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Rede zu Protokoll - Niemanden abschreiben – Analphabetismus wirksam entgegentreten, Grundbildung für alle sichern

Rede von Rosemarie Hein,

Vor mehr als 10 Jahren wurde die UN-Weltdekade für Alphabetisierung ausgerufen. Dies und die damit im Zusammenhang stehenden Anhörungen, Kampagnen und Veranstaltungen haben alle Oppositionsfraktionen dazu bewogen, Anträge zu Alphabetisierung und Grundbildung zu stellen. Deutschland ist aus gutem Grund Mitunterzeichner der UN-Dekade. Obwohl es über ein im Vergleich zu anderen Teilnehmerländern gut ausgebautes Bildungssystem verfügt, können 14,5 Prozent der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter nicht oder nicht richtig lesen und schreiben. Das sind 7,5 Millionen Menschen. Ein Skandal für ein reiches Land wie die Bundesrepublik Deutschland. Entsprechend groß war zu Recht auch der Aufschrei in der Öffentlichkeit nach der Veröffentlichung der Leo-Studie im vergangenen Jahr. Eine Kampagne wurde neu aufgelegt, immerhin ziemlich am Ende der Dekade. Die Bundesregierung hatte mit der von ihr verantworteten Abschlussveranstaltung zur Dekade am 22. April dieses Jahres eigentlich Erfolge vermelden wollen, aber dafür war die Teilnahme zu spärlich, die Präsenz der Bundesregierung unbefriedigend, die Resonanz zu gering.

Nach dem großen medialen Aufschrei ist es offensichtlich ruhiger um diese Tatsache fehlender Grundbildung geworden. Das macht uns und offensichtlich auch den auf diesem Gebiet tätigen Vereinen und Bildungseinrichtungen besonders große Sorgen. Obwohl es in allen Ländern Alphabetisierungskampagnen gibt, bleiben messbare Ergebnisse aus. Darum wurde auf dieser Konferenz auch ein neuer, nunmehr nationaler Aktionsplan gefordert. Diese Forderung unterstützen wir unbedingt. Auch die Forschung muss weitergehen.

Denn: Nach wie vor wissen wir zu wenig über die Ursachen von Analphabetismus, nach wie vor verlassen zu viele junge Menschen die Schule nicht nur ohne Schulabschluss, sondern auch mit unzureichenden Lese- und Schreibfähigkeiten. Nach wie vor ahnen wir nur, wann und warum Menschen im Laufe ihres Berufslebens das Lesen und Schreiben wieder verlernen. Nach wie vor kommen zu wenige in die Alphabetisierungskurse. Und Analphabetismus wird immer noch als Tabu behandelt.

 

Frau Professor Grotlüschen hat in der Anhörung zum Problem im Bundestag die Schulfixiertheit der deutschen Bildungspolitik kritisiert. Da ist wohl was dran. Gerade das Thema „lebensbegleitendes Lernen“ wird zwar als politische Forderung gern im Munde geführt, aber gerade Fragen der Weiterbildung werden von allen Akteuren außerhalb der Institutionen der Weiterbildung sehr vernachlässigt. Gilt das schon für die berufliche Weiterbildung, so gilt das noch mehr für die allgemeine Weiterbildung. Hier aber wäre der Ort für eine wirksame Gegenstrategie zur fehlenden oder verloren gegangenen Grundbildung.

Eine nachhaltige Verbesserung der Situation in den kommenden Jahren und Jahrzehnten kann aber auch nicht erreicht werden, wenn man in der öffentlichen allgemeinen und beruflichen Schulbildung weiter macht wie bisher. Es muss gelingen, die Zahlen der Absolventinnen und Absolventen, die ohne Schulabschluss und ohne ausreichende Lese- und Schreibfähigkeiten die Schule verlassen, drastisch zu reduzieren.

In Deutschland wurde das Dekadenziel in dieser Frage nicht erreicht.

 

Die Fraktion DIE LINKE fordert darum, sowohl das Augenmerk auf die Verbesserung der Schulbildung zu legen wie ein neuerliches Programm zur Verbesserung der Grundbildung für Menschen ohne ausreichende Lese- und Schreibkenntnisse aufzulegen. Diese Programme müssen finanziell besser ausgestaltet werden. Die Weiterbildnerinnen und Weiterbildner müssen besser bezahlt werden. Die Unternehmen müssen sensibilisiert werden. Aber betroffene Menschen dürfen nicht aus dem Berufsleben ausgegrenzt werden. Vielmehr brauchen wir eine neue Offenheit, mit Analphabetismus umzugehen, um ihn zu überwinden. Dafür müssen diagnostische Fähigkeiten in der Lehramtsaus- und Weiterbildung verbessert werden. Dabei bleibt zu bedenken, dass es für Analphabetismus sehr unterschiedliche Ursachen, sehr unterschiedliche Ausprägungen gibt und dass es notwendigerweise auch unterschiedliche Gegenstrategien geben muss.

Und: Grundbildung umfasst mehr. Es geht um all das, was Menschen brauchen, um sich in dieser Gesellschaft Teilhabe zu sichern. Dazu gehören also nicht nur die einschlägigen Kulturtechniken, sondern auch ein Grundverständnis von demokratischen Zusammenhängen und Mitwirkungsmöglichkeiten.

 

Ideen gibt es ohne Zweifel viele, den verbalen Bekenntnissen müssen aber politische Konsequenzen folgen. Dabei darf der Bund die Zuständigkeit nicht weiter auf die Länder abschieben. Es reicht nicht, nur mit weiteren Projekten und Programmen wie dem Bildungs- und Teilhabepaket oder den sogenannten Bildungskonten oder einem ganzen Blumenstrauß von Programmen und Progrämmchen eingreifen zu wollen. Wir brauchen eine andere, nämlich nachhaltige Finanzierung der Bildungsaufgaben auf allen Ebenen und in ganz Deutschland. Die Sicherung gleicher Bildungsteilhabemöglichkeiten für alle ist eine Aufgabe öffentlicher Daseinsvorsorge von gesamtgesellschaftlicher Dimension. Sie muss deshalb in gesamtstaatliche Verantwortung.

Die Anträge von SPD und Grünen gehen in die richtige Richtung. Während wir die Ansätze der SPD zu Alphabetisierung und Grundbildung weitgehend teilen und dem Antrag deshalb auch zustimmen, bleibt der Antrag der Grünen halbherzig. Darum enthalten wir uns. Zum Antrag der SPD über einfache Sprache werden wir uns ebenfalls enthalten, weil wir eine einfache und verständliche Sprache in allen Lebensbereichen zwar für sinnvoll halten, die Schaffung einer zusätzlichen Kategorie neben der leichten Sprache skeptisch sehen. Sie kann auch zur Diskriminierung von Menschen führen und wäre darum kontraproduktiv.