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Kirsten Tackmann: Rechtsanspruch auf Unterstützung beim Herdenschutz

Rede von Kirsten Tackmann,

Herr Präsident! Liebe Gäste! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Mir ist zu viel Ehre zuteilgeworden, aber gut. – In dieser Debatte geht es nicht nur um den Wolf und die Herausforderung, die mit der Rückkehr in seine Heimat zweifellos verbunden ist. Der Wolf ist oft der letzte Tropfen, der das übervolle Fass bei der Weidetierhaltung zum Überlaufen bringt. Vor allem die Schäfereien sterben schon viel länger, übrigens auch ohne Wolf, Herr Hocker. Ein großes Halali auf den Wolf würde vielen Schäfereien überhaupt nichts nutzen. Das sagen übrigens viele. Ich erinnere an den Schäfermeister Knut Kucznik, den ich schon im Februar hier im Bundestag wie folgt zitiert habe:

"Den Wolf zu bejagen, nützt uns nichts. Ein übrig gebliebener Wolf kann genauso gefährlich für unsere Herden sein wie zehn. Herdenschutz, den wir uns leisten können, hilft uns."

Ich finde, das muss jetzt ernst genommen werden.

(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Seit spätestens 2011 bin ich an diesem Thema dran. Jahrelang haben wir immer wieder Anträge vorgelegt, die den Weidetierhaltern tatsächlich geholfen hätten. Sie wurden immer wieder abgelehnt, weil der Bund nur für den Artenschutz, das heißt für den Wolfsschutz, zuständig sei und nicht für den Herdenschutz. Dass nun endlich auch ein Antrag der Koalition vorliegt, der sich klar zu der Mitverantwortung des Bundes beim Herdenschutz bekennt, ist ein großer Erfolg. Ich danke allen, die viele Jahre darum gekämpft haben, dass das endlich anerkannt wird.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Dass die Koalition heute diesen Antrag nicht in die Ausschüsse überweisen, sondern sofort darüber abstimmen lassen will, ist kein guter Stil und ist bedauerlich; aber problematischer ist der Antrag selbst. Wer schon froh ist, dass diese Koalition keinen groben Unfug vorlegt, der wird mit dem Antrag zufrieden sein. Angesichts der Problemlage ist das aber zu dünn und lückenhaft.

(Beifall bei der LINKEN)

Ja, dass nun endlich Rechtssicherheit für die Haltung von Herdenschutzhunden hergestellt werden soll, ist gut, aber längst überfällig. Statt des von uns jahrelang geforderten Kompetenzzentrums für Herdenschutz soll es nur eine Beratungsstelle geben, und Antworten auf Versicherungsfragen, wenn Wölfe zum Beispiel Weidetiere aus der Weide treiben, fehlen vollständig. Aber immerhin bewegt sich etwas. Deswegen werden wir uns bei diesem Antrag enthalten.

Die weitaus wichtigere Forderung aus den Schäfereien steht aber im gemeinsamen Antrag der Linken und der Grünen; denn die EU-Weidetierprämie für Schafe und Ziegen, und zwar für alle, würde wirklich helfen.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Genau deshalb gibt es die auch in 22 EU-Staaten. Es ist doch ein absolutes Paradox der EU-Agrarpolitik, ausgerechnet der Weidetierhaltung zu schaden. Vor allem Schafe und Ziegen sind die großen Verlierer der Agrarreform seit 2005, obwohl kaum eine andere Nutztierhaltung gesellschaftlich so wichtig und so anerkannt ist wie die Schäfereien. Sie produzieren naturnah und tiergerecht Lebensmittel und Wolle. Sie pflegen die so wichtigen Deiche. Sie erhalten das Dauergrünland und schützen damit Klima und biologische Vielfalt. Sie pflegen unsere Kultur- und Naturlandschaften. Weidetierhaltungen sind aus meiner Sicht systemrelevant und müssen politisch geschützt werden.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Aber genau dieser Schutz wird ihnen verwehrt, obwohl das Sterben der Schäfereien seit Jahren offensichtlich ist. Keine Hirtin und kein Hirte verlässt seine Herde freiwillig. Stellen wir uns doch mal einen Augenblick vor, was in jemandem vor sich geht, der Tag für Tag diese schwere Arbeit bei Wind und Wetter für unser Wohl leistet und der von dieser Arbeit nicht leben kann. Als Tierärztin weiß ich sehr genau, was es bedeutet, Verantwortung für eine Schafherde zu übernehmen. Es ist doch alarmierend, dass seit Jahren die Zahl sowohl der Schafe als auch der Schäfereien dramatisch sinkt. Wenn dennoch die Hilfe jetzt verweigert wird, dann finde ich das unerträglich.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Die beruflichen Nachwuchsprobleme werden doch durch diese miesen Zukunftsaussichten, von denen auch Herr Hocker sprach, noch größer, obwohl das Interesse an dem Hirtenberuf wirklich nach wie vor ungebremst ist. Deshalb lassen Sie uns heute eine Weidetierprämie beschließen. Sie muss jetzt endlich kommen. Das sollten uns die Schafe und auch die Schäfereien wert sein.

Vielen Dank.

(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

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