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Rede von Harald Petzold zu Protokoll gegeben am 16.02.2017

Rede von Harald Petzold,

Berlinale-Zeit ist jedes Jahr nicht nur die Zeit des berühmten Roten Teppichs, der Stars und der Sternchen. Sie ist auch die Zeit der Verteilung nachträglicher oder vorgezogener „Weihnachtsgeschenke“ durch die Politik – so hat sich Frau Kulturstaatsministerin Grütters für zusätzliche 25 Millionen Euro Filmförderung feiern lassen; Geld, das durch die Bundesregierung am Haushaltsgesetzgeber vorbei beschlossen wurde; Geld, das „einen zusätzlichen Anreiz für internationale Aufträge an deutsche Produktionsdienstleister schaffen und die deutschen Standorte wettbewerbsfähig halten“ soll, so heißt es in der entsprechenden Erklärung der Kulturstaatsministerin – also nicht etwa Geld für faire Entlohnung der Filmschaffenden, für mehr Filme von Frauen oder mehr Genrevielfalt – die (angeblichen) Schwerpunkte des erst kürzlich beschlossenen neuen Filmförderungsgesetzes. Und schon gar nicht Geld zur dringend notwendigen Bewahrung, Sicherung und Zugänglichmachung des deutschen Filmerbes.

Aber ich will nicht den Eindruck erwecken, immer nur zu meckern und zu kritisieren. Der Fairness halber sei hiermit festgestellt, dass der Filmförderungs-Fonds DFFF erstmals 75 Millionen Euro enthalten und damit um 5 Millionen Euro höher sein wird als die von der Linken seit Jahren geforderten mindestens 70 Millionen Euro. Damit haben Sie uns, Frau Grütters, erstmals in der Höhe der Ausstattung des Filmförderungsfonds in dieser Wahlperiode übertroffen. Herzlichen Glückwunsch.

Trotzdem kann ich Ihnen leider den Rest meiner Rede, der viel Kritik enthalten wird, nicht ersparen. Denn: Berlinale-Zeit ist auch jedes Jahr Zeit, um Filme zu präsentieren, die zum Filmerbe und damit zum cineastischen, kulturellen und künstlerischen Gedächtnis unseres Landes gehören. Ein beispielloser Schatz künstlerischen und kreativen Schaffens. Ein integraler Bestandteil unseres Kulturkanons. Und so wurde im Rahmen der „Berlinale Special“ eine restaurierte Fassung der fünfteiligen, 1972 vom WDR produzierten Familienserie „Acht Stunden sind kein Tag“ von Rainer Werner Fassbinder welt­uraufgeführt. Erstmals war seinerzeit eine alternative Produktion zum „Heile-Welt-Fernsehen“ entstanden, die im Arbeitermilieu angesiedelt war, sozialpolitische und ökonomische Aufklärung mit Alltagsgeschichten voll Spannung und Unterhaltungswert verband – wie es im Presseheft des Films heißt. „Fassbinder rückte Diskussionen über Mitbestimmung und Solidarität am Arbeitsplatz, hohe Mieten, antiautoritäre Erziehung und vieles mehr in den Mittelpunkt.“ Ein Film also über und für die „kleinen Leute“, die Beitragszahlerinnen und -zahler des öffentlich-rechtlichen Fernsehens im besten Sinne. Einschaltquoten von circa 60 Prozent je Folge – „allein bei der ersten Folge gab es fünfundzwanzig Millionen Zuschauer, Ostdeutsche nicht mit eingerechnet“ – dürften heutigen Produzenten wie ein Märchen traumhaft vorkommen.

Die erhalten gebliebenen 16-mm-Umkehrpositiv-Originale mussten – um den Film überhaupt wieder aufführen zu können – werkgetreu in 2K-Auflösung digitalisiert und restauriert werden, denn die Farben des Original-Materials waren trotz vorbildlicher Lagerung im WDR-Archiv inzwischen an einigen Stellen ausgeblichen. Ebenso musste der Ton, der auf 16-mm-Original-Mischtonbändern vorlag, aber auch an einigen Stellen beschädigt war, restauriert und von einer früheren Überspielung auf DA88 ersetzt werden. „Deutliche Knackser und Störgeräusche, die durch die Lagerung entstanden, wurden reduziert und die Originalmischung szenenweise behutsam in der Klangfarbe und Dynamik an die heutigen Hörgewohnheiten angepasst.“

478 Minuten Film entstanden so de facto neu. Zusätzlich zu den dadurch entstehenden Kosten mussten für jeden einzelnen Bestandteil des Films, der ja für das Fernsehen produziert worden war und nun auch für Kinoaufführungen zur Verfügung stehen soll, die Urheberrechte neu geklärt und einzeln erworben werden. Ich schildere das deshalb so ausführlich, weil viele Menschen glauben, Digitalisierung bedeute einfach: Filmrolle einlegen, Kopier-Taste drücken, fertig! Aber so einfach ist die Bewahrung, Sicherung, Digitalisierung und Zugänglichmachung des Filmerbes nicht einmal ansatzweise.

