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Birke Bull-Bischoff: Deutschland ist ein digitales Entwicklungsland

Rede von Birke Bull-Bischoff,

Meine Damen und Herren! Herr Präsident! Frau Ministerin! Deutschland ist ein digitales Entwicklungsland, und wir sind alle miteinander weit davon entfernt, dass Schülerinnen und Schüler selbstbestimmt und kompetent mit Chancen und Risiken in einer digitalisierten Umgebung umgehen können. Ich will drei Punkte nennen, die für uns wichtig sind.

Erstens. Es braucht – man möchte sagen: endlich – Infrastruktur und Ressourcen. Aber, mit Verlaub, 3,5 Milliarden Euro in dieser Legislaturperiode – drei Jahre haben wir noch – ist alles andere als eine Kategorie, die einen zum Weltmeister macht.

(Beifall bei der LINKEN)

Die Bertelsmann-Stiftung geht von 2,8 Milliarden Euro nur für die digitale Ausrüstung von Schulen aus, und das pro Jahr.

(Dr. Stefan Kaufmann [CDU/CSU]: Was heißt denn pro Jahr? Für wie viele Jahre? Das ist doch Quatsch, was Sie sagen!)

Man kann sich zwar feiern, Herr Kollege Schulz; das können Sie aber nur, weil in den vergangenen Jahren so gut wie nichts gelaufen ist.

Entscheidender finde ich jedoch: Wir müssen uns in Deutschland von einem sehr technikorientierten Tunnelblick verabschieden. Es geht eben nicht nur um Technik, und es geht auch nicht nur um den Arbeitsmarkt. Es geht um weit mehr als darum, mit Exceltabellen rechnen zu können, mit Word zu schreiben und mit PowerPoint vernünftige Vorträge zu halten. Bildung in einer digitalen Gesellschaft meint mündige und kompetente Leute, die hinter die digitalen Kulissen schauen und sie mitgestalten können, statt von ihnen beherrscht zu werden.

(Beifall bei der LINKEN)

Dazu gehört, mit unterschiedlichen Betriebssystemen umgehen zu können, selbst programmieren zu können und nachvollziehen zu können, was digitale Prozesse hervorbringen können und was eben nicht. Wir brauchen Open Educational Resources statt Hard- und Software von Monopolisten.

(Beifall bei der LINKEN)

Dafür braucht es offene Quellcodes für Schülerinnen und Schüler, um ebenjene auch weiterentwickeln zu können. Wir brauchen eine Kultur des Tauschens und des Teilens, meine Damen und Herren, weil Wissen mehr wird, wenn man es teilt.

(Beifall bei der LINKEN)

Kinder und Jugendliche brauchen soziale Kompetenzen, um ein Gefühl dafür zu bekommen und Wissen darüber zu haben, was das Aufhalten in digitaler Lernumgebung mit unserem sozialen Miteinander macht. Man braucht Kontraste. Die Arbeit am Rechner braucht die Entwicklung aller Sinne. Wir brauchen Denkstrukturen eben nicht nur in 0 und 1, sondern vielfältige Arten und Weisen des Denkens. Und, meine Damen und Herren: Medienkompetenz heißt auch, ausschalten zu können.

(Beifall bei der LINKEN)

Nicht zuletzt brauchen junge Menschen Kenntnis und Achtsamkeit, was mit ihren Daten passiert und wie man sich schützen kann und muss.

Aber das Problem in Deutschland derzeit ist: Junge Leute wollen endlich loslegen, sind ausgehungert und nehmen demzufolge, was sie kriegen können. Also kommen logischerweise Apple und Microsoft und bieten eigene Hard- und Software an, meistens geschlossene Systeme – und dann erklären Sie einmal den Leuten, warum das keine so gute Idee ist: weil man auf diese Art und Weise bestenfalls nutzerorientierte Anwenderkompetenzen entwickelt, aber keine selbstbestimmten vielfältigen Medienkompetenzen.

(Beifall bei der LINKEN sowie der Abg. Katja Dörner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

Auch die Gefahren digitaler Spaltung müssen wir im Blick haben. Das ist natürlich zunächst eine Frage der technischen Ausrüstung: Können sich Familien ein leistungsstarkes Gerät leisten? Können sie sich einen guten Internetanschluss leisten? Aber gleichermaßen müssen wir im Blick haben, alle Kinder mitzunehmen, auch die Kinder aus den sogenannten schwer erreichbaren Familien.

(Beifall bei der LINKEN)

Digitale Bildungsangebote sind und bleiben Werkzeuge. Die entscheidende Frage ist: Was fangen wir mit diesen Werkzeugen an? Uns, der Linken, geht es dabei vor allem um den Abbau sozialer Ungerechtigkeit, um mehr demokratische Teilhabe, um mehr Demokratie und um Geschlechtergerechtigkeit. Deutschland ist ein digitales Entwicklungsland. Momentan ist die Bundesregierung noch Ankündigungsweltmeisterin. Der Bundesbildungshaushalt ist – das haben bereits mehrere vor mir gesagt – noch weitgehend eine Nullnummer. Das darf nicht so bleiben. Machen Sie sich endlich auf die Strümpfe!

(Beifall bei der LINKEN)

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