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Organspenden

Rede von Ilja Seifert,

Heute, in der planmäßig letzten Sitzungswoche der 16. Legislaturperiode, befasst sich das Hohe Haus erneut mit einem ethischen Thema, mit Organspenden. Konkreter Anlass ist uns diesmal ein Antrag der FDP, der Lebendspenden - nicht zuletzt sogenannte Überkreuzspenden - erlauben will. Ich will gar nicht darum herumreden: Dieses Ansinnen lehne ich ab. Und ich füge hinzu, dass die Fraktion Die Linke diese Ablehnung teilt.

Dieser Tagesordnungspunkt zu später Stunde veranlasst mich jedoch, einen etwas größeren Zusammenhang darzustellen: Unsere Debatten über ethische Probleme scheinen mir nämlich insgesamt zu verkrampft, zu machtüberlagert, zu wenig frei von Erfolgsinteressen zu sein. Zu oft wird so getan, als ob solche Debatten nutzlos seien, wenn sie nicht in gesetzgeberische Ergebnisse münden, also nicht zu neuen Gesetzen führen. Besonders deutlich wurde das im vergangenen Monat, als der Deutsche Bundestag über Patientenverfügungen debattierte und schließlich auch ein Gesetz verabschiedete.

Lebendspenden scheinen den FDP-Kollegen das geeignete Mittel zu sein, den Mangel an Organen, die implantiert werden können, zu beheben. Und kommerziellen Missbrauch schließen sie selbstverständlich völlig aus. Besonders haben es ihnen Überkreuzspenden befreundeter Ehepaare angetan. Als wäre das ohne jeden Interessenkonflikt. Aber sie schlagen auch gleich noch einen Organpool vor. Da lugt der Kommerz aus allen Knopflöchern.

Am Beginn dieser Wahlperiode wurden vielfältige Versuche von Abgeordneten aus allen Fraktionen unternommen, uns ein ständiges Gremium zu schaffen, in dem ethische Fragen in aller Ruhe, mit politischem Verantwortungsbewusstsein - also praxisorientiert - beraten werden können. Doch weder diesem Vorschlag noch derEinsetzung einer erneuten Enquete-Kommission, die sich mit Ethik und Recht in der modernen Medizin befasst hätte, wollten die Vorstände der Koalitionsfraktionen zustimmen. Der Antrag der Linken „Einsetzung eines Ethik-Komitees des Deutschen Bundestages“, Drucksache 16/3277 vom 7. November 2006, wurde von CDU/ CSU, SPD und FDP abgelehnt. Stattdessen hängte die Regierung dem Nationalen Ethikrat ein neues Mäntelchen um und meinte, damit sei genug getan.

Wie groß dieser Irrtum war, erwies sich nicht zuletzt in den vergangenen Monaten, als wir über sogenannte Spätabtreibungen, die Patientenverfügung, das Sterben und heute auch über Lebendspenden zur Organtransplantation sprachen und sprechen.

Dass bei Transplantationen widersprüchliche Interessen im Spiel sind, lässt sich nicht leugnen. Der Wunsch, mit einem funktionsfähigen Organ gut weiterleben zu können, ragt zwar am deutlichsten heraus - zumindest wird das am häufigsten ins argumentative Feld geführt -, er ist bei Weitem aber nicht das einzige Argument, häufig wohl nicht einmal das wichtigste. Geht es um Lebendspenden, lassen sich kommerzielle Interessen am wenigsten verdrängen. Aber auch verdeckte Interessen wirken subtil. Beispielsweise kann ein gewisser Zwang zur Spende entstehen, wenn bekannt ist, dass zwischen Verwandten gute Immunverträglichkeitswerte bestehen. Mit Freiwilligkeit hat das dann nur noch wenig zu tun.

Da die Mehrheit dieses Hohen Hauses meinte, ohneein entsprechendes Beratungsgremium auskommen zu können, blieben unsere Erkenntnisfortschritte eher zufällig. Wenn ich das sage, spreche ich keiner Kollegin und keinem Kollegen das redliche Bemühen ab, sich - neben all den anderen Verpflichtungen, die uns alle alltäglich umtreiben - so sachkundig wie möglich zu machen. Aber die kollektive Selbstverständigung in der Kombination von Fachexpertenwissen und Politikerkenntnis fehlte uns, sehr sogar.

