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Sportförderung auf den Prüfstand stellen – Strukturen transparent und effizient verändern!

Rede von Katrin Kunert,

211. Sitzung des Deutschen Bundestages am Donnerstag, dem 29. November 2012
TOP 44: Antrag der Fraktion DIE LINKE. „Sportförderung neu denken – Strukturen verändern“
Drucksache: 17/11374
Katrin Kunert, Fraktion DIE LINKE

Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

„Um der gesellschaftlichen Bedeutung des Sports auch politisch gerecht zu werden, braucht der Sport ein eigenes Sportministerium“. Dies ist nicht nur eine der Forderungen unseres Antrags, der heute behandelt wird, sondern eine Forderung, die auch der ehemalige Tennisprofi Michael Stich, der unter anderem das Turnier von Wimbledon und eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Barcelona gewann, kürzlich in einem Interview geäußert hat.

Nach unserem Verständnis von Sport muss dieser in seiner Gesamtheit begriffen werden. Er umfasst Breiten-, Leistungs-, Gesundheits- und Schulsport und alle diese Bereiche stehen in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander. Diese Wechselbeziehung muss entsprechend gewürdigt werden, damit sich die positiven Funktionen des Sports auch in der Gesellschaft auswirken können. Ein eigenständiges Sportministerium könnte dieser Aufgabe gerecht werden, indem es die sportpolitischen Querschnittsaufgaben ohne Kompetenzgerangel bündelt.

Derzeit sind die Sportfördermittel in neun Einzelplänen des Haushalts verteilt.
Für mich als Mitglied des Sportausschusses ist es absolut inakzeptabel, dass die Vertreterinnen und Vertreter der einzelnen Ressorts in den Haushaltsberatungen häufig keine aussagekräftigen Informationen geben können und die Zielvereinbarungen zwischen BMI und DOSB erst durch den Druck von Journalisten im Rahmen eines Gerichtsverfahren teilweise öffentlich gemacht werden. Das Fördersystem ist auch für sportpolitisch Interessierte nur schwer zu verstehen und in seiner Gesamtheit intransparent. Das führt häufig dazu, dass die Beantragung von Sportfördermitteln mit hohen bürokratischen Hürden verbunden ist und die eine Hand nicht weiß, was die andere macht. Durch eine Konzentration der Kräfte und Fördermittel könnte das System der Sportförderung transparenter und effizienter gestaltet werden.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Debatte um die Sportförderung in Deutschland ist nach den diesjährigen Olympischen und Paralympischen Spielen in London voll entbrannt und es ist an der Zeit, althergebrachte Strukturen auf den Prüfstand zu stellen. Wir müssen nun unserer Verantwortung nachkommen und den Worten auch Taten folgen lassen und den Weg für notwendige Veränderungen bereiten!

Sport kann in die Gesellschaft wirken! Dies kann er aber nur, wenn alle einen Zugang zum Sport haben, wenn alle ihren Fähigkeiten und Wünschen entsprechend Sport treiben können und den Menschen die große Bedeutung des Sports vermittelt wird. Die Bevölkerung muss mitgenommen werden! Nur so kann jeder für sich erkennen, wie wichtig Bewegung und Sport für ein gesundes Leben sind. Und nur so entscheiden sich junge Talente für eine anspruchsvolle Laufbahn im Spitzensport. Wenn sich die Gesellschaft mit dem Sport identifizieren kann und ihr dessen Werte bewusst sind, wird es künftig auch leichter möglich sein, Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland auszutragen!

Dafür ist es jedoch auch dringend notwendig, dass Bund, Länder und Kommunen eine umfassende Sport- und Bewegungsförderung vom frühkindlichen Alter über den Kinder-, Jugend- und Breitensport hinaus in gemeinsamer Verantwortung wahrnehmen. Es kann nicht sein, dass eine umfassende Förderung den Zwängen des föderalen Systems zum Opfer fällt und die Möglichkeit sportlicher Betätigung davon abhängig ist, in welchem Bundesland oder in welcher Kommune man lebt. An dieser Stelle muss auch erwähnt werden, dass es zwingend erforderlich ist, die Situation der Sportstätten in Deutschland zu überprüfen. Eine Vielzahl von ihnen ist in einem maroden Zustand und muss dringend saniert werden. Der Sanierungsstau wird immerhin auf 42 Mrd. Euro geschätzt und diese Zahl ist bereits einige Jahre alt! Bei der Instandsetzung muss unter anderem auf Barrierefreiheit sowie die Einhaltung energetischer Standards geachtet werden. Hier steckt auch ein enormes Sparpotenzial!

Ein weiterer wichtiger Pfeiler des deutschen Sportsystems ist der Nachwuchs. Es wird sehr oft das Fehlen des sportlichen Nachwuchses beklagt. Dies hat vielfältige Gründe! Zum Teil kommen viele Kinder gar nicht mehr mit den Freuden des Sports in Berührung. Der Schulsport, der für viele die erste sportliche Anlaufstelle ist, fällt häufig aus oder ist qualitativ nicht ansprechend. Hier müssen bundesweit einheitliche Standards her, damit alle Schulkinder unter gleichen Bedingungen Sport treiben können und auch ein Schulwechsel keine Auswirkungen auf den sportlichen Weg hat. Außerdem müssen die Sportlehrerinnen und -lehrer regelmäßig weitergebildet werden, damit sie einen ansprechenden Sportunterricht durchführen können und auch in der Lage sind, sportliche Talente zu erkennen und diese an einen speziellen Sportverein weiterzuempfehlen!
Ebenso muss geklärt werden, wie sichergestellt werden kann, dass Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung entsprechend ihrem sportlichen Talent Sport treiben können und nicht pauschal eine Sportbefreiung erhalten oder zum Schwimmen geschickt werden!

Von ebenso großer Bedeutung für die Nachwuchsgewinnung sind natürlich auch die Trainerinnen und Trainer sowie Übungsleiterinnen und Übungsleiter. Sie müssen umfassend aus- und weitergebildet werden und vor allem müssen sie eine existenzsichernde und faire Vergütung für ihre Arbeit erhalten. Wenn man die Arbeit der Trainerinnen und Trainer nicht angemessen wertschätzt, muss man sich nicht wundern, wenn diese auf der Suche nach mehr Anerkennung das Land verlassen und der Nachwuchs trainerlos zurückbleibt!

Ich habe Ihnen nur einige Baustellen in der deutschen Sportlandschaft aufgezeigt, aber glauben Sie mir, es gibt wesentlich mehr und mit jedem Tag des Nichtstuns werden die Probleme drängender. Sicherlich, die Ergebnisse der Olympischen und insbesondere der Paralympischen Spiele können sich sehen lassen und wir können stolz auf unsere Teams sein, aber es gibt keinen Automatismus und keine Garantie, dass es auch in Zukunft so weitergeht. Wir haben gemeinsam gejubelt, lassen sie uns nun auch gemeinsam etwas für den Sport tun! Ich bitte Sie daher um Zustimmung zu unserem Antrag.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!