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Tourismus für alle

Rede von Ilja Seifert,

Ich wundere mich sehr, dass in keinem Ihrer Anträge - weder von den Grünen noch von der Koalition - der Begriff barrierefreier Tourismus auch nur auftaucht, geschweige denn, dass Sie vernünftige Forderungen stellen, um ihn zu gewährleisten.

Dr. Ilja Seifert (DIE LINKE):
Frau Präsidentin! Meine lieben Kolleginnen und Kollegen!
Meine Damen und Herren auf der Tribüne! Mit
Ihrer gütigen Erlaubnis, Frau Präsidentin, darf ich zuerst Frau Mortler und Herrn Hinsken herzlich dafür danken, dass sie mir von diesem Pult aus beste Genesungsgrüße gesendet haben. Ich finde, das war sehr freundlich. Viele von Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen, haben das auf andere Weise auch getan. Vielen Dank. Sie sehen, ich bin wieder da.
Nun zum Thema. Wir hatten gerade die Gelegenheit, mit dem Ausschuss eine Fernreise zu unternehmen. Dabei haben wir zum Beispiel erlebt, wie schwer es ist, wenn man behindert ist. Ich wundere mich sehr, dass in keinem Ihrer Anträge - weder von den Grünen noch von der Koalition - der Begriff barrierefreier Tourismus auch nur auftaucht, geschweige denn, dass Sie vernünftige Forderungen stellen, um ihn zu gewährleisten. Ich bitte Sie, dass wir das in den Ausschussberatungen noch aufnehmen, damit etwas Sinnvolles dabei herauskommt.
(Gabriele Hiller-Ohm [SPD]: Dafür haben wir einen extra Antrag!)
- Das ist ein Antrag zu einem anderen Thema. Aber warum fehlt es hier?
Wenn wir über Ferntourismus reden, möchte ich schon einmal darauf hinweisen, dass es verschiedene Formen von Tourismus gibt. Es gibt die Urlaubsreisenden, es gibt die Geschäftsreisenden, es gibt die Privatreisenden, die Verwandte besuchen, es gibt Städtepartnerschaften und andere Formen von Kultur-, Sport- und Jugendaustausch. Es gibt auch die Fernreisen von Soldatinnen und Soldaten, also den Kriegstourismus. Den wir vollkommen ablehnen, und dabei bleiben wir auch. Wo sind denn eigentlich die Stellschrauben für die Politik? Bei den Urlaubsreisen und bei dem Geschäftstourismus sind die Stellschrauben hinsichtlich der Fernreisen gar nicht so groß.
Bei den Städtepartnerschaften und bei den verschiedenen Formen von Kultur-, Sport- und Jugendaustausch haben wir als Politikerinnen und als Politiker ganz andere Möglichkeiten, einzugreifen. Hier können wir direkt fördern, was von allen Seiten gefordert wird - dass man Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung aufnimmt, dass man wirklich die Kultur des Landes, das man besucht, kennenlernt und dass man wirklich erfährt, wie es dort zugeht. Das ist in diesen Formen des Tourismus am ehesten möglich. Vor allen Dingen haben wir hier die größten Möglichkeiten, einzugreifen. Also lassen Sie uns nicht so weiche, schwammige Formulierungen wie „Wir wirken darauf hin“ und „Wir versuchen, darauf Einfluss zu nehmen“ finden. Lasst uns dort fördern, wo wir fördern können. Lasst uns etwas Konkretes machen.
Ein Reiseziel war zum Beispiel Cancún. Niemand von uns hat sich in den 50 nebeneinanderstehenden Fünfsternehotels - mehrere noch mit eigenen Golfplätzen - wirklich wohlgefühlt. Man hat dort von der einheimischen Bevölkerung nichts gesehen, außer dann, wenn sie als dienstbare Geister die Räume saubergemacht haben.
In den oberen Etagen übrigens war die einheimische
Bevölkerung, zum Beispiel die Nachfahren der Majas,
nicht mehr zu sehen. Was haben wir erfahren? Jeden Tag produziert Cancún 700 Tonnen Müll. Dieser Müll wird in die Landschaft geschüttet. Die Mangrovenwälder, die durch einen Hurrikan und die Umweltbelastungen zerstört worden sind, werden nicht aufgeforstet. Dafür ist kein Geld da. Wenn wir die dortige Infrastruktur stärken und der dortigen Bevölkerung wirklich nützlich sein wollen, dann muss man sagen, wo die Probleme wirklich liegen.
Wir haben durchaus gesehen, wo sie liegen. Dort müssen
sie gelöst und muss die Situation geändert werden.
Deshalb lassen Sie uns die Anträge nicht so halbherzig
formulieren. Lassen Sie uns im Ausschuss daran arbeiten, damit herauskommt: An dieser und an jener
Stelle kann die Politik tatsächlich eingreifen. Das muss dann auch Hand und Fuß haben, und dafür müssen wir auch ein bisschen Geld in die Hand nehmen. Ich denke, da sollte man etwas investieren. In diesem Zusammenhang können wir zum Beispiel darüber reden, dass wir eine Kerosinsteuer brauchen, aus deren Einnahmen wir das bezahlen.
Wir wollen an Ort und Stelle Menschen zusammenbringen,
zum Beispiel Jugendliche, die an einem Jugendaustausch
teilnehmen. Nicht nur unsere Jugendlichen sollen in ferne Länder fahren. Wir sollten auch den Menschen
dort die Möglichkeit geben, zu uns zu kommen, uns kennenzulernen. Wenn diese weniger Geld haben als wir, dann müssen wir ihnen Geld zur Verfügung stellen.
Das ist die Form von Tourismus, die wir unterstützen.
Lasst uns nicht nur daran denken, dass die gutbetuchten in die Fünfsternehotels fahren, sondern auch dafür sorgen, dass sich Menschen kennenlernen und eine Weltanschauung durch das Anschauen der Welt entwickeln können!
Danke schön.
(Beifall bei der LINKEN)