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Suizidprävention: Aufgabe der ganzen Gesellschaft

Rede von Birgit Wöllert,

Wirtschaft, Gesundheitswesen und Medien tragen eine große Verantwortung

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Gäste! „Suizidprävention verbessern und Menschen in Krisen unterstützen“, so lautet der Titel des Antrags der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Ich bin zunächst über den Begriff „Suizidprävention“ gestolpert und habe ihn erst einmal für mich aufgelöst, weil hier ein so emotionales Thema hinter einem so sperrigen, bürokratischen Wort versteckt ist. Eigentlich ist doch die Frage - wenn ich das für mich übersetze -: Wie verhindern wir, dass in Deutschland jährlich rund 10 000 Menschen die Freude am oder den Mut zum Leben verlieren? Das ist der zentrale Punkt, mit dem, hoffe ich, wir alle uns in der Beratung auseinandersetzen wollen. Ich glaube, wir sind es den Menschen, den Angehörigen, den Freunden und dem Umfeld, schuldig, dass wir uns damit auseinandersetzen.

(Beifall bei der LINKEN)

Selbsttötung bzw. Suizid ist ein weltweites Thema; es ist kein Thema, das nur uns in Deutschland beschäftigt. In diesem Jahr jährt sich der Welttag der Suizidprävention, den die Weltgesundheitsorganisation ins Leben rief, zum zwölften Mal. Im vorigen Jahr gab es den ersten Bericht dazu. Danach sind es jährlich 800 000 Menschen, die durch Selbsttötung sterben. Die WHO ruft uns alle auf, das Thema nicht länger zu tabuisieren. Ich denke, schon das ist ein wichtiger Beitrag, den wir leisten.

Wenn dieses Thema in die Öffentlichkeit kommt, dann immer anhand prominenter und eher elitärer Beispiele;

(Tino Sorge (CDU/CSU): Das hat doch nichts mit Eliten zu tun! Das ist Blödsinn!)

betroffen sind aber viel mehr Menschen, die in anderen, schlechteren Lebensverhältnissen leben. Ich gehe nur einmal von den Gefahren durch Depressionen aus. Wenn aus Daten der AOK hervorgeht, dass bei den Langzeitarbeitslosen die Anzahl der Menschen mit psychischen Erkrankungen jährlich ansteigt - sie lag im Jahr 2011 bei über 40 Prozent -, dann ist auch die Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit ein Mittel der Prävention in den Lebenswelten zur Bekämpfung von Selbsttötung. Auch das sollten wir nicht aus den Augen verlieren.

(Beifall bei der LINKEN)

Ich habe mir im Zusammenhang mit der heutigen Diskussion einige Aussagen von Wissenschaftlern angeschaut und bin bei den Recherchen auf sehr interessante Berichte, Dokumentationen, Vorlesungen usw. gestoßen, unter anderem auf Material von Professor Dr. Manfred Wolfersdorf. Da fand ich eine sehr interessante Definition, was man unter Suizidalität versteht. Er beschreibt das als ein zutiefst menschliches Geschehen und Erleben, das in seiner Komplexität nie vollständig verstehbar sein wird. Alle Erklärungsmodelle psychopathologischer, psychodynamischer, biologischer und/oder sozialer oder spiritueller Art seien von begrenzter Art mit dem Respekt vor dem nicht aufdeckbaren Geheimnis des Suizides. Das bedeutet aber nicht: Man kann sowieso nichts tun. - Im Gegenteil, es erfordert die bestmögliche, ernsthafte Annäherung an Verstehen und Verhüten suizidalen Verhaltens. So habe ich auch den Antrag jetzt verstanden. Vielleicht sollten wir das als gemeinsame Aufgabe annehmen.

Ich bin der festen Überzeugung - da weiß ich auch meine Fraktion hinter mir -, dass mit dem Verhüten von Selbsttötungen auch die Einsicht einhergehen muss, dass es sich hier um eine komplexe Aufgabe der ganzen Gesellschaft handelt: Gesundheitswesen, Schulen, Justiz, Wirtschaft und vor allem auch die Medien tragen eine große Verantwortung. Hier müssen wir koordiniert und gemeinsam unser Handeln absprechen.

(Beifall bei der LINKEN)

Selbsttötungen haben viel mit den persönlichen Lebensbedingungen zu tun; ich hatte schon ein Beispiel genannt. Die WHO weist nach, dass die Suizidrate der unter 65-Jährigen mit jedem Prozentpunkt mehr an Arbeitslosigkeit um 0,8 Prozentpunkte steigt. Auch hier haben wir insgesamt etwas zu leisten. Das ist auch eine Aufgabe der Wirtschaft.

Wir brauchen natürlich mehr Beratungsangebote, mehr Weiterbildung, mehr Psychotherapie und mehr Forschung. Das alles ist richtig. Was wir aber auch dringend brauchen, ist eine gesellschaftliche Wirklichkeit, die die Menschen nicht nach ihrer wirtschaftlichen Verwertbarkeit einsortiert, sondern so akzeptiert, wie sie sind, mit all ihren Schwächen und Stärken. Wir brauchen eine Kultur der Anerkennung jedes Menschen, der in unserem Land lebt.

Lassen Sie mich noch eines sagen: Wir brauchen dringend ‑ das haben wir in den letzten Gesetzen nämlich nicht geleistet ‑ auch eine Stärkung des öffentlichen Gesundheitsdienstes mit seinen sozialpsychiatrischen Beratungsstellen. Ich weiß aus meiner Region, dass dort nicht immer genügend Psychiater und Fachärztinnen und Fachärzte zur Verfügung stehen, um die Arbeit im erforderlichen Umfang aufrechtzuerhalten.

Vizepräsidentin Ulla Schmidt:

Frau Kollegin Wöllert, Sie müssen jetzt wirklich zum Schluss kommen.

Birgit Wöllert (DIE LINKE):

Entschuldigung. Ich danke Ihnen. ‑ Ich hoffe, dass Sie den Antrag heute mit überweisen, sodass wir zu diesem Thema gemeinsam ‑ auch mit den Fraktionen der CDU/CSU und der SPD ‑ in der Diskussion bleiben.

Vielen Dank.

(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)