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Startschuss für sexuelle Vielfalt im Sport

Rede von Katrin Kunert,

Startschuss für sexuelle Vielfalt im Sport
181. Sitzung des Deutschen Bundestages am Donnerstag, dem 24. Mai 2012
TOP 27: Förderung eines offenen Umgangs mit Homosexualität im Sport
Drucksache: 17/7955
Katrin Kunert, Fraktion DIE LINKE

Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrter Herr Präsident!
Liebe Kolleginnen und Kollegen!

2004 haben lesbische Frauen in Südafrika die Fußballmannschaft „Chosen Few“ gegründet, die erste ihrer Art in Afrika. Die Spielerinnen finden durch den Sport zu neuem Selbstvertrauen. Viele von ihnen wurden wegen ihrer Homosexualität missbraucht oder von der Familie verstoßen. Der Sport gibt ihnen die Möglichkeit, das Erlebte zu verarbeiten und sich mit Gleichgesinnten auszutauschen.
Homo-, Trans- und Intersexualität stoßen häufig auf Unverständnis und Ablehnung.
In vielen Ländern ist Homosexualität nach wie vor strafbar und in sieben Staaten unter Todesstrafe gestellt. Erst kürzlich wurden Presseberichten zufolge im Iran vier Männer wegen Homosexualität zum Tode verurteilt.

Anfeindungen und Gewalt wegen sexueller Vielfalt gibt es jedoch nicht nur in Afrika oder arabischen Ländern. Auch in Deutschland ist Homophobie in der Gesellschaft weit verbreitet. Die Bandbreite der Diskriminierungen reicht von verbalen Attacken bis hin zu gewalttätigen Übergriffen. Die Tatsache, dass homosexuelle Flüchtlinge in Europa und auch in Deutschland nur schwer Asyl bekommen, zeigt, dass das Problembewusstsein noch geschärft werden muss.

Diese Thematik macht auch vor dem Sport nicht halt! Insbesondere im Fußball ist sexuelle Vielfalt ein Tabu. Es gibt derzeit keinen aktiven Fußballer in den oberen Ligen, der sich als homosexuell geoutet hat. Grund hierfür ist möglicherweise auch die tragische Geschichte des Justin Fashanu, der sich 1990 während seiner Zeit als aktiver Spieler geoutet hat. Acht Jahre später erhängte er sich in seiner Garage. Seit damals hat sich viel verändert und der Umgang mit sexueller Vielfalt ist offener geworden. In Film, Fernsehen und sogar in der Politik sind homosexuelle Persönlichkeiten keine Besonderheit mehr. Im Sport sind diese positiven Veränderungen noch nicht angekommen. Sportler fürchten um ihr Image in der Öffentlichkeit, um Sponsoren und nicht zuletzt um die Position innerhalb der Mannschaft. Sie verheimlichen ihr Privatleben und bauen sich zum Teil eine Doppelidentität auf. Dieses Versteckspiel hat jedoch Auswirkungen auf die Gesundheit. Sie leiden unter der Situation, Depressionen können auftreten und nicht zuletzt ist die sportliche Leistungsfähigkeit gefährdet.

Die Tatsache, dass in der Nationalmannschaft der Frauen einige Spielerinnen offen zu ihrer Homo- oder Bisexualität stehen, heißt nicht, dass hier mehr Toleranz herrscht. Vielmehr ist das ein Ausdruck von ohnehin bestehenden Vorurteilen. Frauen, die Fußball spielen, sind in den Augen vieler Menschen, Mannsweiber und Lesben. Außerdem geht es bei den Frauen nicht um Millionenbeträge bei Ablösesummen und Sponsorengeldern wie bei den männlichen Kollegen.

Der Handlungsbedarf liegt also auf der Hand. Betroffen sind nicht nur die Sportlerinnen und Sportler, sondern auch Trainerinnen und Trainer und die Fans. Initiativen, wie den Verein der „Hertha Junxx“ begrüße ich daher ausdrücklich. Nachdem dieser sich 2001 als erster schwul-lesbischer Fußballfanclub gegründet hat, gibt es heute schon etwa zwanzig solcher Fanclubs in Deutschland, Spanien und der Schweiz, die sich als „Queer Football Fanclubs“ zusammengeschlossen haben. Dieser Verein bietet auch eine Plattform für Fans im Rahmen der Fußball EM 2012 in Polen und der Ukraine.

