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LINKE fordert gesellschaftliche Debatte zur Zukunft des Sports

Rede von André Hahn,

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Man braucht nicht drum herumzureden: Die letzten Jahre waren keine guten Jahre für den Sport. Es gab Skandale beim IOC, bei der FIFA, der UEFA und auch beim DFB. Es gab Dopingfälle in bislang ungekanntem Ausmaß, die die Olympischen und Paralympischen Spiele in Rio erheblich beeinträchtigt und teilweise die Berichterstattung bestimmt haben. Es gab hierzulande die durch Volksentscheide gescheiterten Olympiabewerbungen von München und Hamburg. Es gibt nach wie vor Gewalt, rechtsextreme und rassistische Ausschreitungen bei Sportveranstaltungen. Und es gibt immer häufiger Klagen über die angeblich oder die tatsächlich nicht ausreichende Finanzierung des Sports durch Bund und Länder.

Auch die Zuwanderung zahlreicher Flüchtlinge nach Deutschland blieb nicht ohne Auswirkungen auf den Sportbereich, sei es durch die zeitweilig notwendige Unterbringung in Turnhallen oder durch neue Herausforderungen mit Blick auf die Integration der zu uns gekommenen Menschen; denn gerade hier kann der Sport Wertvolles leisten. Und ohne Zweifel: Es gab viele tolle Leistungen von Athletinnen und Athleten, aber die Skandale haben leider vieles überlagert.

Angesichts all dessen wird die Politik und werde auch ich persönlich immer häufiger vor die Frage gestellt, welche Entwicklung des Sports wir wollen und welcher Sport künftig mit Steuergeldern von der Politik gefördert werden soll. Auf der einen Seite stehen die Werte und Vorzüge des Sports, die olympische Idee, die Förderung der Gesundheit und sozialen Kompetenzen durch sportliche Betätigungen. Das wird vor allem im Breitensport gelebt. Ich möchte die Gelegenheit hier nutzen, mich bei den vielen Tausend Ehrenamtlichen, die sich im Breitensport engagieren, ganz herzlich zu bedanken.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Auf der anderen Seite steht der Spitzensport mit seiner immer stärker werdenden Kommerzialisierung, verbunden mit gesundheitlichen Schädigungen bei Sportlerinnen und Sportlern, mit Korruption, Sportbetrug, Doping sowie gnadenloser Vermarktung auch über die Medien. Und dann kommen eben auch Forderungen, künftig nur noch den Breitensport zu fördern und Olympischen Spielen sowie anderen Sportgroßveranstaltungen hinsichtlich einer Bezuschussung aus Steuergeldern die Rote Karte zu zeigen.

Es ist unübersehbar: Wir brauchen eine möglichst breit geführte gesellschaftliche Debatte über die Zukunft des Sports und der Sportförderung in unserer Gesellschaft. Der 13. Sportbericht der Bundesregierung hätte dafür eine Grundlage bilden können. Aufgrund seiner inhaltlichen Schwachpunkte tut er es jedoch nicht. Meine grundsätzliche Position lautet: Wir brauchen beides, mehr und besser unterstützten Breiten- und Schulsport, aber auch den Leistungs- und Spitzensport. Beides bedingt einander und muss durch die öffentliche Hand angemessen gefördert werden.

(Beifall bei der LINKEN)

Ende September 2016 stellten Bundesinnenminister Thomas de Maizière und DOSB-Präsident Alfons Hörmann ihre Eckpunkte für eine Reform der Spitzensportförderung vor. Der DOSB hat dem nur geringfügig geänderten Papier Anfang Dezember auf seiner Mitgliederversammlung zugestimmt. Ich halte das vorgelegte Konzept in mehrfacher Hinsicht für äußerst problematisch, habe aber heute leider nicht die Redezeit, um näher darauf einzugehen, und kann nur einen Punkt herausgreifen.

Auch wenn der Deutsche Behindertensportverband, wie von den Linken gefordert,

(Michaela Engelmeier [SPD]: Von uns auch!)

2017 mehr Geld vom Bund bekommen wird, ist es dennoch ein sehr langer Weg bis hin zu einer wirklichen Gleichbehandlung. Der Paralympicssieger im Triathlon von Rio, Martin Schulz,

(Michaela Engelmeier [SPD]: Toller Name!)

hat in einem Interview deutlich gemacht, dass er mit 26 Jahren ans Aufhören denkt, ja, denken muss, weil er im internationalen Vergleich unter indiskutablen Rahmenbedingungen trainieren muss. Als Behindertensportler bekommt er über die Sporthilfe nur die Hälfte der üblichen A-Kader-Förderung für Nichtbehinderte, konkret satte 150 Euro im Monat. Vor Rio waren es immerhin noch 550 Euro. Doch die sogenannte Top-Team-Förderung fällt nach den Paralympics weg. Alle internationalen Konkurrenten von Schulz trainieren unter vollprofessionellen Bedingungen. Und das ist kein Einzelfall.

Eine Kleine Anfrage der Linken hat ergeben: Für 44 Nationalmannschaften im paralympischen Bereich gibt es gerade einmal sieben hauptamtliche Trainer. Alle anderen Trainer und Übungsleiter arbeiten auf Honorarbasis oder fast komplett ehrenamtlich. Soll das künftig so weitergehen? Zwei Drittel der Olympiastützpunkte sind derzeit nicht barrierefrei. Es gibt also noch viel zu tun.

Die sportpolitischen Leitlinien der Linken sind in unserem Entschließungsantrag klar formuliert. Unsere Kernforderungen sind:

Erstens soll der Sport als Staatsziel im Grundgesetz verankert und endlich ein Sportfördergesetz erarbeitet werden.

Zweitens soll jede Sportförderung des Bundes auch einer zunehmenden breiten sportlichen Betätigung für alle und der Gesundheit der Menschen von frühester Kindheit bis ins hohe Alter dienen.

Drittens soll die Spitzensportförderung angemessene, verlässliche und langfristige Rahmenbedingungen für die Sportlerinnen und Sportler, für Trainerinnen und Trainer und weitere Akteure schaffen.

Viertens muss die Sportstätteninfrastruktur in Bund, Ländern und Kommunen erhalten und systematisch verbessert werden.

Fünftens brauchen wir Dateien – so die Auffassung der Bundesregierung – im konsequenten Kampf gegen Doping, Betrug und Korruption im Sport.

Abschließend zur vorgelegten Beschlussempfehlung: Es ist schon bezeichnend, wenn sogar die Koalition sage und schreibe 35 Forderungen an die Bundesregierung formuliert. Viele dieser Forderungen unterstützt die Linke; teilweise sieht sie aus wie von uns abgeschrieben.

(Zurufe von der CDU/CSU und der SPD: Oh!)

Trotzdem können wir dem Antrag nicht zustimmen; denn dort steht als Überschrift, dass die Koalition ihre Erfolgsbilanz im Sport fortschreiben will. Davon kann nun wahrlich keine Rede sein.

(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Özcan Mutlu [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])