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Rede von Rosemarie Hein am 17.02.2017

Rede von Rosemarie Hein,

Vielen Dank, Frau Präsidentin. – Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! Liebe Zuschauer und Zuschauerinnen auf den Tribünen! Technisches, naturwissenschaftliches und mathematisches Wissen sowie Kenntnisse in der Informatik sind zentrale Bestandteile von Allgemeinbildung. Das braucht man heute, um sich in dieser Welt zurechtzufinden, und das ist auch wichtig, um neue technische und wissenschaftliche Erkenntnisse kritisch hinterfragen zu können.

(Beifall bei der LINKEN)

So weit bin ich mit der Koalition einverstanden.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Özcan Mutlu [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das war es aber auch!)

Aber dann wird es auch schon schwierig.

Im Jahre 2000 erschien die erste internationale Schulleistungsstudie, genannt PISA. Diese bescheinigte Schülerinnen und Schülern aus Deutschland in Mathematik und Naturwissenschaften schlechte Leistungen im internationalen Vergleich.

(Özcan Mutlu [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Mittelmaß!)

Das hat die Politik dann sehr erschreckt. Darum wurden zahlreiche Initiativen zur Verbesserung der mathematisch-naturwissenschaftlichen Bildung gestartet. Die Kultusminister vereinbarten Empfehlungen, und private Verbände, Stiftungen, Vereine widmeten sich diesem Thema – auch Unternehmen. Bis 2012 ging es dann auch bergauf mit den Leistungen. Doch dann kam die ­PISA-Studie 2016.

(Dr. Simone Raatz [SPD]: Und alle waren frustriert!)

Das löste wieder Erschrecken aus; denn die Leistungen der Schülerinnen und Schüler in Deutschland rutschten ab, zum Teil unter das Niveau von 2006. Das war offensichtlich der Anlass für den vorliegenden Schaufensterantrag.

(Xaver Jung [CDU/CSU]: Der Antrag war schon fertig vor der Studie!)

Im Antrag werden nun unzählige Initiativen benannt, die MINT-Bildung befördern, Forderungen nach Qualitätskriterien – wir haben es gerade gehört – und Gütesiegeln aufgemacht, alle laufenden bildungspolitischen Programme auf MINT getrimmt, Bildungsketten und MINT-Regionen eingefordert, bürgerschaftliches Engagement beschworen usw. usf.

(Beifall des Abg. Dr. Stefan Kaufmann [CDU/CSU] – Özcan Mutlu [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Viel Tamtam ohne Substanz!)

Alleine das Aufzählen dieser Maßnahmen würde meine Redezeit weit überschreiten.

(Dr. Stefan Kaufmann [CDU/CSU]: Hat Substanz!)

Man bekommt hier den Eindruck, als würde um ein Problem ein Kokon aus Projekten gesponnen in der Hoffnung, dass aus der Raupe darin ein Schmetterling wird.

(Heiterkeit bei Abgeordneten der LINKEN)

So geht es in der Natur, in der Bildung aber nicht.

(Beifall bei der LINKEN)

Denn die Raupe im Inneren, das sind die Schulen, das sind die Berufsschulen, das sind die Hochschulen; und dafür sind die Länder zuständig. Der Bund kann hier nur sehr wenig direkt mitfinanzieren.

(Zurufe von der CDU/CSU: Hört! Hört! – Nicht zuständig!)

Wieder einmal steht uns das Kooperationsverbot in der Bildung im Wege.

(Beifall bei der LINKEN – Xaver Jung [CDU/CSU]: Welches Kooperationsverbot? Das gibt es gar nicht, Frau Hein!)

Das können Sie auch mit noch so vielen Initiativen nicht aushebeln.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, in Vorbereitung auf diese Debatte bin ich auf die erste TIMSS-Studie aus dem Jahre 1997 gestoßen. In ihr wurden die naturwissenschaftlichen und mathematischen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler der frühen 90er-Jahre untersucht. Dort gab es ein einziges Mal einen Vergleich zwischen den alten und den neuen Bundesländern. Und siehe da, die neuen Bundesländer haben in den Jahren 1991, 1992 deutlich besser abgeschnitten als die alten Bundesländer. Neun Jahre später, im Jahr 2000, war dieser Vorsprung vollständig aufgebraucht, und das Leistungsniveau in ganz Deutschland lag unter dem Durchschnitt der OECD. Dann erst ist man aufgewacht. Da frage ich mich doch: Hätte man beim Entern des DDR-Bildungssystems nicht einmal draufschauen können, was jenseits der Ideologie noch brauchbar für ganz Deutschland gewesen wäre?

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Die DDR-Schule verstand sich als eine polytechnische Schule mit einer starken mathematisch-naturwissenschaftlichen Orientierung. Für polytechnische Bildung gab es eigens ausgebildete Fachlehrerinnen und Fachlehrer. Es gab mit den Stationen Junger Naturforscher und Techniker außerschulische Angebote in jedem Landkreis für die naturwissenschaftlich-technisch interessierten Schülerinnen und Schüler. Es gab insgesamt 192 Stationen, öffentlich finanziert. Aber nichts da: Es wurde beargwöhnt, es wurde belächelt und dann abgewickelt.

Nun stellt man sich hin und beschwört die Wichtigkeit der MINT-Bildung, also der Bildung in den mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Fächern und in der Informatik. MINT klingt zwar frischer, aber das ist es nicht wirklich. Wäre man klug gewesen, hätte man diese Bestandteile der DDR-Schule modernisiert und ausgebaut. Dann hätten wir heute eine andere Situation.

(Beifall bei der LINKEN)

Sie könnten sich heute die Beschwörungsformeln sparen. Sie hätten eine riesengroße Modellregion fertig vorgefunden.

(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja, wir haben jetzt trotzdem 2017 und müssen nach vorne!)

Gerne doch.

(Özcan Mutlu [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Da kommt aber nicht viel!)

 

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