraumata hinwegzukommen und ihre Erinnerungen zu bewahren, begann sie, auf der Grundlage ihrer Erfahrungen Bücher zu schreiben.

Genoveva Ximenes Alves, Osttimor
Als Geschichts- und Kulturgeschichtsprofessorin in der St. Paul’s High School in Osttimor ist sie Friedenstrainerin und Mitbegründerin der Umgestaltung von St. Paul’s in eine Friedensschule. Sie bildet aus und betreut die Schüler und Schülerinnen bei einem Friedensprogramm, das Fähigkeiten im Gespräch, in Verhandlung und Streitschlichtung vermittelt. Vorher arbeitete Genoveva Ximenes Alves mit der Osttimor-Widerstandsbewegung gegen die Besetzung durch die indonesische Regierung.

Ruth Weiss, Deutschland
Ruth Weiss wurde 1924 in eine jüdische Familie in Deutschland hineingeboren. 1936 kam sie mit ihrer Familie nach Südafrika und erlebte die Entwicklung der Apartheid. Sie widersetzte sich dem System, indem sie schrieb. Still aber entschlossen – in Südafrika, Simbabwe, Sambia und Europa. Sie forschte, berichtete, baute Freundschaften auf, nahm an Projekten zur Überwindung des Rassismus teil. Ihre größte Stärke: Sie hörte zu. Zuhören ist die Voraussetzung für Verständnis, Verständnis ebnet den Weg zur Versöhnung – ein weltweit gültiges Friedensmodell.

Marjana Senjak, Bosnien-Herzegowina
Im August 1992 eröffnete sie das Zentrum für Psychologische Hilfe in Zenica und begann, in kollektiven Flüchtlingszentren zu arbeiten. Marjana Senjak richtete gemeinsam mit anderen eine SOS-Hotline für Menschen mit Kriegstraumata ein, auch für Soldaten. 1993 war sie Mitbegründerin des Zentrums Medica Zenica für die Behandlung weiblicher Vergewaltigungsopfer und von Menschen, die an Kriegstraumata leiden. Während der letzten Jahre wurde das Zentrum erweitert, um Opfer häuslicher Gewalt und von Inzest aufzunehmen.

Barbara Lee, Vereinigte Staaten von Amerika
Die demokratische Kongressabgeordnete Kaliforniens erlangte weltweit Aufmerksamkeit, weil sie nach dem 11. September als Einzige gegen die Resolution stimmte, die Präsident Bush die Vollmacht erteilte für den Einsatz militärischer Gewalt gegen jeden, welcher der Tat oder ihrer Planung verdächtigt war. Barbara Lee ist Anführerin einer Politik für internationalen Frieden, Sicherheit und Menschenrechte.

Martine Bonny Dikongue, Ruanda
Sie wurde 1960 in Kamerun geboren, ist Wirtschaftswissenschaftlerin und Trainerin für gewaltfreie Konfliktlösung. Martine Bonny Dikongue hilft traumatisierten Überlebenden des Völkermordes in Ruanda, wieder Vertrauen zu ihren Mitmenschen zu gewinnen. Sie arbeitet mit Lehrkräften und anderen Berufsgruppen in einem Projekt, das durch die deutsche Regierung und die Protestantische Kirche Ruandas finanziert wird, und hat einen eigenen Ansatz in der Trauma-Arbeit entwickelt, den sie »Methode der weißen Taube« nennt.

Shi Rurui, China
Sie ist Gründerin des buddhistischen Nonnenklosters im Tempel von Pushou, Mount Wutai, und hat ein großes Interesse an buddhistischer Erziehung und Religion. Shi Rurui hat geholfen, die Jixiang-Grundschule wiederaufzubauen, damit Kinder aus ärmlichen Verhältnissen in einer angemessenen Umgebung lernen können. Andere ihrer Projekte sind die Verbesserung der Infrastruktur im Bergland und die finanzielle Unterstützung behinderter Menschen.

Zarina Khan, Frankreich
Sie ist Philosophin, Dichterin, Schauspielerin, Theater- und Filmregisseurin – eine Weltbürgerin. Als 1993 der Krieg in Sarajevo wütete, eröffnete Zarina Khan einen Workshop, in dem »The Dictionary of Life« (Das Lexikon des Lebens) entstand. »Das Lexikon des Lebens« ist ein Theaterstück, das vielfach in Europa und in jeweils neuem Kontext in Beirut, auf dem Balkan, überall, wo um Menschenwürde gekämpft wird, aufgeführt wurde. Ihre Bücher über Menschenrechte, ihre Projekte zu Kinderrechten, ihre Beiträge über »einen neuen Weg, Frieden zu lehren«, sind in vielen Sprachen veröffentlicht worden. 

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