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Innovative Vorhaben in der Alpenregion im Rahmen der Alpenkonvention voranbringen

Rede von Kerstin Kassner,

Rede im Deutschen Bundestag zu den Anträgen der Fraktionen der CDU/CSU und SPD"Die Alpen – Vielfalt in Europa" – Ziele der Alpenkonvention voranbringen und nachhaltig gestalten" (Drucksache 18/6187) sowie des Antrags der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN"Tourismusprotokoll der Alpenkonvention umsetzen – Wintertourismus nachhaltig gestalten" (Drucksache 18/4816)

Kerstin Kassner (DIE LINKE):

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Für mich hat dieses Thema ‑ zumal am Vorabend des 25. Geburtstages ‑ die Dimension der deutschen Einheit. In den 90er-Jahren ‑ Sie werden sich vielleicht erinnern ‑ gab es die Fernsehserie Ein Bayer auf Rügen. Jetzt spricht eine Rüganerin über die Alpen in Bayern. Allerdings gehören die Alpen ja nicht nur zu Deutschland, sondern, wie wir gerade von Herrn Dr. Schabedoth gehört haben, zu vielen Länder. Deshalb ist das eine spannende Aufgabe.

Nun kenne ich mich, ehrlich gesagt, in den Alpen nicht so gut aus. Ich habe noch nicht so oft Gelegenheit gehabt, dort Urlaub zu machen oder mich über das Thema noch weitgehender zu informieren. Allerdings habe ich beim Studium der beiden Anträge, aber auch der Konvention an sich erfahren, dass die Problematiken, die wir Rüganer oder Bewohner von Küstenländern haben, mit denen der Bewohner der Alpen vergleichbar sind: Überall dort, wo es sehr viele Touristen gibt und wo der Tourismus die stärkste Wirtschaftskraft ist, gibt es ähnliche Probleme. Man muss eben die Herausforderungen, die die weltweite Klimaerwärmung mit sich bringt, anpacken und Strategien entwickeln, wie man damit umgeht.

Uns bereitet die ansteigende Meeresoberfläche Probleme. In den Alpen ist es der auftauende Permafrostboden, der nur noch am Gipfel der Alpen fest vereist ist. Inzwischen beginnt dieser Permafrostboden schon 150 bis 200 Meter höher, also die Fläche, die lange genug über ausreichend Schnee verfügt. Das stellt viele vor große Herausforderungen.

Man muss auch sagen: Das hat noch weitere Folgen. Durch das Abschmelzen werden die Berge auch brüchiger. Man muss in dieser Gegend mit Schlammlawinen und Steinschlag rechnen. All das macht das Leben dort nicht leichter. Deshalb suchen wir gemeinsam nach Strategien, wie man aus dieser Situation herauskommt.

Ein Thema, das auch wir kennen, ist die Saisonverlängerung. Dabei wird nicht nur auf eine Saison gesetzt, hier die Wintersaison, sondern auch auf eine andere Saison, also hier die Sommersaison; bei uns ist das genau umgekehrt. Man reagiert mit vielfältigen Angeboten, etwa durch die Schaffung von zusätzlichen Wandermöglichkeiten und anderen Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung, die man den Gästen offeriert, also nicht nur das Skifahren. Weitere Möglichkeiten sind verkehrliche Angebote, indem man tatsächlich Alternativen schafft. Ich nenne hier nur das Stichwort Elektrofahrzeuge.

Eine ganz wichtige Sache ‑ das möchte ich sogar an den ersten Punkt der Liste stellen ‑ ist, dass man die Menschen mitnimmt, dass man den Menschen von Anfang an darlegt, was das Besondere in der Region ist und wie wichtig und erhaltenswert sie ist. Natürlich muss auch das, was vorhanden ist, miteinander verknüpft werden, also Alpen und Landwirtschaft  ‑ das kennen wir ‑, aber auch gesunder Raum mit Flora und Fauna. Damit kann man eine ganze Menge an zusätzlichen Angeboten entwickeln.

Eines aber sage ich ganz bewusst: Das Berieseln der Hänge mit Schneekanonen ist wahrscheinlich nicht der richtige Weg. Er bringt vielleicht kurzfristig Erfolg, aber auf lange Sicht ist das nicht die Lösung für die Probleme in den Alpen; das muss man ganz deutlich sagen.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Ich habe gerade auf einer Website etwas über ein Skigebiet zwischen Bayrischzell und Brandenburg gelesen; Frau Ludwig wird dazu bestimmt etwas sagen.

(Daniela Ludwig (CDU/CSU): Ja!)

In einem Winter werden dort 430 000 Kilowatt Strom benötigt, um dieses Skigebiet mit Schnee zu versorgen. Weiterhin wird da ein CO2‑Ausstoß von 79 120 Kilogramm angegeben und dieser Wert ‑ jetzt hören Sie einmal genau hin ‑ mit dem Ausstoß eines Diesel‑Pkw verglichen. Wir wollen einmal ehrlich sein: So richtig glauben wir dem alle nicht. Deshalb sage ich: Andere Strategien, wie ich sie vorhin nannte, die soziokulturelle und verkehrliche Alternativen umfassen, sind der deutlich bessere Weg, um aus dieser Situation herauszukommen.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Abg. Daniela Ludwig (CDU/CSU))

Ich wünsche dem deutschen Vorsitz wirklich gute Ergebnisse. Bei der XIV. Alpenkonferenz, die am 13. Oktober 2016 stattfinden wird, soll ja ein Handbuch mit dem Titel 10 Jahre ökologische Konnektivität in den Alpen vorgelegt werden. Ich bin sehr gespannt auf die Ergebnisse, die uns beispielsweise die Raumordner dort vorlegen. Denn ich bin mir sicher: Das, was wir dort erfahren, wird nicht nur für die Alpen Modellcharakter haben, sondern auch für uns.

An die Kollegen der Großen Koalition habe ich eine Bitte: Sie haben einen Antrag vorbereitet, der viel enthält. Vielleicht gelingt es Ihnen, die 500 000 Euro, die wir für den Titel „Leistungssteigerung im Tourismusgewerbe“ verlieren, wiederzubekommen, beispielsweise für innovative Vorhaben in der Alpenregion. Ich würde mich darüber sehr freuen, auch als Rüganerin.

Vielen Dank.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)