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Kirsten Tackmann: Digitalisierung braucht auch in der Landwirtschaft gesellschaftlichen Konsens

Rede von Kirsten Tackmann,

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Gäste! Eine digitalisierte Welt ist für manchen total faszinierend. Wie absurd nah sich Chancen und Risiken sein können, beschreibt Marc-Uwe Kling in „Qualityland“ sehr, sehr gut. Es ist sehr amüsant zu lesen. Aber gleichzeitig bleibt einem das Lachen manchmal im Halse stecken.

Auch im Hinblick auf die Landwirtschaft ist jedenfalls meine Euphorie sehr gedämpft. Spannend ist auch die Frage: Wem nützt das eigentlich? Natürlich sind viele Wohltaten in einer vernetzten Präzisionslandwirtschaft vorstellbar und auch schon real. Lenken uns diese Hightechträume aber nicht allzu oft von den wirklichen Problemen ab?

Zwei Beispiele:

Erstens. Natürlich können wir mit einer präziseren Ausbringung von Düngemitteln Boden und Gewässer besser schützen und knappe Rohstoffe einsparen. Ist das aber eigentlich das Hauptproblem? Wenn weiter regional zu viel Gülle anfällt und entsorgt werden muss, statt damit zu düngen, ändert die Digitalisierung daran doch überhaupt nichts.

(Beifall bei der LINKEN)

Zweitens. Natürlich ist es gut, wenn sich Imkereien und die Landwirtschaft auf Online-Plattformen vernetzen, um Informationen darüber auszutauschen, wo, wann und wie welche bienenschädlichen Pflanzenschutzmittel ausgebracht werden. An den Schäden für die wildlebenden Insekten ändert das aber überhaupt nichts.

(Beifall bei der LINKEN)

Deshalb: Die Digitalisierung hat Potenzial, sie ist aber höchstens eine Teillösung.

Das gilt übrigens auch für die Möglichkeit, monotone oder körperlich schwere Arbeit zu übernehmen. Ja, warum soll man nicht tagelanges Auf- und Abfahren zum Säen oder Ernten durch autonome Fahrtechnik ersetzen, erst recht wenn eine Drohne vorher mit Wärmebildkameras guckt, ob zum Beispiel Kitze in der Fläche liegen? Natürlich ist Melken eine körperlich schwere Arbeit, für die eine technische Entlastung jederzeit willkommen ist. Auch als Tierärztin frage ich aber: Was ist eigentlich, wenn nur noch Algorithmen entscheiden? Haben Roboter die komplexe Wahrnehmung, die wir für die Betreuung von Tierbeständen brauchen? Wer übernimmt eigentlich die soziale Verantwortung für die, die durch teure Technik ersetzt werden, für die Beschäftigten? Wie soll die teure Technik bezahlt werden?

Viele Landwirtschaftsbetriebe sind schon jetzt von Banken abhängig. Wie soll die teure Technik bezahlt werden, wenn die Erzeugerpreise die Produktionskosten schon jetzt nicht mehr decken? Das verstärkt doch nur den Druck durch landwirtschaftsfremde Investoren. In wie vielen Landwirtschaftsbetrieben wird schon jetzt vor allen Dingen dafür geschuftet, dass die Profite übermächtiger Saatgut-, Schlachthof-, Molkerei- und Handelskonzerne sowie Bodenspekulanten gesichert werden? Sollen sie jetzt auch noch für große Landtechnikkonzerne schuften? Braucht man nicht nur wenig Fantasie – man kann null und eins zusammenzählen –, um zu wissen, dass eine App, die zum Beispiel von einem Landtechnikkonzern und einem Pflanzenschutzmittelkonzern angeboten wird, auch entsprechende Produkte empfiehlt?

Der XXL-Datenstaubsauger ist hier ja schon genannt worden. Muss der uns nicht alarmieren?

Hier muss man unverzüglich klare gesetzliche Regeln schaffen, die einerseits tatsächlich Transparenz und andererseits die Datenhoheit der Betriebe wirklich sichern. Das muss natürlich auch kontrollierbar und durchsetzbar verpflichtend sein.

(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Harald Ebner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

Auch die Aus- und Weiterbildung dürfen wir hier nicht vergessen. Sie muss einen völlig neuen Stellenwert bekommen.

Ich finde, angesichts der vielen Baustellen ist Euphorie fehl am Platz.

Wo Schatten ist, ist aber auch Licht. Davon war hier schon einmal die Rede. Ein kooperatives Arbeiten in der Landwirtschaft ist durch die Digitalisierung zum Beispiel viel leichter. Die Digitalisierung wäre zum Beispiel für die Vernetzung untereinander – Landwirtschaftsbetriebe mit regionalen Vermarktern oder Verarbeitern – nutzbar. Hier wäre die Digitalisierung tatsächlich sozial und ökologisch absolut sinnvoll und eine kluge Strategie gegen Konzernübermacht. Hier muss tatsächlich geholfen und unterstützt werden.

(Beifall bei der LINKEN)

Fazit: Chancen nutzen, Risiken begrenzen! Aus Sicht der Linken geht es hier eben nicht nur um eine Technologiedebatte, sondern wir brauchen eine Verständigung in der Gesellschaft darüber, welche Zwecke und Ziele wir mit der Digitalisierung verfolgen wollen. Wir müssen auch sicherstellen, dass davon am Ende nicht nur die Konzerne, sondern wir alle etwas haben. Das gilt auch für die Landwirtschaft.

(Beifall bei der LINKEN – Rainer Spiering [SPD]: Da haben Sie recht, Kollegin!)

 

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