Skip to main content

Rede von Karin Binder am 20.10.2016

Rede von Karin Binder,

Mit dem Schulprogramm der EU sollen Grundschulkinder kostenfrei in den Genuss von Obst, Gemüse und Milch kommen. Dies war bisher in getrennten Programmen geregelt, die mit dem vorliegenden Gesetzentwurf nun zusammengeführt werden.

Es ist zu begrüßen, dass im Rahmen dieses Programms die kostenfreie Abgabe von Obst, Gemüse und Milch an Schulkinder ermöglicht wird. Die Kinder nehmen dieses frische und kostenfreie Angebot gerne an. Wir unterstützen ausdrücklich, dass viele Kinder dadurch eine gesündere Ernährungsweise kennenlernen, und wir fördern damit eine gesunde Entwicklung der Kinder.

Entgegen häufigen Behauptungen belegen Untersuchungen, dass die Kinder gerne zugreifen und sich über die Äpfel, Karotten oder Radieschen freuen. Sie fragen nicht danach, wer das jetzt zahlt. Die beitragsfreie Abgabe dieser Lebensmittel an Kinder führt auf keinen Fall zu geringerer Wertschätzung oder gar zu Lebensmittelverschwendung – im Gegenteil lernen sie gerade durch dieses Angebot diese Lebensmittel zu schätzen.

Leider jedoch ist dieses Programm viel zu eng angelegt, und grundlegende Fragen werden nur unzureichend geklärt.

Erstens: Die EU-Mittel reichen nur für einen Teil der Grundschulkinder aus. Kindergärten oder Sekundarschulen werden gar nicht einbezogen. Und da der Bund nicht bereit ist, die Mittel aufzustocken, wird es viele Schulen geben, die gar nichts abbekommen. Andere am Programm teilnehmende Schulen werden dieses Obst- oder Milchangebot nicht täglich, sondern nur ein- oder zweimal in der Woche machen können. Ein großer Teil der Kinder und die Jugendlichen geht also leer aus. Hier wäre der Bund gefordert, im Hinblick auf die Für- und Vorsorgepflicht des Staates die Mittel aufzustocken, um ein flächendeckendes Angebot an allen Schulen und Kitas zu ermöglichen.

Zweitens: Obst, Gemüse und Milch spielen eine wichtige Rolle für eine ausgewogene Ernährung. Es geht dabei um die ursprünglichen Erzeugnisse, die frischen Rohprodukte wie Äpfel, Frischmilch oder Naturjoghurt. Wir dürfen nicht zulassen, dass mit dem EU-Schulprogramm Süßigkeiten verteilt werden. Stark zuckerhaltige Jogurt- oder Milchgetränke, zusätzlich gesüßte Obstzubereitungen verfälschen das Geschmacksempfinden und verführen Kinder zu einem hohen Zuckerkonsum.

Wenn 100 Gramm Joghurt 20 Gramm Zucker zugesetzt werden, fördert das weniger die heimische Landwirtschaft als viel mehr Diabetes und andere ernährungsbedingte Krankheiten. Das hat nichts mit gesunder Ernährung zu tun.

Und drittens bleibt auch dieses EU-Schulprogramm für Obst, Gemüse und Milch mit einem hohen bürokratischen Aufwand für die Schulen und Länder verbunden. Das wird nach wie vor viele Schulen davon abhalten, sich daran zu beteiligen. Darauf wies auch die Kollegin Katharina Landgraf von der CDU in unserer gestrigen Ausschussberatung hin. Dazu kommt, dass ein Programm, das dem Lehrer verbietet, ebenfalls in den angebotenen Apfel zu beißen, den Bildungsauftrag nicht verstanden hat. Die Vorbildfunktion von Lehrkräften gerade beim Essen in der Schule ist ein wesentlicher Bestandteil des Erziehungsauftrags, der damit verbunden ist.

Es reicht also nicht aus, diese EU-Vorlage eins zu eins zu übernehmen. Wenn Bundesernährungsminister Christian Schmidt sich ernsthaft für eine ausgewogene Ernährung von Kindern und Jugendlichen stark machen will, muss er mehr tun: erstens die Mittel aufstocken, damit alle Kinder kostenfrei teilnehmen können, zweitens stark verarbeitete Produkte mit hohem Zuckeranteil vom Programm ausschließen, drittens die Bürokratie vereinfachen.

Mit diesen drei Zutaten würden Obst, Gemüse und Milch nicht nur den Kindern, sondern auch den Lehrerinnen und Erziehern, den Eltern und uns Linken schmecken.

Deshalb können wir uns beim Beschluss dieser Vorlage nur enthalten.