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Rede Dr. Kirsten Tackmann MdB, 15.12.2011, zu Protokoll, TOP 27

Rede von Kirsten Tackmann,

Beratung des Antrags der Abgeordneten Harald Ebner, Cornelia Behm, Bärbel Höhn und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Vorsorgeprinzip anwenden - Zulassung des Pestizidwirkstoffs Glyphosat aussetzen und Neubewertung vornehmen, Drucksache 17/7982

„Glyphosat ist das weltweit am häufigsten eingesetzte Herbizid. Der US-Agromulti Monsanto brachte es 1974 unter dem Namen Roundup auf den Markt“, schreibt das Umweltinstitut München. Bis vor ein paar Monaten war die breite Anwendung dieses Pflanzenschutz-Wirkstoffs von Verbraucherinnen und Verbrauchern nahezu unbemerkt. Er wird aber schon drei Jahrzehnte auf Äckern auch in der Bundesrepublik verwendet. Die engagierte Aufklärungsarbeit von Umweltschutz- und Menschenrechtsverbänden hat Glyphosat ins Rampenlicht gerückt. Die breite Anwendung von Glyphosat steht auch im Zusammenhang mit dem umfangreichen Anbau glyphosatresistenter Gentech-Soja. Berichtet wird unterdessen über Missbildungen bei Mensch und Tier, die ursprünglich gar nicht mit Glyphosat in Zusammenhang gebracht worden waren oder über Rückstände des Planzenschutzmittels in Lebensmitteln. Diese Berichte haben klar gemacht: Es gibt ein Problem! Von BILD bis ZEIT gab es Artikel. Sucht man „Glyphosat“ bei google, finden sich über 150.000 Einträge. Was ist also dran am Glyphosat, dass sich nun auch der Deutsche Bundestag damit befasst?

Glyphosat greift in den Stoffwechsel wachsender grüner Pflanzen ein und führt zu ihrem Absterben. Daher muss es also entweder so gespritzt werden, dass die Blätter gewünschter Pflanzen nicht getroffen werden - es sei denn, sie wurden gegen dieses Gift gentechnisch resistent gemacht.

Es gibt 2 Problembereiche beim Glyphosat. Die Anwendung glyphosathaltiger Pestizide im Zusammenhang mit gentechnisch veränderten Pflanzen - vor Allem in Nord- und Südamerika - und die Anwendung des Wirkstoffs in Deutschland. Zum Beispiel im Obst- oder Weinbau.

Zum Ersten: Die Agro-Gentechnik wird immer wieder als Wunderwaffe gegen den Hunger der Welt gepriesen. In Wirklichkeit ist sie jedoch vor allem eine der effektivsten Möglichkeiten, den Pestizidabsatz der Agrokonzerne zu sichern. Vier von fünf Gentech-Pflanzen sind so verändert worden, dass sie gegen das hauseigene Pestizid resistent sind. Dieses wird als so genanntes Totalherbizid über die Felder gesprüht – meist mit dem Flugzeug – und tötet alle Pflanzen, die nicht über den künstlich eingebauten Schutzmechanismus verfügen. Die Agroindustrie kann somit doppelt Geld verdienen, denn die Bäuerin oder der Bauer müssen sowohl für das patentierte Saatgut, als auch für das daran gekoppelte Pestizid bezahlen. Beispielsweise die RR-Sojabohne von Monsanto, die gegen den glyphosathaltigen Unkrautkiller Roundup Ready (RR) resistent ist. Auch RR-Baumwolle oder Mais sind unterdessen weltweit verbreitet. Die Anwendung der Gentech-Pflanzen und ihres Chemiezubehörs hat wachsende Abhängigkeiten der Bauernhöfe und zunehmende Umweltverschmutzungen zur Folge. Statt Pestizide einzusparen, steigt das Risiko von Unkrautresistenzen und damit von so genannten Superunkräutern. Auf diese Entwicklung wird mit immer komplizierteren und teureren Gift-Cocktails reagiert. Werden diese Chemieduschen auch noch aus der Luft ausgebracht potenziert sich das Risiko gesundheitlicher Auswirkungen auf Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, die inmitten der grünen Sojawüsten leben. Berichte aus Argentinien oder Paraguay sind lange bekannt und werden immer wieder mit bedrückenden Bildern belegt. Der Zusammenhang zwischen Glyphosat und Missbildungen, Atembeschwerden oder Kopfschmerzen wurde lange übersehen, es verdichten sich aber die Hinweise auf diese Ursache. Glyphosat steht zudem im Verdacht, das Erbgut zu schädigen und krebserregend zu sein.

