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Barrierefreier Tourismus

Rede von Ilja Seifert,

Erst gestern erblickte der hier zur Diskussion stehende Antrag der Koalitionsfraktionen das Licht der Öffentlichkeit, und nur Kraft der parlamentarischen Mehrheit kam dieser Antrag noch kurzfristig auf die heutige Tagesordnung und soll nach Reden, die nur zu Protokoll gegeben werden - ohne weitere Erörterung im Tourismusausschuss - sofort abgestimmt werden. Da schon seit längerem bekannt ist, wann der Bundestag seine normale parlamentarische Arbeit mit Blick auf Sommerpause und Bundestagswahl beenden wird, bleibt an die Adresse der Koalition die Frage, warum dieser Antrag nicht früher auf den Tisch kam und nun so eilbedürftig ist. Auch nachdem ich diesen Antrag gelesen habe, kann ich diese Frage nicht beantworten. Der Antrag enthält nichts, was nicht schon seit langer Zeit bekannt ist, und auch nichts, wo diese Bundesregierung anders als bisher handeln müsste, bevor sie ihren Dienst quittiert. Ja, der Antrag ist nicht einmal wahlkampftauglich.

Ich hoffe, dass viele Personen, die sich in der Tourismuspolitik und in der Tourismuswirtschaft engagieren, und vor allem die Menschen, die auf Gebieten des Tourismus lehren, lernen, studieren oder forschen, sich diesen Antrag genauer ansehen. Er ist ein hervorragendes Beispiel, mit welcher inhaltlichen und sprachlichen Qualität, mit welchem Maß an Konkretheit, Umsetzbarkeit und Finanzierbarkeit die Regierungsfraktionen CDU/ CSU und SPD Tourismuspolitik betreiben. Ich bin auch gespannt, welchen Beitrag dieser Antrag bzw. der heutige Beschluss des Bundestages leisten wird, um die Aus- und Weiterbildung in der Tourismuswirtschaft im realen Leben zu verbessern. Das Thema der Aus- und Weiterbildung ist zu wichtig, um es mit einem solchen Antrag und ein paar ironischen Anmerkungen meinerseits abzuhaken.

Nehmen wir nur das Thema „Barrierefreier Tourismus“ etwas genauer in Augenschein. In der UN-Behindertenrechtskonvention werden die Staaten aufgefordert, alles zu tun, damit Menschen mit Behinderungen umfassend am Leben in der Gesellschaft teilhaben können. Die Teilhabe am Tourismus wird in der Konvention extra genannt. Deswegen betrachte ich es als Erfolg, dass das Thema „Barrierefreier Tourismus“ sich im Tourismusausschuss durch die gesamte Wahlperiode gezogen hat und dort auch nicht nur das „Privatvergnügen“ eines einzelnen Abgeordneten war. Auch in den Tourismuspolitischen Leitlinien der Bundesregierung steht dieses Thema weit oben auf der Agenda. Im wirklichen Leben - und dies hat auch der Tourismusausschuss auf seinen Reisen mit mir sehr plastisch erfahren - gibt es noch viel zu tun, um eine durchgängig barrierefreie Tourismuskette zu gewährleisten. Das beginnt bei der Planung und Buchung der Reise, setzt sich dann bei der An- und Abreise, der Mobilität vor Ort, der Barrierefreiheit im Hotel, den Gaststätten, touristischen Sehenswürdigkeiten und der örtlichen Infrastruktur fort. Immer wieder haben wir erlebt, dass das Personal in den touristischen Einrichtungen sehr unsicher im Umgang mit Menschen mit Behinderungen ist, weil sie deren Bedürfnisse und Anforderungen nicht kennt und nur unzureichend und ungenau Auskünfte über bestehende Barrieren in ihren Einrichtungen und umliegenden touristischen Angeboten erteilen können. Wir haben Hotels und gastronomische Einrichtungen besucht, wo die Eigentümerinnen und Eigentümer mit viel Engagement und Geld versucht haben, ihre Einrichtung möglichst barrierefrei zu gestalten. Aufgrund fehlenden fachlichen Wissens kam es trotzdem zu falschen, hässlichen oder unpraktischen Lösungen. Hier hätte der richtige Rat, zum Beispiel von geschulten Architektinnen und Architekten, und die Vertretern aus der Behindertenbewegung zum Teil mit deutlich weniger Aufwand und Geld Besseres bewirken können.

Deswegen war für mich inakzeptabel, dass das Deutsche Seminar für Touristik, DSFT, ein Verein, der seit vielen Jahren überwiegend von Steuergeldern lebt, Weiterbildungsangebote zu allen möglichen Themen offerierte, aber fast nichts zum Thema „Barrierefreier Tourismus“. Persönliche Gespräche sowie Diskussionen im Tourismusausschuss und im Beirat des DSFT haben inzwischen dazu beigetragen, dass das Thema einen anderen Stellenwert im Weiterbildungsprogramm des DSFT einnimmt - hier überwiegend nicht als Extra-Seminare, sondern implantiert - in Zusammenarbeit mit der NatKo - in viele andere Seminarangebote. Inakzeptabel bleibt für mich, dass die 1999 gegründete Nationale KoordinierungsstelleTourismus für alle e. V., NatKo - ein Zusammenschluss von sieben Behindertenverbänden - so geringe Unterstützung der Bundesregierung erhält, und dies auch nicht durch das für Tourismus zuständige Wirtschaftsministerium, sondern durch das Gesundheitsministerium. Dies sollte zu Beginn der nächsten Wahlperiode endlich geändert werden.

Erstaunt war ich, als auf der ITB 2009 der Direktor einer Fachhochschule in Niedersachsen, wo angehende Tourismuswissenschaftlerinnen und Tourismuswissenschaftler studieren, an seinem Stand antwortete, dass für solche Nischenthemen wie „Barrierefreier Tourismus“ in einem sechssemestrigen Bachelor-Studium kein Platz sei. Die Leiterin der Berufsschule für Tourismus in Berlin beklagte, dass dieses Thema in den vorhandenen Lehrbüchern und -materialien keine bzw. nur eine untergeordnete Rolle spiele. Wird sich dies nun mit dem vorliegenden Koalitionsantrag ändern? Ich glaube kaum, wenn ich mir anschaue, was die Koalition dazu in ihrem Antrag feststellt und von der Bundesregierung fordert. Auch zu anderen Fragen bestünde Diskussionsbedarf, zum Beispiel zu Ausbildungsangeboten für junge Menschen mit Behinderungen oder für Menschen mit Migrationshintergrund. Da die Koalition daran scheinbar kein Interesse - mehr - hat, kann ich abschließend nur zusagen, dass die Linke dafür sorgen wird, dass das Thema in der nächsten Wahlperiode wieder auf die Tagesordnung kommt, und dies nicht erst wieder kurz vor der Wahl.