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Täterprävention ist richtige Opferhilfe

Rede von Halina Wawzyniak,

Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Der Gesetzentwurf der SPD zur Verlängerung der straf- und zivilrechtlichen Verjährungsvorschriften bei sexuellem Missbrauch von Kindern und minderjährigen Schutzbefohlenen ist gut gemeint. Wir tendieren dazu, ihm zuzustimmen. Wir tun dies, weil wir die Situation von Opfern ernst nehmen. Wir tun dies, weil wir insbesondere den Anspruch der Opfer auf zivilrechtlichen Schadensersatz unterstützen wollen. Ich bin sehr froh, dass im Gesetzentwurf deutlich formuliert wird, dass den Opfern mit weiteren Straftatbeständen und einer Verschärfung von Strafandrohung nicht geholfen ist.

(Beifall bei der LINKEN)

Tatsächlich, das zeigte auch die Debatte am runden Tisch der Justizministerin, die Herr Heveling schon erwähnt hat, muss es im Interesse der Opfer um mehr gehen als um Verjährungsfristen und deren Verlängerung. Bevor ich darauf zu sprechen komme, möchte ich eine Bitte äußern: Lassen Sie uns in Zukunft nicht von sexuellem Missbrauch an Kindern und Schutzbefohlenen sprechen, sondern von sexualisierter Gewalt.

(Dr. Gesine Lötzsch (DIE LINKE): Richtig! Genau!)

Denn das Wort „Missbrauch“ impliziert immer, es gebe auch einen „richtigen“ sexuellen Gebrauch an Kindern. Wir stimmen dem vorliegenden Gesetzentwurf, zumindest in seiner Tendenz, zu, weil wir dieses Thema dadurch so in die Öffentlichkeit bringen wollen, dass eine angemessene öffentliche Diskussion stattfindet und potenziellen Tätern weiter gehende, vor allem präventive Angebote unterbreitet werden können.

Aus unserer Sicht sind dabei zwei Richtungen zu unterscheiden:

Zum einen muss den Opfern geholfen werden. Aber nachsorgende Opferhilfe hilft den Opfern nur bei der Bewältigung dieser traumatisierenden Erfahrungen. Sie hilft nicht beim Schutz vor einer solchen Erfahrung.

Zum anderen muss man dafür sorgen, dass es gar nicht erst zu einer solchen Straftat kommt. Wichtig ist also präventive Opferhilfe. Diese erreicht man nur durch präventive Täterhilfe. Wenn wir verhindern, dass Menschen zu Tätern werden, bewahren wir andere Menschen davor, Opfer zu werden.

(Beifall bei der LINKEN)

Es geht darum, dieses Thema aus sozialpsychologischer Sicht zu beleuchten und Vorschläge zur Prävention zu entwickeln. Deshalb ist es gut, dass die Mittel für das Projekt „Kein Täter werden“ von Professor Beier von der Berliner Charité aufgestockt werden.

Ein Blick auf die Erscheinungsformen und Ursachen sexualisierter Gewalt könnte für die Entwicklung von Therapieangeboten hilfreich sein. Zu 60 Prozent handelt es sich um sogenannte Ersatzhandlungen nicht kernpädophiler Männer. 90 Prozent der Taten finden im familiären und bekannten Nahbereich statt. Und: Es sind alle sozialen Schichten betroffen.

Entgegen allgemein vorherrschenden Vorstellungen ist der Täter eines sexualisierten Übergriffs nicht der fremde Psychopath, der einem nachts im Park auflauert, sondern im Gegenteil es handelt sich bei den Tätern meist um Personen, die den Betroffenen bekannt oder mit ihnen verwandt sind. Die Tat findet also häufig zu Hause statt, wo sich die Betroffenen sicher fühlen. Diese Tatsache verschlimmert häufig noch das Gefühl des Ausgeliefertseins.

Die vornehmliche Frage lautet also: Wie können wir potenzielle Täter, im Regelfall Männer, erreichen und motivieren, keine Übergriffe zu begehen? Es geht darum, zu begreifen, was erwachsene Männer zu Tätern werden lässt und wie wir darauf reagieren können.

Hier kann ein bewusster Blick auf unsere noch immer patriarchal strukturierte Gesellschaft hilfreich sein, eine Gesellschaft, in der immer noch männlich dominierte Rollenbilder existieren und das Aufwachsen der Jungen bestimmen. Auch antiquierte Rollenbilder fördern solche Taten. An dieser Stelle möchte ich auf die ausgezeichnete Studie von Professor Volker Linneweber aus dem Jahr 1998 hinweisen, in der er unter anderem diese Rollenbilder als tatfördernd bezeichnet hat.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, die Jungenarbeit muss gezielt ausgebaut werden. Der Bereich Männerforschung sollte gezielt gefördert werden, an Schulen, Kitas und Universitäten. All dies kostet Geld. Aber dieses Geld sollten wir ausgeben, um einen wirklichen Opferschutz zu erreichen.

(Beifall bei der LINKEN)