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Sterben kein Tabu mehr

Rede von Ilja Seifert,

Herr Präsident! Meine lieben Kolleginnen und Kollegen!
Es war einmal ein Müller. Als er sein Ende nahen fühlte, rief er seine Familie zusammen und sprach: Du, Ältester, bekommst die Mühle. Dir, Mittlerer, hinterlasse ich den Esel, und du, Jüngster, sollst mit dem Kater dein Glück versuchen. - Als er so alles geregelt sah, starb er friedlich im Kreise seiner Lieben. Wie das Märchen weitergeht, ist allgemein bekannt; das brauche ich hier nicht vorzutragen.
Seltener steht genau dieser Anfang im Mittelpunkt der Überlegungen. Liegt das vielleicht an der ruhigen Gelassenheit, die diese Szene ausstrahlt, oder an ihrer Märchenhaftigkeit?
Sterben im Kreise der Familie; ringsum Wärme; in Ruhe seine Angelegenheiten ein letztes Mal ordnen; die Lieben um sich haben; alles ohne Pathos, ohne sentimentale Rührseligkeit; sich von seinen Lieben verabschieden können; die Würde des Augenblicks genießen. - Traumhaft! Märchenhaft! Wer wollte das - sterben wie im Märchen - nicht? Wir aber leben in der Wirklichkeit, und wir sterben auch wirklich. Das ist eine ernste Angelegenheit, aber wir verdrängen sie, reden kaum darüber, wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen, wenn es so weit ist, weder beim eigenen Sterben - das kann man ohnehin nicht „üben“ - noch dann, wenn die Liebsten von uns gehen. Heute geben uns der Antrag vom Bündnis 90/Die Grünen und die Erinnerung an die gute Arbeit der Enquete- Kommission „Ethik und Recht der modernen Medizin“ Gelegenheit, über diese Fragen wieder einmal öffentlich nachzudenken. Ich finde das richtig. Wo und wie wird denn heutzutage gestorben? Was wird dabei getan? Was wird gesagt, oder wie laut wird dabei geschwiegen? Wer wagt es denn überhaupt, auszusprechen, dass es zu Ende geht? Ärzte versuchen, oft in verzweifelter Hilflosigkeit, noch Heilungschancen auszuloten.
Oder spielen sie den Betroffenen, den Angehörigen und sich selbst nur etwas vor? Ist es für sie vielleicht zu schwer, die Wahrheit auszusprechen? Dürfen sie es womöglich gar nicht? Jedenfalls sterben viele Menschen im Krankenhaus. Als Letztes sehen sie ihre Ärztin oder ihren Arzt; manchmal ist es auch eine Schwester, die ihnen die Hand hält. Wenn sie die Zeit dazu findet. Kosteneinsparprogramme im Gesundheitswesen verhindern das leider immer häufiger.
Im vorliegenden Antrag werden zahlreiche Punkte benannt - meines Erachtens sind es etwas zu viele; aber das ist eine Sache, die wir im Ausschuss klären können -, die neu geregelt werden sollen. Vielem kann die Linke gut zustimmen.Gläubigen Menschen bleibt der Priester. Vielleicht spendet seine Anwesenheit dieser oder jenem Trost? Die Liebe der Angehörigen kann er nicht ersetzen. Den Angehörigen das Abschiednehmen auch nicht.
Manche finden Sterbebegleitung im Hospiz; darüber wurde schon sehr viel geredet. Im Hospiz ist das Tabu allgegenwärtig: ein ganz bewusster Umgang mit dem letzten Lebensabschnitt. Fast könnte man meinen, hier seien wir dem Märchentraum am nächsten. Aber Hospize sind noch immer rar.
Ich weiß von vielen Menschen, darunter solchen mit sehr unterschiedlichen Beeinträchtigungen, die ihre Familie praktisch nicht kennen. Sie leben in Einrichtungen. Im Zeitregime des Heims ist Sterbebegleitung kein abrechenbarer Faktor. Manchmal gibt es - ähnlich wie in etlichen Krankenhäusern - separate Räume, in die die Betten mit denjenigen geschoben werden, bei denen vermutet wird, dass sie nicht mehr lange leben. Nicht wenige verbrachten so schon mehrere Nächte, manchmal Wochen in diesen Separees. Das ist alles andere als menschenwürdig und alles andere als erstrebenswert.
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der FDP und des BÜNDNISSES 90/ DIE GRÜNEN)
Warum versammeln sich nicht die Mitbewohnerinnen und Mitbewohner - ähnlich der Familie im Märchen - um die Sterbenden? Warum wagen die Betroffenen es kaum, sie - analog zum Vater, der sein Ende nahen fühlt - zu sich zu rufen? Wird ihnen diese Möglichkeit überhaupt irgendwann im Leben eröffnet? Wird ihnen überhaupt gesagt, dass es diese Möglichkeit gäbe? Oder lohnt es sich nur nicht, weil eh keine Angelegenheiten zu ordnen sind, sprich: kein Vermögen zu vererben ist?
Damit bin ich wieder bei der Familie. Es soll ja auch die noch geben, und wer sie hat, soll glücklich sein. Warum aber wagt selbst in solchen Gemeinschaften, die gemeinhin und sogar von den Beteiligten selbst als gut funktionierend betrachtet werden, kaum jemand, sich ihr oder sein Lebensende als gemeinsame Erfahrung vorzustellen und diesen Wunsch laut zu äußern?
Merkwürdigerweise fürchten sich nur wenige Menschen vor dem Tod, aber sehr viele vor dem Sterben. Die Gründe sind hier schon aufgezählt worden. Niemand möchte unter quälenden Schmerzen, sehenden Auges und wachen Geistes die eigene Körperlichkeit dahinsiechen erleben.
Mit dem vorliegenden Antrag soll versucht werden, viele damit im Zusammenhang stehende Probleme zu regeln.
Es geht um bessere Pflege, um moderne Schmerzund Palliativmedizin, um weniger separierende Heime, um das Leben und Sterben mit Assistenz in der eigenen Wohnung und vieles mehr. Das alles sind wichtige Punkte, die besprochen werden müssen.
Ich halte es insgesamt für wichtig - das stellen wir von der Linken heute einmal in den Mittelpunkt -, dass wir überhaupt das Schweige-Tabu des Sterbens brechen. Kaum jemand möchte doch seinen liebsten Angehörigen und besten Freunden zumuten, dem Sterben beizuwohnen. Ja, warum eigentlich nicht? Unsere Kultur, all unsere Erziehung, unsere eigene Angst vor der Begegnung mit dem Tod lassen uns vor Derartigem noch immer zurückscheuen.
Ja, wir schämen uns sogar solcher Gedanken und Wünsche - für den Fall, dass sie einmal aufkommen sollten. Warum eigentlich? Viele Märchen, meine lieben Kolleginnen und Kollegen, spiegeln sehr reale Gesellschaften wider. Indem sie die Wünsche, Sehnsüchte und Träume in Erfüllung gehen lassen, zeigen sie Möglichkeiten auf - Handlungsoptionen!
Unsere Wirklichkeit ist nicht unveränderbar: Also lasst uns das Sterben in die Mitte holen, und wir werden besser leben. Danke vielmals.
(Beifall bei der LINKEN)