In der ersten Lesung dieses Antrags konstatierten fast alle Rednerinnen und Redner mit mehr oder weniger ausgeprägtem Bedauern, dass die Spendenbereitschaft in der BRD eher rückläufig sei. Dabei sei doch im Transplantationsgesetz, das die FDP mit ihrem Antrag erweitern - ich sage: aufweichen, womöglich völlig aushöhlen - will, alles vortrefflich geregelt. Kaum jemand fragte nach den Ursachen, erst recht entwickelte man Verständnis dafür. Nein, Ziel sei und müsse bleiben, mehr implantationsfähige Organe zu gewinnen.

Vielleicht hätten wir in einer Ethik-Kommission des Bundestages einige Fragen, die mit dem Ende des Lebens zusammenhängen, etwas anders gestellt und beantwortet?Vielleicht hätten wir mehr Zeit und dann tiefgründigere Argumente darauf verwendet, über die natürliche Endlichkeit des Lebens zu reden? Vielleicht hätten wir der Illusion, reparierbare Körper zu haben, allgemein verständlichere und das Menschenbild weniger verzerrende Alternativen entgegenzustellen vermocht? Wie tiefgreifend verändern wir unser Menschenbild, wenn manchmal der Eindruck erweckt wird, wir könnten dem Tod ein Schnippchen schlagen? Warum verwenden wir so viel Energie darauf, den Tod und das Sterben aus unserem Alltag zu verdrängen? Stünde es uns nicht mindestens genauso gut - vermutlich sogar besser - zu Gesicht, mit diesen Lebensphasen viel selbstverständlicher umzugehen und offener darüber zu reden? Und wenn Körperorgane versagen, nicht nach Reparatur zu rufen, sondern - alle klassischen Mittel der medizinischen Kunst nutzend - uns trotzdem auf das Unvermeidbare vorzubereiten?

In etlichen Plenardebatten - zum Beispiel wenn es um die Contergan-Opfer oder um Menschen ging, die assistierende und pflegende Hilfe benötigen - äußerten viele Rednerinnen und Redner, wie wichtig es ihnen sei, Leid abzuwenden, oder es zumindest lindern zu helfen. Nicht selten klangen ihre Stimmen dabei tief betroffen.

Erinnern Sie sich einiger Debatten, in denen es um Hospizarbeit, insbesondere um Kinderhospize ging: Große Betroffenheit allenthalben. Höchstes Lob für haupt- und ehrenamtlich arbeitende Hospizangestellte. Am Ende gab es ein bisschen mehr Geld und das Versprechen, zukünftig dieser wichtigen Aufgabe größere Anerkennung zu widmen.

Die Wahrheit auszusprechen, dass medizinisch eben nicht alles möglich - nicht einmal wünschenswert - ist, scheuen wir uns aber häufig. Ich schließe mich da ausdrücklich ein. Könnten wir einander jedoch in regelmäßiger Befassung mit ethischen Fragen auch gegenseitig Mut machen, solche Wahrheiten beim Namen zu nennen, fielen uns vermutlich auch solche öffentlichen Debatten leichter. Vor allem aber könnten wir sie mit weniger Pathos führen. Und somit unserer Vorbildfunktion - ich meine, dass wir gewählten Abgeordnete eine solche in der Öffentlichkeit haben - besser entsprechen. Wir bräuchten uns weniger an politisch korrekte Begriffe zu klammern, sondern könnten eine einfache und verständliche Sprache sprechen.

Der Ruf nach größerer Spendenbereitschaft klammert unter anderem die Erfahrungen derjenigen aus, die zum Beispiel mit einer Spenderniere leben, inzwischen aber deutlich sagen, dass sie darunter mehr leiden als unter der Dialyse-Abhängigkeit. Sowohl die drastischen Aus-, Neben- und Hauptwirkungen der starken Medikamente, die lebenslänglich gegen die Abstoßgefahr des neuen Organs genommen werden müssen, als auch ethische Fragen nach der Spenderin bzw. dem Spender spielen dabei eine große Rolle.

Auch klammern wir die Phase der Explantation gern aus den Debatten aus. Wer aber einmal mit Anästhesisten oder anderem medizinischen Personal, das der Organentnahme beiwohnt, spricht, versteht, warum so viele von ihnen Gewissenskonflikte haben. Schließlich braucht Organtransplantation „warme Leichen“. Dafür definierte das Transplantationsgesetz extra den Hirntod. Es gäbe noch so vieles zu bedenken, dafür reicht die heute angesetzte Debattenzeit aber bei weitem nicht aus. Ich jedenfalls bedaure es sehr, dass sich das Parlament kein Gremium schuf, in dem solche Fragen wesentlich intensiver beraten werden könnten und empfehle dem nächsten Bundestag dringend, sich dieser Frage erneut zu stellen.