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Zeitsouveränität für ein gutes Leben

Rede von Katja Kipping,

Mehr Verfügungsgewalt über das eigene Leben in allen Bereichen - für umfassende Selbstbestimmung und Emanzipation von Männern und Frauen

Katja Kipping (DIE LINKE):

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Wir reden heute, knapp eine Woche nach dem Internationalen Frauentag, über Geschlechtergerechtigkeit. In dem dazu vorliegenden Antrag der Koalitionsfraktionen steht der bemerkenswerte Satz: „Zeit ist eine Schlüsselressource.“ Ich habe mich gefreut, diese bemerkenswerte Erkenntnis in einem Papier von CDU/CSU und SPD zu lesen; das muss ich sagen. Ich denke da eher an Karl Marx, bei dem es heißt: „Ökonomie der Zeit, darin löst sich schließlich alle Ökonomie auf.“ Aber bevor jetzt die Autorinnen und Autoren der Anträge von den Fraktionsspitzen Ärger wegen zu viel Nähe zu Karl Marx bekommen, kann ich sagen: Keine Sorge! Ich muss kritisch anmerken: Im weiteren Antragstext ist vom Marx’schen Erkenntnisstreben relativ wenig zu erkennen.

Im Koalitionsantrag wird das Thema Zeitsouveränität, finde ich, allein auf die Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie reduziert. Das ist eine wichtige Facette, aber sie reicht in den Kämpfen um Zeit eben nicht aus. Es kann doch nicht alleine darum gehen, dass wir ständig zwischen Trubel in der Familie und Stress im Job hin- und herhetzen. Ich meine, es geht um mehr. Die Linke meint: Im Leben von Männern und Frauen muss gleichermaßen und gleichberechtigt viel Zeit sein für erstens Erwerbsarbeit, zweitens Familienarbeit, drittens politische Einmischung und gesellschaftliches Engagement und viertens Weiterbildung und Muße. Ja, letztlich geht es um nicht mehr und nicht weniger als ein gutes Leben für alle.

(Beifall bei der LINKEN)

Im Koalitionsantrag ist viel von Wahlfreiheit die Rede. Aber wir wissen doch alle - Hand aufs Herz! -: Von wirklicher Wahlfreiheit sind viele Frauen und Männer in diesem Land weit entfernt. Es gibt dafür viele Gründe, aber aus Redezeitmangel kann ich nur auf drei kurz eingehen:

Erstens. Das heutige Ehegattensplitting belohnt finanziell, wenn der eine der Hauptverdiener und der andere - dreimal darf man raten, wer es ist - nur der Hinzuverdiener ist. Die Linke meint: Wir sollten nicht den Trauschein fördern, sondern Kinder. Deswegen weg mit dem Ehegattensplitting und her mit einer ordentlichen Kindergrundsicherung!

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Der zweite Grund. Das Kinderbetreuungsangebot und die Anforderungen der Arbeitswelt gehen vielerorts noch weit auseinander. Selbst dort, wo es viele Kitas gibt, ist die Suche nach einem Kitaplatz alles andere als ein Zuckerschlecken.

Ich erinnere mich noch: Ich war gerade einmal im vierten Monat schwanger, als ich angefangen habe, einen Kitaplatz für meine Tochter zu suchen. Von einigen Einrichtungen bekam ich zu hören „Oh, für das übernächste Jahr sind die Listen schon voll, da hätten Sie eher kommen sollen“. Man fragt sich: Wann? Womöglich vor der Empfängnis, oder was? In anderen Kitas wiederum hieß es, wir nehmen überhaupt erst eine Anmeldung an, wenn die Geburtsurkunde des Kindes vorliegt. Wieder andere wollten entweder nur im Herbst oder im Sommer die Anmeldung entgegennehmen.

Allein um die unterschiedlichen Bewerbungstermine zu koordinieren, bedurfte es wirklich Managementfähigkeiten. Ich weiß aus vielen Gesprächen mit anderen Familien: Die Suche nach einem Kitaplatz wurde für viele zwischendurch zu einem echt anstrengenden Zweitjob. Ich kann nur sagen: Beim Ausbau von Kitabetreuungsplätzen gibt es noch viel Luft nach oben.

