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Vielfalt der Kinolandschaft sichern - Bund muss Digitalisierung fördern

Rede von Katrin Kunert,

Katrin Kunert (DIE LINKE):

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Wenn man ein Kino will, das den Blick in die Welt und in die Geschichte offenhält,
dann braucht man mehr denn je die kommunalen Kinos. Das sagte Wim Wenders,
einer der großen Regisseure. Wenn man seiner Logik folgt, dann muss man die Pläne der Bundesregierung zur Digitalisierung der Kinos kritisch unter die Lupe nehmen.

Die Kinos weltweit und in Europa werden auf digitale Vorführtechnik umgestellt.
Das ist die Folge einer grundlegenden technologischen Veränderung. Alle Schritte von der Produktion bis zur Vermarktung werden digitalisiert. Das wird zu enormen Investitionen führen.

Sicher liegt die Zukunft im digitalen Kino. Das erkennen auch die kleinen und kommunalen Kinos an. Hier im Hause und auch mit der EU-Kommission sind wir uns einig: Die Digitalisierung der Kinos kann man nicht dem Markt allein überlassen.
                                                       (Beifall bei der LINKEN)

Wäre das der Fall, käme es zu einer Verödung des kulturellen Reichtums und zum Verlust der Vielfalt in der Kinolandschaft. Die kleinen Kinos, die Arthouse- und Programmkinos, die kommunalen Kinos, die Kinos in der Fläche: Sie alle gingen unter und würden aussterben. Übrig blieben allein die großen Kinoketten mit Programmen,
die sehr oft auf verkaufsstarke Hollywood-Filme ausgerichtet sind. Das wollen wir verhindern.

Die Multiplex-Kinos haben die Umstellung auf das digitale Abspiel bereits vollzogen.
Jetzt gilt es, die kleinen und kommunalen Kinos in der Fläche zu erhalten. Das ist das Anliegen einer Empfehlung der EU-Kommission und auch eines Konzeptes des Kulturstaatsministers. Das finden wir gut.
                                                   (Beifall bei der LINKEN)

In einem entscheidenden Punkt ist das für uns aber unzureichend: Die Gelder zur Digitalisierung der kleinen und kommunalen Kinos reichen bei weitem nicht aus.
Die Ursache dafür sind die hohen Kosten für Projektoren. Sie müssen den Standards der DCI, einem Zusammenschluss der großen Hollywood-Studios, entsprechen. Kleine und kommunale Kinos brauchen für die Digitalisierung eine weniger aufwendige technische Lösung. Das hängt mit den geringeren Raumgrößen und dem kleineren Projektionsabstand zusammen.

Bei der von den kleineren Kinos bevorzugten Lösung kostet ein Projektor zwischen 15 000 und 20 000 Euro. Bei der Technik, die Hollywood bevorzugt, würde ein Projektor zwischen 70 000 und 80 000 Euro kosten. Der Haken an der kostengünstigeren Variante ist allerdings, dass die großen Produktions- und Verleihfirmen Hollywoods Kinos ohne Projektoren mit DCI-Norm nicht beliefern würden, weil sie ihre Qualitätsstandards gesichert sehen wollen. So würde die Förderung der alternativen Technik in eine Sackgasse führen, weil sie Folgeinvestitionen nach sich ziehen würde.

Für die Vielfalt der Kinolandschaft in Europa wäre das sehr schädlich. Damit die kleinen und kommunalen Kinos auch in Zukunft existieren, brauchen sie eine höhere Zusatzförderung. Die Linke setzt sich dafür ein, dass die kleinen Kinos von Augsburg (Claudia Roth [Augsburg] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Augsburg – danke!) bis Sassnitz ausreichende Mittel erhalten, um die digitale Zukunft zu bestehen.

Kleine und kommunale Kinos sind im Unterschied zu den großen Kinoketten innovativ. Analoge und digitale Filme, Filmfestivals, das direkte Gespräch mit dem Regisseur, Diskussionsforen und Einblicke in das Schaffen der Filmproduzenten und europäische Filme: All das macht Kino aus, und all das findet man nur in kleinen und kommunalen Kinos. Sie sind Orte der Kultur und Kommunikation. In ländlichen Räumen sind die kleinen Kinos mitunter die einzigen kulturellen Treffpunkte. Sie tragen entscheidend zur Lebensqualität bei. Die Linke setzt sich gerade für den Erhalt dieser Kinos ein, weil sie ein Stück Kulturerbe bewahren. (Beifall bei der LINKEN)

In Zukunft werden diese kleinen Kinos die einzigen sein, die über die Vielfalt ihrer Programme hinaus auch Filme sowohl digital als auch in klassischen Formaten zeigen können. Ich meine, das Konzept zur Förderung der Digitalisierung der Kinos muss vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Zunächst müssen kleine Kinos, Arthouse- und Programmkinos gefördert werden. Finnland macht es uns vor. Die EU-Kommission hat die staatlichen Beihilfen im Falle Finnlands in ihrer Mitteilung zur Kinodigitalisierung ausdrücklich genehmigt. Mehr noch, sie betrachtet staatliche Hilfen bis 500 000 Euro als zulässig. Die Europäische Union hat endlich einmal bei einem Thema nichts gegen staatliche Beihilfen.

Wenn wir im Vergleich dazu an den ÖPNV denken, dann muss uns das doch ermutigen. Nehmen wir uns also ein Beispiel an Finnland und fördern wir in ausreichendem Maße. Über fünf Jahre hinweg 20 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen, ist aus unserer Sicht zu wenig. Spitzenkino wird ohne Kleinkino nicht möglich sein. Der rote Teppich wie bei der Berlinale muss jetzt in erster Linie den kleinen und kommunalen Kinos ausgerollt werden.
Schönen Dank.
                                                    (Beifall bei der LINKEN)