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Zulassung glyphosathaltiger Pflanzenschutzmittel

Rede von Kirsten Tackmann,

Top 34 (verbundene Beratung), Rede Dr. Kirsten Tackmann zu:

a) Beratung des Antrags der Abgeordneten Harald Ebner, Kordula Schulz-Asche, Uwe Kekeritz, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Bevölkerung vor Krebsgefahr durch das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat schützen und EU-Neuzulassungsverfahren für Glyphosat stoppen Drucksache 18/5101 Überweisungsvorschlag: A. f. Ernährung und Landwirtschaft (f) A. f. Recht und Verbraucherschutz A. f. Gesundheit A. f. Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit

b) Beratung der Beschlussempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft (10. Ausschuss) zu dem Antrag der Abgeordneten Dr. Kirsten Tackmann, Karin Binder, Heidrun Bluhm, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE. Zulassung glyphosathaltiger Pflanzenschutzmittel einschränken Drucksachen 18/1873, 18/5087

Dr. Kirsten Tackmann (DIE LINKE):

Frau Präsidentin! Liebe Gäste auf den Tribünen! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der gefährliche Unkrautvernichter Glyphosat ist in aller Munde, und zwar leider nicht nur im übertragenen Sinne. Das hat der BUND vor fast zwei Jahren in einer Studie gezeigt. 182 Urinproben von Menschen aus Großstädten in 18 Ländern Europas wurden auf Glyphosat untersucht, und in keinem einzigen Land waren alle Proben frei von Glyphosat. Im Gegenteil, in Malta wurde in 90 Prozent der Urinproben, in Deutschland immer noch in 70 Prozent der Proben Glyphosat gefunden. Ich finde das alarmierend.

(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Nein, das ist keine repräsentative Studie. Aber selbst das Bundesinstitut für Risikobewertung hält die Ergebnisse für plausibel. Die Messwerte liegen zwar unterhalb der Schwelle der gesundheitlichen Unbedenklichkeit, aber sind ein Hinweis auf eine allgemeine Hintergrundbelastung europäischer Bürgerinnen und Bürger mit Glyphosat. Ich finde das bedenklich.

(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Aber bis heute wurde keine einzige repräsentative Studie in Auftrag gegeben, um diese alarmierenden Ergebnisse entweder zu widerlegen oder zu bestätigen. Das finde ich fahrlässig. Wir brauchen hier endlich Klarheit.

(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Bis dahin sollten wir davon ausgehen, dass der BUND recht hat. Dann stellen sich aber mindestens drei dringende Fragen: Erstens. Warum wird so häufig Glyphosat im Urin von Menschen gefunden? Zweitens. Welche Risiken sind damit verbunden? Drittens. Was kann oder, besser gesagt, was muss getan werden?

Warum haben so viele Menschen Glyphosat im Urin? Das ist der Fall, weil Glyphosat sehr häufig in der Landwirtschaft eingesetzt wird und so in die Lebensmittel gelangt. Vielleicht haben Sie schon einmal im Frühjahr Äcker gesehen, auf denen alle Pflanzen totgespritzt waren. Das ist Unkrautbekämpfung mit Glyphosat. Wenn ein Mähdrescher einmal nicht schnell genug für die Ernte bereitsteht oder die Ernte nicht gleichmäßig genug reift - die Antwort ist Glyphosat. Das wurde im Sommer 2014 selbst dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit zu krass, und es schränkte die Zulassung ein. Immerhin! Ob es daran liegt oder an der öffentlichen Debatte, zumindest habe ich in meiner Heimatregion Prignitz in diesem Frühjahr seltener totgespritzte Felder gesehen.

Aber auch für den Haus- und Kleingartenbereich sind 51 glyphosathaltige Mittel zugelassen. Man kann sie kanisterweise im Baumarkt kaufen, angeblich mit Beratung; nun ja. Bei www.amazon.de gibt es 500 Milliliter Roundup Easy für 17,63 Euro, gänzlich ohne Beratung. In Nord- und Südamerika werden glyphosatresistente Gentech-Pflanzen, zum Beispiel Roundup-Ready-Soja, in großem Stil angebaut und nach Europa importiert. Auch so kommt Glyphosat in den Urin der europäischen Bevölkerung. Glyphosat ist unterdessen das weltweit am stärksten verbreitete Pflanzenschutzmittel. Das ist ein Riesengeschäft für Monsanto, und zwar auf unsere Kosten.

Umso wichtiger ist die zweite Frage: Welche Risiken sind damit verbunden? Die ökologischen Risiken sind im Grundsatz klar. Wenn auf einem Acker ausschließlich Mais, Getreide oder Kartoffeln wachsen dürfen, ist das eine ökologische Wüste. Auch Hinweise auf Schäden bei Lebewesen in Gewässern gibt es, übrigens auch von Bundesoberbehörden. Über das konkrete Ausmaß der ökologischen Schäden wissen wir fast nichts. Aber noch größer sind die Wissenslücken bei den gesundheitlichen Risiken. Es gibt zwar immer wieder Hinweise auf erhebliche Tiergesundheitsprobleme bei Rindern und Schweinen, die mit Glyphosat in Verbindung gebracht werden. Aber offiziell wurden diese gesundheitlichen Risiken immer verneint - bis zum Paukenschlag Ende März, als die Internationale Agentur für Krebsforschung der WHO - das ist schon erwähnt worden - Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft hat.

Ja, die wissenschaftliche Dokumentation dazu liegt erst Mitte Juli vor, und ja, es ist völlig legitim, diese noch einmal zu überprüfen. Aber dass Union und Bundesregierung schon vorab die wissenschaftliche Kompetenz dieser WHO-Agentur infrage stellen, finde ich absolut inakzeptabel.

(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Ich muss ehrlich sagen: Diese deutsche Arroganz ist erschreckend und hochnotpeinlich.

(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Damit kommen wir zur dritten Frage: Was muss jetzt eigentlich getan werden? Die Forderungen der Linken liegen seit einem Jahr vor. Wenn die Krebsforscher der WHO recht haben, dann sind das, was wir fordern, nur die allernötigsten Maßnahmen. Unsere erste Forderung wird von vielen Baumärkten ‑ vielleicht in vorauseilendem Gehorsam ‑ schon umgesetzt. Sie nehmen Glyphosat aus dem Sortiment, und das ist auch gut so.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Was sagt es eigentlich über unser Land, wenn Baumärkte vorsorgender denken als die Bundesregierung?

(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN - Uwe Kekeritz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Dass sie intelligenter sind!)

Zweitens. Glyphosat gehört nicht in die Ernte. Drittens wollen wir mehr Forschung zu ökologischen und gesundheitlichen Risiken. Das kann man nun wirklich nicht ablehnen.

(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)