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Ökologische und soziale Probleme durch Kreuzfahrttourismus ernst nehmen

Rede von Ilja Seifert,

Rede von Dr. Ilja Seifert, DIE LINKE. zum

Antrag der CDU/CSU und der SPD: „Kreuzfahrttourismus und Fährtourismus in Deutschland voranbringen“

Schon die Überschrift des Koalitionsantrages „Kreuzfahrttourismus und Fährtourismus in Deutschland voranbringen“ ist fragwürdig. Warum will die Koalition etwas voranbringen, was auch ohne sie und ihren Antrag überproportionale Zuwächse hat? Die Koalitionsfraktionen verweisen selbst in ihrem Antrag auf dieses Wachstum: Der Umsatz des Kreuzfahrtenmarktes in Deutschland hat sich seit 1999 mehr als verdoppelt - das gilt auch für den Bereich der Flusskreuzfahrten. Und die Koalition sagt voraus, dass es auch weiterhin sehr gute Wachstumserwartungen gibt. Wozu also dieser Antrag? Um an dem „Erfolg“ teilzuhaben statt hinterher zu schwimmen?
Von Reisen übers Meer und in ferne Länder träumen viele. Seefahrerabenteuer in Kinder- und Jugendbüchern und auch die vielen Traumschiff-Fernsehserien zu besten Sendezeiten wecken Wünsche. Zunehmend mehr Angebote an günstigen Schiffsreisen inklusive preiswerter Flüge zum Hafen und zurück schaffen Voraussetzungen für zunehmend mehr Menschen, sich diesen Traum zu erfüllen.
Dagegen ist auch nichts einzuwenden und ich gönne jeder und jedem die Erfüllung dieses Traumes. Einwände habe ich aber zu diesem Antrag. Ist es wirklich die Aufgabe der Politik, diesen so rasant wachsenden Tourismussektor noch stärker zu fördern, an statt die Konsequenzen daraus kritisch zu hinterfragen?
In dem Antrag der Koalition werden sämtliche Probleme, die mit der nationalen und internationalen Schifffahrtstouristik verbunden sind, ausgeblendet. Selbst auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung kommen unter dem Stichwort Kreuzfahrttourismus an erster Stelle viele negative Aspekte, die sich mit dem Boom dieses Sektors auftun. Hier seien nur einige genannt:

Erstens: Transport, Übernachtung und Verpflegung machen den Löwenanteil der Ausgaben eines jeden Touristen aus. Bei Kreuzfahrten landet dieser Teil der Urlaubskasse faktisch zu 100 Prozent in den Taschen der internationalen Tourismusbetriebe. Ihre Schiffe laufen die Kreuzfahrthäfen meist frühmorgens an und legen in der Nacht wieder ab. Im Gegensatz zu Hotel- oder gar Rucksacktouristen können die Kreuzfahrer so nur einen Bruchteil ihres Urlaubsgeldes in den bereisten Ländern selbst ausgeben. Dieses gilt natürlich auch für an den deutschen Seehäfen anlandende Kreuzfahrtliner.

Zweitens: Paul Wilkinson von der kanadischen York University beobachtete 1999 folgerichtig den Trend, dass die Traumschiffpassagiere Jahr für Jahr weniger Geld in den Kreuzfahrthäfen ausgeben. Als Beispiel führt er die Bahamas an. Dort ließen die Passagiere 1980 im Schnitt noch rund 55 US-Dollar während ihres Landganges auf der Inselgruppe. 16 Jahre später, 1996, waren es inflationsbereinigt nur noch 31 US-Dollar pro Person. Hauptursache dieses Rückgangs seien die Luxusliner, die sich mit jeder neuen Schiffsgeneration zu regelrechten "Geldfallen" entwickelt hätten. Die Kreuzfahrtindustrie nutzt lokale Infrastrukturen, gibt aber nichts der lokalen Wirtschaft zurück.

Drittens: Um Gewinne zu maximieren, spart die Traumschiffbranche auch bei den Löhnen und Arbeitsbedingungen ihrer Crew-Mitglieder. Unabhängige Arbeitsvermittler besorgen das billige und willige Personal vor allem aus den verarmten Ländern des Südens und des Ostens. Untersuchungen der Arizona State University zufolge ist es nicht ungewöhnlich, wenn die bis zu 1000-köpfige Besatzung eines Luxusliners aus mehr als 40 verschiedenen Nationen stammt. Weil aufgrund dieser "Völker- und Sprachenvielfalt" an Bord keine effektive gewerkschaftliche Arbeitnehmervertretung möglich sei, ließen sich sehr niedrige Löhne bei gleichzeitig sehr langen Arbeitszeiten und fragwürdigen Lebensbedingungen an Bord durchsetzen.

