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Birke Bull-Bischoff: Allen jungen Menschen eine gute Ausbildung ermöglichen

Rede von Birke Bull-Bischoff,

Sehr geehrte Damen und Herren! Die berufliche Bildung ist in der gesellschaftlichen Debatte wieder zum Thema geworden, und das ist auch gut und wichtig so. Es ist wirklich so, dass sie mitunter als so etwas wie die zweitbeste Lösung, – zum Beispiel auch für Gymnasiastinnen und Gymnasiasten, – gehandelt wird – wie ich finde, zu Unrecht. Auf die internationale Bedeutung hat der Kollege Spiering bereits hingewiesen.

Der Satz des Tages der Bundesministerin am letzten Mittwoch lautete: „Alle ... Zahlen bewegen sich in die richtige Richtung …“ – Das darf und muss bezweifelt werden;

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

denn der Berufsbildungsbericht offenbart eine ganze Reihe von Problemen.

(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Richtig!)

Erstes Problem. Wir haben eine viel zu hohe Vertrags­auflösungsquote, die sogenannte Abbrecherquote. Man kann natürlich sagen: Das ist ein selbstbestimmter Akt. – Selbstverständlich ist es ein selbstbestimmter Akt. Die Frage ist aber, welche Gründe dahinterliegen.

(Beifall des Abg. Pascal Meiser [DIE LINKE])

Dann wird es ernst. Einer der wichtigen Gründe in den betroffenen Branchen ist in der Tat eine viel zu niedrige Ausbildungsvergütung.

(Beifall bei der LINKEN)

Generell haben junge Auszubildende oftmals keinen Bock mehr, bei Papa und Mama zu wohnen. Sie sind sehr viel selbstständiger und selbstbestimmter als früher. „Gott sei Dank“, kann man da nur sagen. Ganz davon abgesehen: Eine Ausbildungsvergütung von monatlich 153 Euro im ersten Ausbildungsjahr – jetzt sind es zugegebenermaßen 325 Euro monatlich für eine junge Friseurin – ist keine Ausbildungsvergütung, sondern eine Zumutung. Das geht gar nicht.

(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Deshalb brauchen wir schnell eine armutsfeste Mindestausbildungsvergütung.

(Beifall bei der LINKEN sowie der Abg. Beate Walter-Rosenheimer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

Eine solche Mindestausbildungsvergütung attackiert eben nicht die Tarifautonomie, wie jetzt schon vielfach kolportiert wird, sondern Armut und Abhängigkeit von jungen Menschen, und genau darum muss es gehen.

(Beifall bei der LINKEN)

Die Gewerkschaften haben einen gemeinsamen Vorschlag gemacht, und mir ist schon klar, dass die SPD hier jetzt vorsorglich behaupten muss, sie sei frei von Stakeholdern, weil die Wahrscheinlichkeit, dass sich genau dieser Vorschlag durchsetzt – ich unterstelle mal, Sie haben dafür auch Sympathien –, gegen null geht. Deshalb würde ich das an Ihrer Stelle auch behaupten. Wir würden die Ausbildungsvergütung der Friseurinnen verdoppeln und mindestens 160 000 Jugendlichen eine Verbesserung ihrer Lebenssituation bieten.

(Beifall bei der LINKEN)

Zweites Problem. Die Zahl der Unternehmen, die ausbilden, ist erstmals unter 20 Prozent gefallen. Das hat auch mit finanziellen Belastungen – gerade für kleine und Kleinstunternehmen – zu tun. Deshalb muss man darüber nachdenken, wie es uns gelingen kann, die Ausbildung und die berufliche Bildung künftig gemeinschaftlich zu finanzieren.

(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)

Die Linke fordert deshalb – das wird Sie nicht überraschen – eine solidarische Umlagefinanzierung der beruflichen Ausbildung.

(Beifall bei der LINKEN)

Ich will ein drittes Problem ansprechen, nämlich die Situation junger Menschen, die die Schule mit wenig Erfolg verlassen, also entweder mit keinem Abgangszeugnis oder mit einem Hauptschulabschluss. Immerhin sind 50 Prozent der Ausbildungsstellen, die zur Verfügung stehen, für Hauptschulabsolventen nicht zugänglich. Wir haben mittlerweile mehr als 2 Millionen Menschen im Alter von 20 bis 34 Jahren ohne Ausbildung. Ihnen drohen prekäre Beschäftigung und Arbeitslosigkeit, und uns droht, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt an dieser Stelle weiter ruiniert wird.

(Beifall bei der LINKEN)

Wir wissen aus den Erfahrungen mit dem produktiven Lernen in den neuen Ländern, dass Lernen besonders dann erfolgreich ist, wenn es praxisnah geschieht, wenn junge Menschen erleben, dass Wissen und Kulturtechniken tatsächlich nützliche Werkzeuge sind, und zwar nicht simuliert, sondern in Echtsituationen. Das ist das Prinzip der dualen Berufsausbildung. Es ist also grundsätzlich auch für Schülerinnen und Schüler mit schlechten Schul­erfahrungen sehr geeignet. Deswegen müssen wir gemeinsam versuchen, nicht nur den Zugang, sondern auch den Erfolg im dualen System zu ermöglichen.

(Beifall bei der LINKEN)

Warteschleifen und Sackbahnhöfe, wie beispielsweise das Berufsgrundbildungsjahr oder das Berufsvorbereitungsjahr, sehen wir deshalb sehr kritisch. Wenigstens aber müssen wir über Anreize nachdenken. Eine Möglichkeit wäre, das Berufsgrundbildungsjahr in einer sich anschließenden Ausbildung anzuerkennen. Sehr viel attraktiver und erfolgreicher ist beispielsweise das Modell der Assistierten Ausbildung.

Meine Damen und Herren, wir haben viele Baustellen und auch viel Nachholebedarf in der beruflichen Bildung. Ich will nur einen kurzen Impuls meiner Vorredner und Vorrednerinnen aufnehmen. Das ist das große Schlagwort „Digitalisierung“. Hier darf es auch in der beruflichen Bildung nicht nur darum gehen, digitale Kompetenzen zu vermitteln. Hier geht es um Bildung in einer digitalen Gesellschaft. Das ist mehr, das ist sehr viel mehr. Wir werden das zu gegebener Zeit aufgreifen.

(Beifall bei der LINKEN – Dr. Jens Brandenburg [Rhein-Neckar] [FDP]: Natürlich ist das mehr!)

Eine Aufwertung der beruflichen Bildung ist nötig. Trotzdem finde ich manche Überschrift, zumal wenn mit Untertönen versehen, merkwürdig: Wir haben zu viele Akademiker – Wir brauchen mehr Facharbeiter – Meister statt Master. Das hieße ja unterm Strich, dass all das, was auf dem Arbeitsmarkt gebraucht würde, das Maß der Dinge sei und für junge Leute brauchte es nicht mehr. Ich finde, Bildung ist nicht etwas, meine Damen und Herren, von dem man zu viel haben kann.

(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Swen Schulz [Spandau] [SPD])

Berufliche Bildung ist das Startkapital junger Menschen für ein gutes und selbstbestimmtes Leben. Deswegen brauchen wir ein Recht auf vollqualifizierende Ausbildung.

Unsere Vorschläge liegen auf dem Tisch. Auf die der Bundesregierung warten wir noch.

(Beifall bei der LINKEN – Dr. Jens ­Brandenburg [Rhein-Neckar] [FDP]: Das stimmt allerdings!)

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