Zweitens: In Deutschland gibt es noch keine Gentech-Pflanzen, welche gegen ein Unkrautvernichtungsmittel resistent sind. Noch nicht, muss man angesichts der internationalen Entwicklungen sagen. Das kann sich im Laufe der kommenden Jahre schnell ändern. In der EU warten über 100 Gentech-Pflanzen auf eine Zulassung. Teilweise für den Anbau in Europa, viele davon sind herbizidresistent. Von den bereits 38 in der EU zugelassenen Gentechveränderungen (events) besitzen 30 eine Herbizidresistenz, davon 17 gleichzeitig eine Insektenresistenz. Auch wenn solche Pflanzen bei uns noch nicht zum Anbau zugelassen sind, bedeutet das nicht, dass Glyphosat in Deutschland nicht verkauft wird. Im Gegenteil. Glyphosatresistente Gentech-Pflanzen würden zwar die Anwendung von Roundup Ready massiv ausweiten, aber schon jetzt geht auch in der Bundesrepublik Roundup Ready literweise über den Ladentisch. 4.000 – 8.000 Tonnen des Wirkstoffs Glyphosat sollen es nach Angaben des NABU im Jahr 2010 gewesen sein. Eingesetzt werden die glyphosathaltigen Pestizide im Obstbau, in Weinbergen und Weihnachtsbaumkulturen, auf Bahnschienen oder auf Bürgersteigen. Erschreckend ist, dass trotz des gesundheitlichen Risikos der Absatz von Glyphosat ständig steigt. Trotz der negativen Medienberichte. Meiner Meinung nach hat das auch mit der Zunahme der Anwendungserlaubnisse zu tun. Das Gift darf in immer mehr Fällen angewandt werden, seit ein paar Monaten sogar im Kleingarten! Glyphosathaltige Pestizide finden sich in jedem Bau- und Gartenmarkt und werden eifrig beworben. Im Kleingarten haben diese Unkrautkiller aber nichts zu suchen, finde ich! Sie werden gerne benutzt, um im so genannten Vorauflauf - also bevor die Nutzpflanze wächst - den Acker oder das Beet unkrautfrei zu machen. Das ermöglicht eine pfluglose Bodenbearbeitung, die aus betriebswirtschaftlichen Gründen immer beliebter wird. Dann ist der Acker sauber, und die gewünschte Kultur kann zunächst konkurrenzlos aufwachsen. Alle Unkräuter sind weg. Rainald Grebe singt in seinem Lied „Auf´s Land“ „Das sind doch keine Unkräuter. Das sind doch Beikräuter.“ und betont damit die Bedeutung der Ackerbegleitflora. Ist sie erst mal vernichtet, wirkt sich das negativ auf die Artenvielfalt des Agrarökosystems aus. Schmetterlinge und anderen Insekten finden weniger Nahrung. Der Einsatz von Totalherbiziden ist daher ökologisch sehr fragwürdig. Auch nach Ende des Wuchsphase wird gerne auf Glyphosat zurück gegriffen. Beim so genannten „Totspritzen“ wird die fast reife Ackerfrucht auf der Zielgeraden unterstützt. Das Gift ermöglicht eine schnellere Trocknung, erleichtert dadurch die Ernte oder lässt die Pflanze schneller reifen. Mag sein, dass sich das ökonomisch für den Betrieb "rechnet" - für die Volkswirschaft rechnet sich das nicht. Deshalb müssen wir andere Wege gehen.

Was tun? Die Forderung eines Verbots von Glyphosat hört sich logisch an, würde aber aktuell das Problem nicht lösen. Derzeit sind keine unbedenklicheren Alternativen verfügbar und auch nicht in Sicht. Für eine Neubewertung des Wirkstoffes ist es allerdings höchste Zeit. Bisher wurde Glyphosat als relativ umweltfreundliches Pestizid angesehen, das hat sich nun durch seine massenweise Anwendung und die neue wissenschaftlichen Berichte geändert. Seine vielfältigen Einsatzmöglichkeiten müssen kritisch überprüft werden. Auch die Kombination von Gentech-Pflanze und dazugehörigem Unkrautkiller muss durch die EU viel stärker unter die Lupe genommen werden. Die Gentechnikabteilung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) fühlt sich für die Untersuchung von Pestizidrückständen, Begleit- und Abbaustoffen (Metaboliten) nicht zuständig, wenn sie einen Zulassungsantrag einer herbizidresistenten (HR) Gentech-Pflanze auf dem Tisch hat. Das ist inakzeptabel! Sowohl im Zulassungsverfahren, als auch im späteren Monitoring müssen Herbizid und herbizidresistente Pflanze gemeinsam betrachtet werden. Übrigens ist das Problem nicht auf Glyphosat beschränkt, sondern betrifft auch seinen kleinen Bruder Glufosinat aus dem Hause Bayer.

Im Kleingarten gehört Roundup Ready aus Sicht der Linken verboten, weil dort eine sachgerechte Anwendung mehr als schwierig und damit riskant ist. Nötig ist der Unkrautkiller dort sowieso nicht. Auch die Belastung von Lebens- und Futtermitteln durch glyphosathaltige Pestizide ist stärker zu prüfen. Hier gibt es Defizite in der Prüfhäufigkeit der Länder und in der Untersuchungsdurchführung. Die Linksfraktionen in den Landtagen haben dies durch mehrere Kleine Anfragen herausgefunden. Die Abbauprodukte (AMPA) und die Netzmittel (POE-Tallowamine) der glyphosathaltigen Pestizide stellen im Vergleich mit dem Wirkstoff das noch viel größere Problem dar, sind aber kaum untersucht bzw. greifbar. Die Bundesregierung hat mir auf eine Anfrage Ende November 2011 geantwortet, dass sie die Zulassung von POE-Tallowaminen noch nicht widerrufen will. Sie erwarte eine Bewertung des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit (BVL) in naher Zukunft. Ich auch - und zwar so schnell wie möglich!

Deutschland muss sich beim Thema Glyphosat seiner Verantwortung stellen. Nicht nur für die Anwendung bei uns, sondern auch um den Anforderungen in der EU gerecht zu werden. Deutschland ist EU-Berichterstatter für die Neuzulassung von Glyphosat und muss 2012 seinen Bericht nach Brüssel senden. Dort erwarte ich kritische Worte und einen dem Vorsorgegedanken verpflichteten Vorschlag, wie in der EU zukünftig mit Glyphosat umgegangen werden soll. Die Linksfraktion wird das kritisch begleiten.