(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Ulla Schmidt (Aachen) (SPD))

Dritter Grund. Noch immer sind vielerorts traditionelle Vorstellungen wirkungsmächtig. Ja, hier ist die Politik gefragt, für neue Role Models zu sorgen. Inzwischen gibt es in fast allen Fraktionen junge Mütter, die tagtäglich beweisen: Kinder und Karriere ‑ das passt zusammen. Aber damit die Emanzipation eine vollständige wird, muss auf die Emanzipation der Frauen jetzt eine Emanzipation der Männer folgen.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Wir brauchen jetzt junge Männer in Spitzenämtern, in den Ministerien und Rathäusern, die ganz selbstverständlich 50 Prozent der Erziehungs- und Familienarbeit übernehmen, die partnerschaftliche Arbeitsteilung praktizieren und darüber auch reden. Das tut nämlich nicht nur der eigenen Beziehung gut, sondern das bringt auch den gesellschaftlichen Fortschritt voran.

(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Abschließend möchte ich auf einen Widerspruch im Koalitionsantrag hinweisen. Sie fordern, das Recht auf Teilzeit zu verankern. Allerdings problematisieren Sie selber einige Seiten davor zu Recht, dass Frauen in verantwortungsvolle Positionen in der Regel nicht durch Teilzeit kommen.

Ich spreche das jetzt nicht an, um Sie vorzuführen. Der Widerspruch besteht darin: Einerseits sind Menschen, die besonders in Familienarbeit eingebunden sind, meist auf Teilzeitstellen, auf kürzere Arbeitszeiten angewiesen. Andererseits wissen wir, dass Teilzeit immer noch als Karriereknick gilt. Wer auf wirklich einflussreiche, so richtig gut bezahlte Stellen will, der muss in der Regel ausstrahlen, 7 Tage die Woche, 16 Stunden am Tag im Einsatz zu sein.

(Dagmar Ziegler (SPD): Das wollen wir ändern!)

In solch einer Arbeitswelt machen Menschen, die wirklich Verantwortung in der Sorge- und Familienarbeit übernehmen, ganz schnell den Zweiten.

Die Frage ist: Wie gehen wir jetzt mit diesem Widerspruch um? Ich schlage vor, wir nutzen diesen Widerspruch für einen gedanklichen Fortschritt. Womöglich ist es für unsere Gesellschaft insgesamt besser, wenn generell kürzere Arbeitszeiten zum Standard werden,

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

dass also gilt: kurze Vollzeit für alle, wie es eher in gewerkschaftlichen Kreisen bezeichnet wird, oder ‑ um mit Frigga Haug zu sprechen ‑ längere Teilzeit für alle. Längere Teilzeit für alle? Das klingt erst einmal verdammt ungeheuerlich. So manchem mag die Vorstellung, dass die 30-Stunden-Woche oder ganz visionär die 20-Stunden-Woche irgendwann zum gesellschaftlichen Standard wird, als Zumutung erscheinen. Man hat sich ja auch so gut eingerichtet in der affektierten Überarbeitung, in der sicheren 90-Stunden-Woche, die vor dem unsicheren Terrain Familien- und Sorgearbeit schützt.

(Sönke Rix (SPD): Erklären Sie uns doch einmal den Widerspruch!)

Aber ich habe eine gute Nachricht: Workaholismus ist heilbar. Das Leben ist viel zu vielseitig, als dass wir uns allein auf Erwerbsarbeit reduzieren sollten. Wagen wir also kürzere Arbeitszeiten für alle!

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Erinnern wir uns:

Ökonomie der Zeit, darin löst sich schließlich alle Ökonomie auf.

Ja, wer über die Zeit anderer verfügt, verfügt über deren Lebenszeit. Insofern sind die Kämpfe um Zeit, die Kämpfe um Arbeitszeitverkürzung auch Kämpfe um die Verfügungsgewalt über das eigene Leben. Es geht also um viel, es geht um Selbstbestimmung und um Emanzipation von Männern und Frauen gleichermaßen.

Vielen Dank.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)