Insgesamt entstand für „Acht Stunden sind kein Tag“ ein Finanzbedarf im oberen sechsstelligen Euro-Bereich. Förderung durch die Filmförderungsanstalt – also öffentliche Förderung – hat die Rainer-Werner-Fassbinder-Foundation lediglich in Höhe von 15 000 Euro pro Filmfolge erhalten – also insgesamt 75 000 Euro. Gerade einmal circa 10 Prozent des Gesamtbudgets. Der Rest der benötigten Finanzmittel musste über weitere Stiftungen, private Geldgeber und das MoMA New York besorgt werden sowie durch die Vorabverpfändung erhoffter Verwertungs-Einnahmen.

Politik, die so mit dem Filmerbe umgeht, versündigt sich an ihm.

Deshalb ist der aktuelle Umgang dieser Bundesregierung mit dem Filmerbe dieses Landes nicht zu akzeptieren.

Und deshalb begeht die Große Koalition einen schweren kulturpolitischen Frevel und politischen Fehler, unseren Antrag heute hier einfach nur abzulehnen, noch dazu, ohne die Spur eines eigenen Vorschlags für die Zukunft vorzulegen.

Nun höre ich natürlich als aktiver Berlinale-Besucher, dass angeblich Durchbrüche zwischen der Kulturstaatsministerin, den Ländern und der Filmwirtschaft erreicht worden wären, was die Sicherung des Filmerbes und seine Zugänglichmachung betrifft. Und, wie gesagt, Berlinale-Zeit ist ja jedes Jahr auch die Zeit der Versprechen und nachträglichen oder vorgezogenen Weihnachtsgeschenke der Politik. Und die klingen in diesem Fall so: Vielleicht könnten ab 2018 jährlich wenigstens 10 Millionen Euro für die Sicherung und Zugänglichmachung des Filmerbes zur Verfügung stehen. Vielleicht könnte es endlich eine Digitalisierungsstrategie für das Filmerbe geben. Vielleicht könnten endlich Schwerpunkte gesetzt werden – die damit befassten Experten und Akteure stehen ja seit Jahren in den Startlöchern.

Allein: Es sind bisher nur Gerüchte. Zu viele „Vielleichts“. Verbindliche Zusagen: bisher Fehlanzeige.

Deshalb bleibt Die Linke bei ihrer Forderung: Wir fordern Bund, Länder und Filmwirtschaft dazu auf, in den nächsten 10 Jahre jährlich 30 Millionen Euro für die Bewahrung, Sicherung/Digitalisierung und Zugänglichmachung des Filmerbes bereitzustellen. Dies soll im Sinne einer Doppelstrategie erfolgen: Analoges Material sollte mit Hilfe der Verwendung neuester Restaurationsverfahren so gut es geht erhalten werden, bei gleichzeitiger schrittweiser Digitalisierung des Gesamtbestandes zur vollen Zugänglichmachung. Dazu müssen natürlich die analogen Kopierwerke erhalten bleiben. Es kann nach Stand der Technik gegenwärtig davon ausgegangen werden, dass bei einer analogen Bewahrung vorhandenen Filmmaterials dieses Material für weitere circa 500 Jahre erhalten werden kann.

Und ein zweiter Vorteil, wenn Sie den Vorschlägen der Linken folgen würden: Möglicherweise brauchen wir als öffentliche Hand dabei auch nicht auf 10 Jahre den Bärenanteil tragen, wenn der Fonds so angelegt wird, dass er sich langfristig in einen revolvierenden Fonds verwandelt, indem aus künftigen Verwertungen auch Fördermittel zurückerstattet werden können. Wir fordern ein Konzept zur Sicherung und Digitalisierung des Filmerbes. Und wir fordern eine pro-aktive Verwertungsoffensive für das Filmerbe – von den Öffentlich-Rechtlichen über die Kinos, über Festivals, über Spezialveranstaltungsreihen bis hin zur Medienbildung usw. usf.

Es ist gut und richtig, wenn die BKM, wenn Monika Grütters den Kinofilm als „ein unersetzliches Gedächtnis aller Facetten unserer Kultur und Geschichte“ bezeichnet. Aber Sonntagsreden nützen dem Filmerbe nichts. Taten sind endlich gefragt! Die Linke steht für Taten bereit. Und sie dankt all denjenigen, die sich in den vergangenen Jahren für die Bewahrung, Sicherung und Zugänglichmachung des Filmerbes eingesetzt haben.

 

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