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Grundbildung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begreifen

Rede von Rosemarie Hein,

Vielen Dank, Frau Präsidentin. ‑ Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Ja, in Deutschland können 7,5 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter nicht richtig lesen und schreiben. Man kann die Zahl gar nicht oft genug wiederholen, allerdings nicht, um sich daran einfach nur in irgendeiner Art und Weise abzuarbeiten. Vielmehr müssen wir etwas tun, müssen Strategien entwickeln und überlegen, wie wir diesen Menschen helfen können, ihre Fähigkeiten zu erweitern und Grundbildung zu erwerben. Wir müssen endlich entsprechend handeln.

Wir sind uns über alle Fraktionen hinweg einig, dass die Fragen der Grundbildung ganz dringend angegangen werden müssen; denn wer nicht richtig lesen und schreiben oder nicht richtig rechnen kann, ist in der Gesellschaft doppelt und dreifach benachteiligt. Allerdings hilft es wenig, die Nationale Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener, die 2011 von Bund und Ländern ausgerufen wurde, nun als Dekade für Alphabetisierung fortzusetzen, wenn damit im Wesentlichen keine neuen Maßnahmen und Ziele verbunden sind und es ‑ was auch wichtig ist ‑ zunächst einmal nur um Verstetigung der Mittel geht.

Aber wir müssen uns auch etwas Neues einfallen lassen; denn obwohl es viele gute Konzepte und Ideen gibt, gibt es bisher noch keinen messbaren Fortschritt. Das Problem scheint nicht kleiner geworden zu sein.

Eine gute Idee war zum Beispiel die multimediale Wanderausstellung. Sie war zum Kampagnenstart im Magdeburger Rathaus zu sehen. Die Frage ist nur: Wen erreichen solche Ausstellungen? Im Magdeburger Rathaus trafen sich diejenigen, die man von der Notwendigkeit der Alphabetisierung nicht mehr überzeugen musste.

- Deshalb muss man dorthin gehen, wo die Leute sind, nämlich zum Beispiel in die Einkaufstempel.

Es reicht auch nicht aus, wenn wir immer nur an den Symptomen herumdoktern. Herr Jung hat es vorhin schon gesagt: Wir denken zu wenig über die Ursachen fehlender Grundbildung nach. Herr Jung, Sie sind Lehrer, ich bin Lehrerin. Wir beide wissen, in welchen Zwängen man als Lehrer vor der Klasse steht und was Lehrkräfte unter den heutigen Umständen, in den Situationen, in denen sie sich heute befinden, noch merken. Wir beide wissen auch, dass wir ‑ ich bin Deutschlehrerin ‑ zu wenig Strategien haben, um damit umzugehen. Das heißt, wir brauchen die Möglichkeit, Lehrkräfte in die Lage zu versetzen ‑ zeitlich, didaktisch und fachlich ‑, Defizite rechtzeitig zu erkennen und sie wirksam zu beheben. Diese Möglichkeit gibt es zu wenig.

Wir müssen uns auch die Frage stellen: Warum entsteht Analphabetismus eigentlich nach dem Abschluss schulischer und beruflicher Bildungsphasen neu? Offensichtlich merken wir nicht, wenn jemand die Schule verlässt, aber nicht richtig lesen und schreiben kann. Die Studien, die uns dazu vorliegen, sind sehr aussagekräftig: Viele haben sich durchgeschummelt. Das ist aber nicht das Problem. Manche können lesen und schreiben ‑ vielleicht nicht auf einem besonders hohen, aber auf einem akzeptablen Niveau ‑ und machen den Schulabschluss, aber nach einigen Jahren können sie es nicht mehr. Warum ist das so? Ich glaube, auch hier bedarf es einer intensiveren Forschung, die es gegenwärtig so noch nicht gibt. Das haben uns Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in diesem Bereich arbeiten, auch bestätigt.

Ich finde, nach den vielen Exzellenzprogrammen wäre es an der Zeit, ein Forschungsprogramm zu den Ursachen fehlender Grundbildung aufzulegen und gleichzeitig fundierte Strategien entwickeln zu lassen, die aufzeigen, wie man dem entgegenwirken kann. So etwas könnten wir, der Bund, sogar leisten. Also machen wir das doch.

Ich finde es auch richtig, dass wir Wert darauf legen, dass die Arbeitsweltorientierung Teil der Alphabetisierungsstrategie wird. Trotzdem lässt mich die Sorge nicht los, dass die Jobcenter und Arbeitsagenturen die Möglichkeit, Alphabetisierungskurse anzubieten, willfährig annehmen, weil sie damit ein Problem gelöst kriegen, und dass man jemanden in einen Alphabetisierungskurs schickt, bevor überhaupt versucht wird, ihn in Arbeit zu vermitteln. Ich finde, solche Kurse müssen berufsbegleitend bzw. arbeitsplatzbegleitend angeboten werden. Sie sollten nicht die Voraussetzung dafür sein, vielleicht irgendwann einmal Arbeit zu bekommen.

Viele Punkte in dem uns vorliegenden Antrag sind nicht falsch, sie sind aber auch nicht neu. Uns fehlt vor allem der präventive Ansatz. Weil das so ist und weil viele Fragen offen bleiben, weil Ziele nicht klar genug formuliert sind und es lediglich bei einem Appell an die Länder bleibt, werden wir uns bei diesem Antrag der Stimme enthalten.

Sie haben es vorhin zitiert:

Alphabetisierung und Grundbildung müssen als gesamtgesellschaftliche Aufgabe aufgefasst werden.

So steht es im Antrag. Nehmen wir das doch als Motto! Lassen Sie uns die Hemmnisse für eine effektivere Zusammenarbeit von Bund und Ländern endlich aufheben!

Dann könnten wir gemeinsam viel mehr für die Grundbildung tun und müssten nicht befürchten, dass sich die Länder aus ihrer Verantwortung stehlen. Vielleicht können wir dann am Ende der Dekade, wenn nicht sogar schon 2018, einen messbaren Erfolg verzeichnen.

Ich will Sie noch ganz kurz auf einen Fehler hinweisen. Ich muss nun alle Berichterstatterinnen und Berichterstatter kritisch anschauen; denn wir alle haben uns die erste Seite unseres Berichts nicht richtig angesehen. Es betrifft natürlich die erwerbsfähige Bevölkerung zwischen 18 und 64 Jahren und nicht zwischen 18 und 24 Jahren. So ausbeuterisch sind wir dann doch nicht.

Vielen Dank.