Viertens: Was bleibt den Inseln und Regionen vom Kreuzfahrttourismus? "Der Abfall", lautet die Antwort. "Ein Kreuzfahrtschiff mit 1200 Passagieren und Besatzung produziert jeden Tag 4,2 Tonnen Müll, andere Abfallschadstoffe wie Ölreste, Abwasser und sanitäre Rückstände nicht mitgerechnet", so ein besorgter Commenwealth-Report. Abwässer und Müll der Ozeanriesen landen direkt im Meer - und später an den Stränden. Abfälle der Kreuzfahrtschiffe finden sich heute an allen Stränden der Karibik und bald auch an allen Küsten der Südsee. Gegenwärtige, internationale Abkommen sind unzureichend, um die fortschreitende Vermüllung und Verseuchung der Meere vor den Trauminseln zu verhindern. Doch selbst wenn künftig Müll- und Abwasserentsorgung auf hoher See verboten und mit schmerzhaften Strafen belegt werden sollte: Das Problem bleibt. Wohin mit dem "Dreck"? Schon jetzt wissen die Inselstaaten nicht, wohin mit dem eigenen Müll.

Fünftens: Kreuzfahrtschiffe haben für Tourismuskonzerne noch einen unschlagbaren Vorteil: sie verringern die Abhängigkeit der Touristikbranche von den Urlaubsländern. Die schwimmenden Touristik-Ressorts können überallhin ausweichen. Dank geringem Tiefgang können einige moderne Luxusschiffe selbst kleine Dörfer am Amazonas oder die winzigsten Tropeninseln anlaufen. Zudem gehen sie auch bei einem noch so hohen, durch globale Erwärmung ausgelösten Meeresspiegelanstieg nicht unter. Dies aber droht gerade den Tropeninseln. Der Kreuzfahrtbranche tut dies keinen Abbruch. Sie kann sich zurücklehnen und dem bevorstehenden Untergang vieler Trauminseln zusehen.

Sehr geehrte Damen und Herren,
gestatten Sie noch ein paar Anmerkungen zu einzelnen Punkten des Antrages:
In welchem Umfang Ausbau und Anbindung der Häfen mit Steuermitteln - wie im Punkt 2 gefordert - für die Kreuzfahrtschifffahrt voranzubringen ist, ist auch unter sozialen, städtebaulichen und ökologischen Gesichtspunkten zu prüfen. Ein wichtiger Aspekt muss dabei auch die durchgängige Barrierefreiheit sein: im Hafen und bei den angebotenen Ausflügen in der Hafenstadt und Umgebung.
Ich halte es für falsch, wenn - wie im Punkt 3 gefordert - die vor allem mit Bundesmitteln agierende DZT noch mehr Geld in die Vermarktung der Kreuzschifffahrt steckt, anstatt sich mehr bei der Bewerbung von barrierefreien Reisen, Reisen für Kinder und Jugendliche oder dem Tourismus zwischen Städtepartnern zu engagieren.
Punkt 6 ist zu begrüßen, wenn damit der Erhalt von natürlichen Flusslandschaften statt dem unnötigen Ausbau von Wasserstraßen gemeint ist.
Bei den Punkten 16 bis 18 sollte unbedingt der Aspekt der Barrierefreiheit berücksichtigt werden. Die Erfahrungen zeigen, dass solche Gespräche die Bahn schon jetzt wenig schert - auch dies ist ein Grund, die weitere Privatisierung der Bahn zu stoppen.
Und nun zum Punkt 19: Schon jetzt gibt es im Bundeshaushalt 2007 und auch im in der Diskussion stehenden Plan für 2008 eine deutliche Schieflage in der Tourismuspolitik. Während die Stärkung der Tourismuswirtschaft zum zentralen Ziel erklärt wird, sind die Förderung von barrierefreiem Tourismus, von Tourismus für finanzschwache Familien, für Kinder und Jugendliche und für die Förderung eines ökologisch verträglichen Tourismus nur Randthemen.
DIE LINKE fordert REISEN FÜR ALLE - CDU/CSU und SPD wollen Kreuzfahrten für viele und verschleiern mit ihrem Antrag komplett die ökologischen und sozialen Probleme, die mit dieser Art des Tourismus verbunden sind. Der Antrag wird daher von der LINKEN abgelehnt.