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Petra Pau: Lassen Sie sich nicht in den Hass treiben…

Rede von Petra Pau,

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Diese Aktuelle Stunde gibt Raum für ein paar grundsätzliche Bemerkungen: Wir brauchen eine ansprechende Erinnerungskultur, eine Erinnerung an die Barbarei der Nazizeit. Diese muss zeitgemäß und vielfältig sein, und wir brauchen diese Erinnerung mehr denn je –

(Beifall bei der LINKEN, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Renata Alt [FDP])

einladend, in pädagogisch wertvoll ausgestatteten Gedenkstätten – es sind Gedenkstätten des Grauens –, aber auch alltäglich, durch Stolpersteine und mehr in authentischer Umgebung. Denn all das geschah inmitten der Gesellschaft, und – das dürfen wir nicht vergessen – es wurde vom Gros der Bevölkerung geduldet. Weil das nie mehr geschehen darf, darf man diese Geschichte nicht verdrängen – nicht leichtfertig und erst recht nicht mutwillig.

(Beifall bei der LINKEN, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)

Sie kennen die Zahlen. Im Holocaust wurden 6 Millionen europäische Jüdinnen und Juden umgebracht, nur weil sie Jüdinnen und Juden waren. Sie wurden erschlagen, erschossen, vergast. Totalitärer Antisemitismus mündete im Völkermord. Wollte man übrigens jeder und jedem der ermordeten Jüdinnen und Juden eine Gedenkminute widmen, so würde elf Jahre lang Stille herrschen, Totenstille. Das muss nicht sein. Aber daran müssen wir erinnern.

Historiker haben errechnet, dass unmittelbar am Holocaust – von der Deportation über die Ermordung bis zur Ausraubung und Entsorgung der Leichname – 500 000 Deutsche direkt beteiligt waren. Dieses Verbrechen darf man also nicht auf ein paar Naziführer reduzieren. Deshalb rufe ich hier Imre Kertesz in Erinnerung. Er war Ungar, Schriftsteller, Literaturnobelpreisträger, Jude und Holocaustüberlebender. Im Januar 2007 stand er hier an dieser Stelle. Er sagte damals:

"Vor Auschwitz war Auschwitz unvorstellbar, heute ist es das nicht mehr. Da Auschwitz in Wirklichkeit passierte, ist es in unsere Fantasie eingedrungen und wurde so ein fester Bestandteil von uns. Was wir uns vorstellen können, weil es in Wirklichkeit passiert ist, kann wieder passieren."

Seine Mahnung meint uns Nachgeborene – und zwar alle. Wir erinnern nicht aus Folklore, sondern aus Verantwortung für die Gegenwart und die Zukunft.

(Beifall bei der LINKEN, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der AfD und der FDP)

Zur Nazibarbarei gehörte auch der Zweite Weltkrieg, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen. Er begann mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen und kostete schließlich weltweit über 50 Millionen Menschen das Leben, darunter 20 Millionen Bürgerinnen und Bürger der Sowjetunion.

Mitglieder meiner Fraktion Die Linke waren erst kürzlich in Wolgograd. Die Schlacht von 1943 um Stalingrad, wie die Metropole damals hieß, gilt als der Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg und führte schließlich 1945 zum alliierten Sieg über Nazideutschland. Auch diese Erinnerung gehört dazu.

Lassen Sie mich mit Richard von Weizsäcker schließen, dem Bundespräsidenten, der am 8. Mai 1985 im Deutschen Bundestag den 8. Mai 1945 erstmals als das bezeichnete, was er war: der Tag der Befreiung vom Faschismus.

(Beifall bei der LINKEN, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der FDP)

Er mahnte uns:

"Hitler hat stets damit gearbeitet, Vorurteile, Feindschaften und Haß zu schüren. Die Bitte an die jungen Menschen lautet: Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Haß gegen andere Menschen, gegen Russen oder Amerikaner, gegen Juden oder Türken, gegen Alternative oder Konservative, gegen Schwarz oder Weiß. Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander. Lassen Sie auch uns als demokratisch gewählte Politiker dies immer wieder beherzigen und ein Beispiel geben."

(Beifall bei der LINKEN, der CDU/CSU, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der AfD und der FDP)

 

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