Zum Hauptinhalt springen

Rede von Birgit Menz zu Protokoll gegeben am 26.01.2017

Rede von Birgit Menz,

Bereits im Jahr 2010 gab es einen Antrag der SPD zum Thema Taxonomie beziehungsweise Kartografie der Biodiversität. Es wäre hilfreicher gewesen, hätte man diesem bereits damals zugestimmt. Heute, sieben Jahre später, hat das Problem nichts an Aktualität verloren – im Gegenteil.

Derzeit erleben wir auf der Erde das größte Arten­sterben seit dem Zeitalter der Dinosaurier. Jeden Tag verschwinden zahlreiche Spezies unwiderruflich von unserem Planeten. Und als ob das nicht genug wäre, ist eine immer größer werdende Anzahl von Tieren und Pflanzen akut in ihrer Existenz gefährdet. Laut der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN sind derzeit etwa 24 000 Arten nachweislich vom Aussterben bedroht.

Für die Bekämpfung des Problems existieren bereits internationale sowie nationale Programme, um den Biodiversitätsverlust einzudämmen. Doch wie können Programme und gute Absichten helfen, wenn die eigentlichen Ursachen für den Artenschwund in Bereichen zu finden sind, die nur langsam und widerwillig einsehen, dass der derzeitige Umgang mit unserem Planeten nicht nur fatale Folgen für Umwelt, Tiere und Pflanzen, sondern auch für den Menschen nach sich zieht?

Ein Umdenken in Landwirtschaft, Verkehr sowie ein verantwortungsvoller Umgang beim Verbrauch von Flächen und Ressourcen ist unabdingbar, um dem globalen Artensterben auf ganzheitlicher Ebene zu begegnen. Denn beim Schutz der Biodiversität geht es auch um unsere eigene Zukunft.

Um das einmal zu verdeutlichen: Wie der Weltrat für Biologische Vielfalt, IPBES, vorrechnet, sind beispielsweise Bestäuber und deren Leistungen für Nahrungsmittel im Wert von 213 Milliarden bis 523 Milliarden Euro verantwortlich. Weltweit sind jedoch Bienen, Schmetterlinge und zahlreiche andere Bestäuber vom Aussterben bedroht, was ein enormes Risiko für die globale Nahrungsmittelsicherheit darstellt.

Infolge dieser ernstzunehmenden Bedrohung schlossen sich auf der letztjährigen Biodiversitätskonferenz in Cancún – auch auf Initiative Deutschlands – mehrere Staaten mit der Absicht zusammen, Bienen und Insekten mit gezielten Strategien in Zukunft besser schützen zu wollen. 2010 hatten darüber hinaus die EU sowie 2011 die Vertragsstaaten des Übereinkommens zur biologischen Vielfalt (CBD) im Rahmen des Nagoya-Protokolls bereits den Stopp des Verlustes der Artenvielfalt bis 2020 ausgerufen. Es bleibt jedoch unklar, wie diese Vorhaben umgesetzt und deren Ergebnisse eigentlich überprüft werden können.

Die Taxonomie ist in diesem Zusammenhang ein enorm wichtiger Wissenschaftszweig. Ohne die Erkenntnisse dieser Disziplin wären viele Tier- und Pflanzenarten sowie deren Leistungen bis heute unentdeckt geblieben. Und ohne das Engagement vieler ehrenamtlicher und hauptberuflicher Taxonomen wüssten wir auch nicht, welche Arten es zu schützen gilt, noch welches Ausmaß der Verlust von Arten in vielen Regionen eigentlich hat.

Damit die Taxonomie ihrer verantwortungsvollen Rolle auch weiterhin gerecht werden kann, braucht es vor allem eine bessere Nachwuchsförderung. Schon jetzt bekommt die Disziplin die Auswirkungen fehlender Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler zu spüren. Der Mangel an Lehrstühlen und damit verbundene Defizite bei der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses sind ein ernsthaftes Problem.

Politik und Wissenschaft müssen gemeinsam Lösungen finden, um den Wissenschaftszweig der Taxonomie stärker zu fördern und dessen Zukunftsfähigkeit zu garantieren. Die Taxonomie ist wesentlicher Bestandteil, will man den Artenverlust nicht nur stoppen, sondern auch für dessen Erholung sorgen.

Zudem müssen nationale und internationale Abkommen und Strategien zum Schutz der Biodiversität konsequent umgesetzt und stärker gefördert werden. Dies kann jedoch nur gelingen, wenn die Fördersummen für Programme zum Erhalt der Artenvielfalt um ein Vielfaches gesteigert und gleichzeitig biodiversitätsschädliche Subventionen massiv abgebaut werden.

Viele Spezies gehen verloren, noch bevor diese überhaupt bestimmt oder entdeckt werden konnten. Dabei liegt noch so vieles im Verborgenen. Vor allem in Regenwäldern und Ozeanen gibt es Unmengen an unerforschten und zahlreiche zu entdeckende Arten. Es ist daher wichtig, Arten und Bestände wissenschaftlich so gut es geht zu erfassen, um das unvollständige Bild allen Lebens auf unserem Planeten weiter zu komplettieren.

 

Mehr dazu