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André Hahn: Bund in Mitverantwortung für mehr Schwimmkompetenz

Rede von André Hahn,

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Herr Kollege Steffel, ich war im Sportausschuss zugegen. Wir bei den Linken arbeiten arbeitsteilig.

(Dr. Frank Steffel [CDU/CSU]: Oh nein! Ich dachte, das Zentralkomitee ist für alles zuständig!)

Insofern sind die Vorwürfe gegen den Kollegen Korte daneben.

Wir haben diese Aktuelle Stunde beantragt, obwohl sich der Sportausschuss heute mit diesem Thema beschäftigt hat. Die Thematik ist wahrlich nicht neu. Ich verweise hier auf die Antwort von Staatssekretär Krings von der CDU/CSU vom 18. März 2015 auf meine schriftlichen Anfragen, in der er mitteilte – ich zitiere –:

"Auch die Bundesregierung nimmt die Untersuchungen zur schwindenden Schwimmkompetenz von Kindern mit Besorgnis zur Kenntnis."

Weiter heißt es:

"Für die Verbesserung der Schwimmkompetenz von Kindern und die Förderung des Schwimmunterrichts im Allgemeinen gibt es seitens der Bundesregierung keine Zuständigkeit."

2015 war das. Die Besorgnis teile ich, nicht aber den Verweis auf die angebliche Nichtzuständigkeit. Erst recht akzeptiere ich nicht die Untätigkeit der Bundesregierung in diesem Bereich.

(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Özcan Mutlu [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

Ich hatte bereits vor über zwei Jahren ein Gespräch zwischen den Akteuren und eine Anhörung im Sportausschuss als Auftakt dazu vorgeschlagen, um die Probleme ergebnisorientiert gemeinsam anzugehen. Diesen Vorschlag lehnte die Koalition nicht nur einmal ab. Erst jetzt, kurz vor Ende der Wahlperiode, gab es heute dazu eine Debatte im Sportausschuss, allerdings wieder hinter verschlossenen Türen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Wir meinen jedoch: Das Problem und somit der Handlungsbedarf sind so gravierend – das ist im Ausschuss eben nachgewiesen worden –, dass das auch hier im Parlament öffentlich diskutiert werden muss.

(Beifall bei der LINKEN)

Deutschland war einmal eine Schwimmnation. Das Land bietet mit seinen Seen und Flüssen, mit der Ost- und der Nordsee, mit seinen Freibädern und Schwimmhallen hervorragende Möglichkeiten, sich im Wasser zu erholen und sportlich zu betätigen. Schwimmen ist ein gesundheitsfördernder Breitensport und macht Spaß. Dazu muss man aber eben schwimmen können. Wenn die Schwimmkompetenz in Deutschland innerhalb von 25 Jahren von über 90 Prozent in der Bevölkerung auf unter 50 Prozent sinkt, dann ist das höchst alarmierend. Ich bin der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft sehr dankbar, dass sie darauf immer wieder aufmerksam macht.

(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Wolfgang Gunkel [SPD])

„Deutschland wird zum Nichtschwimmerland“, titelte Zeit Online vor wenigen Tagen. Wir haben es schon gehört: Fast 60 Prozent der zehnjährigen Kinder können nicht richtig schwimmen; aber Schwimmenkönnen oder Nichtschwimmenkönnen, das entscheidet im Zweifel über Leben und Tod. Wer schwimmfähig ist, kann Leben retten, sein eigenes, aber auch das anderer. Wir haben die Todeszahlen gehört: 2016 waren es 537 Menschen. Mehr als 1 000 Menschen konnten gerade noch so gerettet werden. Das sind dramatische Entwicklungen, für die es Ursachen gibt, die auch auf der Bundesebene förmlich zum Handeln zwingen.

In den 1960er-Jahren hatte fast jede größere Kommune ein eigenes Schwimmbad, auch durch besondere staatliche Förderprogramme. Zuletzt waren aufgrund unzureichender Finanzausstattungen immer weniger Städte in der Lage, ihre Bäder zu sanieren und zu betreiben. Jedes Jahr werden etwa 100 Bäder in Deutschland geschlossen. Der Sanierungsbedarf bei Schwimmbädern wurde eben im Sportausschuss mit 4,5 Milliarden Euro beziffert. Das können die Kommunen definitiv nicht allein stemmen. Hier muss der Bund deutlich unterstützen.

(Beifall bei der LINKEN)

Das alles hat natürlich auch Folgen für den Schwimm­unterricht, der an vielen Schulen gar nicht mehr angeboten werden kann, auch weil die Anfahrtswege für die Schüler immer länger und kostenintensiver werden. So offenbart das Ganze auch eine soziale Schieflage; denn Einkommensschwächere und deren Kinder sind laut Statistik deutlich weniger schwimmfähig als der Landesdurchschnitt. Viele können sich die Eintrittsgelder für Schwimmhallen oder auch für kommerzielle Schwimmkurse schlichtweg nicht leisten.

Die Linke hat deshalb eine Reihe von Vorschlägen vorgelegt, die von der Koalition bisher leider immer abgelehnt wurden. Dazu gehören neben der Wiederaufnahme des Goldenen Plans für Sportstätten Programme für die Sanierung von Schwimmhallen ebenso wie die Förderung des Schwimmunterrichts an Schulen, die Stärkung des Vereinssports sowie der Abbau von finanziellen und kulturellen Barrieren.

Im Übrigen gibt es auch eine Brücke zum Spitzensport, für den der Bund ja tatsächlich originär zuständig ist. Das Ergebnis im Schwimmen bei Olympia in Rio war katastrophal. Die Deutsche Meisterschaft am letzten Wochenende brachte ernüchternde Resultate. Die deutschen Athleten für die anstehende Weltmeisterschaft passen in einen Kleinbus.

Der Schwimmverband soll 2019 ein Viertel weniger Bundesförderung bekommen. Die auf Medaillen fixierte Reform der Spitzensportförderung wird, wenn es hier keine Korrekturen gibt, Kernsportarten wie das Schwimmen oder die Leichtathletik massiv bedrohen. Gerade beim Schwimmen wird deutlich: Immer weniger Breite schafft immer weniger Spitze. Auch deshalb muss die Schwimmfähigkeit deutlich verbessert werden.

(Beifall bei der LINKEN)

Letzte Bemerkung. Wir haben aktuell hochsommerliches Wetter. Die Urlaubszeit steht bevor, und viele Menschen, junge wie ältere, zieht es ans Meer, an Seen und in Freibäder. Ich denke, wir alle hoffen, dass es dabei möglichst wenige Unfälle und gar keine Todesfälle gibt. Es ist dringend geboten, sich auch in der nächsten Legislaturperiode mit diesem Thema zu befassen und endlich etwas zu unternehmen.

Herzlichen Dank.

(Beifall bei der LINKEN)

 

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