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Junge WissenschaftlerInnen - lästiger Kostenfaktor?

Rede von Petra Sitte,

- Rede zu Protokoll -


Sehr geehrte Damen und Herren,

ich hatte in den vergangenen Monaten die Gelegenheit, mit vielen Nachwuchswissenschaftlerinnen und –wissenschaftlern beziehungsweise Vertretern des akademischen Mittelbaus zu sprechen. Neben den Organisationen, Gewerkschaften und Verbänden hatte ich auch mit Promovierenden und Post-docs, die sich bei uns mit ihren Problemen gemeldet haben, das Gespräch gesucht. Ich wollte einen Eindruck gewinnen, wie sich ihre Situation seit 2008 geändert hat. Damals gab es eine umfangreiche Debatte hier im Bundestag und im Bildungsausschuss zum Thema, und die Bundesregierung gelobte Besserung bei den Arbeitsbedingungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.


Leider kann ich nur wenig Positives von der „Basis“ berichten. An erster Stelle der Probleme steht nach wie vor die Frage der prekären Beschäftigung. Und da hat sich die Situation keineswegs verbessert. Der Trend zu befristeten Verträgen, zu Teilzeitbeschäftigungen, zu Stipendien hält ungebrochen an. Und mein persönlicher Eindruck trügt nicht, wie die Zahlen des statistischen Bundesamtes belegen. Die Zahl der unbefristeten wissenschaftlichen Vollzeitstellen neben der Professur hat einen historischen Tiefststand erreicht. An Universitäten waren im Jahr 2008 weniger als zwölf Prozent der angestellten wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dauerhaft beschäftigt. Zehn Jahre vorher hatte diese Zahl immerhin noch knapp 19 Prozent betragen. Das Verhältnis von befristetem zu unbefristet angestelltem Personal an allen Hochschularten hat sich von 3,6 zu 1 im Jahr 2000 auf 6,7 zu 1 im Jahr 2008 dramatisch verschlechtert.


Ein Großteil des Personals verfügt zudem nicht über Vollzeitstellen. Die Teilzeitquote des gesamten hauptberuflichen Personals inklusive Professuren stieg von 24 (2000) auf 35 Prozent (2008). Selbst unter den angestellten hauptberuflichen wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beträgt die Quote 40,9 Prozent.
Umfragen unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, wie aktuell eine Studie der Hochschulinformations-GmbH HIS, ergeben das gleiche Bild. Und die Befragten wie auch meine Gesprächspartner sagen übereinstimmend: das Problem der unsicheren Zukunft, der mangelndem Berufsperspektiven ist nicht nur eine dramatische Beeinträchtigung der Lebenschancen dieser jungen Menschen, es behindert auch die Leistungsfähigkeit des gesamten Systems. Wer ständig mit der Sicherung der eigenen Arbeitsmöglichkeiten beschäftigt ist, verheizt Ressourcen für gute Wissenschaft. Und gerade die Besten verlassen irgendwann das Land, weil ihnen anderswo überhaupt die Möglichkeit zur dauerhaften und selbständigen wissenschaftlichen Tätigkeit geboten wird. Für viele endet aber auch der Weg in der Wissenschaft, wenn nach der Habilitation oder der Juniorprofessur keine eigene Professur winkt.


Dieses Land behandelt seine Hoch- und Höchstqualifizierten wie einen lästigen Posten in der Haushaltskasse. Die Ursachen für diese Entwicklung lassen sich klar aufzeigen. Der Anteil an flexiblen Mitteln in den Haushalten der Forschungsinstitute und Hochschulen steigt immer weiter an. Die großen Forschungsorganisationen haben ihre Finanzierung weitgehend auf wettbewerbliche Prozesse umgestellt. Eine Kollegin eines Helmholtz-Zentrums berichtete, es gebe in ihrer großen Arbeitsgruppe noch drei Stellen, die nicht aus befristeten Projektmitteln finanziert werden. Die des Leiters und zwei Sachbearbeiterinnen. Auch ein Direktor eines Leibniz-Instituts erzählte, er sei der einzige Wissenschaftler am Institut, der dort eine dauerhafte Perspektive hätte. Alle anderen müssten sich nach wenigen Jahren etwas anderes suchen.


Aber auch der Boom der Drittmittel hält an: ihr Anteil ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen. Er betrug im Jahr 2008 bei Hochschulen schon 25,1 Prozent, bei außeruniversitären Einrichtungen bereits 35 Prozent. Diese Situation schlägt sich auf die Arbeitsbedingungen nieder: im Berichtsjahr wurden 36 Prozent des gesamten hauptberuflichen wissenschaftlichen Personals an Hochschulen und eine Mehrheit des befristeten wissenschaftlichen Personals aus Drittmitteln finanziert.
Wir leisten uns um der Flexibilität und der niedrigen Kosten willen einen Verschleiß an Know-how und eine Vergeudung intellektueller Ressourcen, die immense individuelle und institutionelle Nebenwirkungen produzieren. Oder glauben Sie, die Professorinnen und Professoren finden es sinnvoll, alle zwei bis drei Jahre ihren Mitarbeiterstab komplett auszuwechseln?


Nun endlich setzt langsam ein Umdenken ein. So hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft empfohlen, mehr Stellen und weniger Stipendien auszureichen. Auch können Stellen für Promovierende mit mehr als den bisher obligatorischen 20 Wochenstunden gefördert werden. Wir wünschen uns mehr solcher Initiativen, auch in den Forschungsorganisationen. Die Promovierenden-Umfrage des PhD-Net bei der Max-Planck-Gesellschaft etwa zeigt die Schwierigkeiten bei deren sozialer Absicherung auf und verweist auf die ganz praktischen Probleme, mit denen sich besonders Stipendiatinnen und Stipendiaten herumschlagen müssen.


Sie sind, anders als ihre angestellten Kolleginnen und Kollegen, weder arbeitslosen- noch rentenversichert. Viele Promovierende insbesondere aus dem Ausland überlegen sich trotz gesetzlicher Verpflichtung auch dreimal, ob sie ihr weniges Geld für eine Krankenversicherung ausgeben. Und obwohl die Stipendiatinnen und Stipendiaten in den gleichen Laboren stehen wie ihre Kolleginnen und Kollegen, genießen sie keinen Unfall- und Arbeitsschutz. Hier müssen Lösungen erarbeitet werden. Vor allem aber sind Stipendien auf die wenigen Fälle zu reduzieren, in denen sie geeigneter als Stellen sind. Der Regelfall in der Promotion sollte ein Arbeitsverhältnis mit sozialer Absicherung und angemessenem Umfang an Arbeitszeit und Gehalt sein.


Auch die großen Probleme in den Phasen nach der Promotion müssen endlich angegangen werden. Wir schlagen ein Programm vor, mit dem die Einrichtung von dauerhaften Beschäftigungsmöglichkeiten neben der Professur durch den Bund unterstützt wird. Wir brauchen eine Kultur der Selbständigkeit von jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die die Jahre ihrer größten Kreativität nicht auf befristeten Teilzeitstellen in Projekten ihres Doktorvaters verbringen sollten. Denn sie sind eben nicht der ewige Nachwuchs, der sich ein ganzes Berufsleben lang auf die Professur vorbereitet - um sie dann im Regelfall doch nicht zu bekommen. Diese Menschen leisten den Großteil der wissenschaftlichen Arbeit in diesem Land – auch wenn der Name des Professors oder der Professorin auf der Publikation steht. Sie sind Leistungsträgerinnen und Leistungsträger und sollten die Bedingungen bekommen, die sie für ihre wichtige Arbeit brauchen.