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Indisch-Deutscher Studierenden- und Wissenschaftleraustausch

Rede von Petra Sitte,

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, Prof. Jürgen Mlynek, zeigte sich nach einer Indienreise im April diesen Jahres gleichermaßen überrascht von den technologischen Fortschritten wie von den riesigen Problemen im Bildungs- aber auch im Gesundheitsbereich, die dieses Land prägen. Er sprach von einer Aufholjagd, die zu fördern sei.

Die Reise unseres Ausschusses, die ein Teil der Mitglieder des Bildungs- und Forschungsausschusses im Februar gemeinsam mit der Wissenschaftsministerin Schavan unternahm, hat uns alle ebenso beeindruckt. Indien wird aus europäischer Sicht als Boomregion mit einem zweistelligen Wirtschaftswachstum, mit einem schier unerschöpflichen Arbeitskräftepotenzial und mit einer aufstrebenden technologischen Leistungsfähigkeit etwa in der Raumfahrt, der IT-Branche oder der Energietechnologie wahrgenommen. Wir haben auf der Reise die Indian Institutes gesehen, die wie britische oder amerikanische Eliteunis angelegt und auch ausgestattet sind. Die Studierenden, mit denen wir dort diskutiert haben, waren froh, die Auserwählten zu sein und hatten ihre beruflichen Ziele fest im Auge. Wie der DAAD berichtet, wollen immer noch viele von ihnen nach einer Studienaufnahme in Indien das Land in Richtung USA oder Großbritannien verlassen, um dort einen international besser anerkannten Abschluss zu ergattern. Doch die Kapazitäten dieser und anderer Hochschulen in Indien genügen an keiner Stelle, obwohl ein Studium häufig die einzige Möglichkeit für eine berufliche Qualifikation ist.

An den viel schlechter ausgestatteten „normalen“ Hochschulen und Colleges kommen immer noch 80 Ablehnungen auf eine Zulassung. Insgesamt studieren nur etwa sieben Prozent eines Jahrgangs, das sind in diesem großen Land gut 10 Millionen Menschen, die allermeisten in Bachelorstudiengängen vergleichbar unserer Berufausbildung. Für die benachteiligten Volksgruppen und -stämme halten Hochschulen eine bestimmte Anzahl von Studienplätzen frei. Dass der Vorschlag des Bildungsministers Arjun Singh im letzten Jahr, diese Quoten auf die Indian Institutes auszuweiten, mit Entrüstung zurückgewiesen wurde, zeigt die Spaltung der Gesellschaft im Hochschulbereich - und in der Gesellschaft.

Erfahrungsberichte von deutschen Studierenden, die in Indien einen Teil ihrer Studienzeit verbracht haben, bestätigen diesen Eindruck. Übereinstimmend berichten sie von weitgehend guten Bedingungen an den Eliteunis und zugleich wird vor dem Besuch einer „normalen“ Universität wegen der bürokratischen Hürden sowie der schlechten Ausbildung eindringlich gewarnt. Allerdings verhindert schon die Situation an den Schulen eine breitere Beteiligung der Bevölkerung an höheren Bildungsgängen. Ein Drittel der Bevölkerung, vor allem auf dem Land, aber auch in den Slums der Städte sind immer noch Analphabeten. Von Bildungsarmut betroffen sind besonders Frauen. Ich will damit zeigen, wie stark die Gegensätze zwischen dem wirtschaftlichen Boom im Kernbereich der Städte, und der Armut der Landbevölkerung bis auf den Wissenschaftsbereich durchschlagen. Damit soll nicht schwarz gemalt, sondern der reale Hintergrund einer Kooperation in Forschung und Lehre aufgefächert werden. Denn Kooperation kann ja nicht heißen, wie DAAD-Präsident Berchem im November verkündete, das riesige Land als riesigen Markt zu sehen. Kooperation unter ökonomisch so ungleichen Partnern bedeutet für DIE LINKE, gemeinsam an der Überwindung dieser Ungleichheit zu arbeiten. Was können wir nun dafür tun?

Unsere Gespräche mit Vertretern geistes- und sozialwissenschaftlicher Einrichtungen, etwa der germanistischen und romanistischen Abteilung der Delhi-Universität, zeigten, dass diese Felder gegenüber den aufstrebenden Natur- und Technikwissenschaften deutlich geringer ausgestattet werden. Dabei sind gerade diese Disziplinen in der Lage, die Herausforderungen eines solch dramatischen Um- und Aufbruchs, wie ihn Indien erlebt, zu begleiten und Politikberatung auf wissenschaftlich abgesichertem Niveau zu betreiben.

Zudem wird Wissenschafts- und Forschungspolitik zunehmend zur Außenpolitik. Denn wenn die Erforschung der jeweiligen Landeskulturen besonders gefördert wird, verbessern sich mit steigendem Wissen bilaterale Beziehungen zwischen Ländern. Je genauer man sich kennt, je mehr Forschungsergebnisse über das andere Land vor Ort diskutiert und rückgekoppelt werden, umso stärker strahlt diese Kooperation in andere Bereiche der Gesellschaften aus Und hier muss unser Land zuerst vor der eigenen Haustür kehren: allgemein wird der Niedergang der sogenannten Kleinen Fächer beklagt. Davon ist auch die Indologie betroffen. Die Hochschulrektorenkonferenz berichtete, dass drei Standorte seit 1987 ganz weggefallen sind.

Es gibt zudem keinen einzigen Lehrstuhl für zeitgenössische Indienstudien. Dazu kann ich nur sagen: Es ist ja ehrenwert, dass die DFG den Austausch mit Indien unter deutschen Sozial- und Geisteswissenschaftlern gesondert fördert. Dazu muss allerdings auch jemand da sein, der sich austauschen kann. An dieser Stelle zeigt sich wieder einmal, wie falsch die Föderalismusreform gestrickt ist, denn der Bund kann gegen die Streichungsmaßnahmen der Länder nur wenig unternehmen.

Die Exzellenzinitiative verstärkt eher noch das Sterben der Kleinen Fächer, als dass diese in die Profilbildung der Unis einbezogen werden. Da, geehrte Frau Ministerin Schavan, haben Sie es in der Hand, mit einer Förderung für Kleine Fächer in Projekten auch die Indologie wenigstens vor dem Aussterben zu bewahren. Die von den Fraktionen hier eingebrachten Anträge formulieren zum Jahr der Geisteswissenschaften Projekte und Vorhaben, die sich nicht einfach als Selbstläufer aus der wachsenden ökonomischen Verflechtung zwischen Deutschland und Indien ergeben.

Wir begrüßen in dem Zusammenhang, dass das BMBF dem Deutschen Akademischen Auslandsdienst im November über vier Millionen Euro zur Förderung von Auslandsstudien Deutscher in Indien in Aussicht gestellt hat. Es ist richtig, dass in Deutschland diese Studienleistungen leichter anerkannt werden und Zentren für zeitgenössische Indologie errichtet werden sollen. Die Bundesministerin verrät uns sicher demnächst, wie sie das konkret umsetzen will. Doch auch die Förderung der Studienaufenthalte des indischen Nachwuchses in Deutschland sollte angesichts rückläufiger Zahlen seit einigen Jahren nicht vernachlässigt werden. Die äußerst schwierige finanzielle Situation setzt die Hürden für viele indische Studierende und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ungleich höher als für Deutsche in Indien. Ein Aufenthalt in Deutschland scheitert schnell an Reise- und Unterbringungskosten.

Eine Anmerkungen muss ich zur Entstehung der vier fast wortgleichen Anträge doch noch loswerden: meiner Fraktion wird manchmal vorgeworfen, wir würden Positionen von vorgestern vertreten. Das will ich nicht kommentieren. Wenn aber die gleichen, die da am lautesten rufen, zugleich mit Kalter-Kriegs-Manier ihren Fachpolitikerinnen die Mitzeichnung eines interfraktionell bereits fest vereinbarten Antrags verbieten, dann zeigt dass, dass sie seit vorgestern die Augen vor der Politikentwicklung in diesem Land geschlossen halten. Schade ist es um die aus der Reise entstandenen parteiübergreifenden Impulse, die nun von allen Fraktionen einzeln vertreten werden müssen.