Die Ukraine als Austragungsort der Fußball EM ist derzeit allgegenwärtig in den Medien. Die Zustände im Land werden kritisiert und zum Boykott der Veranstaltung aufgerufen. Ich bin gegen einen Boykott, denn damit ist niemandem geholfen. Man kann und sollte die Gelegenheit jedoch nutzen, um auf Missstände hinzuweisen und einen Dialog anzubieten. Wie sieht es aus mit der sexuellen Vielfalt und der Toleranz in der Ukraine? Im letzten Jahr wollten Abgeordnete des ukrainischen Parlaments die „Propaganda von Homosexualität“ unter Strafe stellen. Erst vor wenigen Tagen gab es Angriffe auf Homosexuelle in Kiew und die erste „Gay Parade“ musste abgesagt werden. Dennoch glaube ich, dass Warnungen an Homosexuelle, wie von einigen Abgeordneten von Bündnis90/Die Grünen aktuell ausgesprochen, nicht zielführend sind. Viel wichtiger ist es, dass die Fans füreinander einstehen und sich gemeinsam stark machen. Es kann nicht sein, dass eine Gruppe Fans aus Angst zu Hause bleiben muss. In Polen ist das Thema ebenfalls ein Tabu. Einige Studien besagen, dass etwa 94% der Polinnen und Polen Homosexualität ablehnen. Ich bin gespannt, wie die Stimmung in wenigen Wochen in diesen beiden Ländern sein wird und ob sexuelle Vielfalt beispielsweise durch entsprechende Transparente sichtbar wird und ein Dialog stattfindet.

Ein weiterer sportlicher Höhepunkt dieses Jahres sind die Olympischen und Paralympischen Sommerspiele in London. Ich habe mich sehr gefreut, dass es nach der Premiere bei den Winterspielen 2010 in Vancouver auch in diesem Jahr in London ein Pride House geben wird. Ich hoffe, dass viele Sportlerinnen und Sportler sowie Sportbegeisterte diese Begegnungsstätte für sexuelle Vielfalt auch besuchen werden. Wer nun jedoch denkt, das Ziel wäre erreicht, der liegt leider falsch. Für die Olympischen und Paralympischen Winterspiele 2014 in Sotschi wurde die Organisation eines Pride House von den örtlichen Behörden verboten. Dieses Verbot wurde kürzlich durch ein Gericht bestätigt!

Wir sehen, es gibt viel zu tun. Es reicht zum Beispiel nicht, dass der Präsident der Vereinigten Staaten, Barrack Obama, sich öffentlich für die gleichgeschlechtliche Ehe ausspricht. Es müssen umfangreiche Maßnahmen ergriffen und Aufklärungskampagnen gestartet werden, um aktiv für sexuelle Vielfalt zu werben.

Der vorliegende Antrag ist ein guter Anfang! Die aufgestellten Forderungen unterstützen wir ausdrücklich. Bedauerlich ist allerdings, dass sich der Antrag nur auf Homosexualität bezieht. Trans- und intersexuelle Sportlerinnen und Sportler sind jedoch gleichermaßen Diskriminierungen ausgesetzt. Dies zeigt beispielsweise der Fall der Läuferin Caster Semenya, die aufgrund eines maskulinen Erscheinungsbildes medizinische Tests über sich ergehen lassen und ertragen musste, dass die ganze Welt über ihre Intimsphäre diskutiert. Es bestehen erhebliche moralische und rechtliche Bedenken gegen derartige Geschlechtertests und damit verbundene zwingende Hormonbehandlungen. Hier hätte man die Bundesregierung auch zu einer deutlichen Positionierung auffordern können. Dennoch stimmen wir dem Antrag wegen seines überwiegend positiven Inhaltes zu, denn auch der längste Weg beginnt immer mit dem ersten Schritt.

Am 17. Mai war der internationale Tag gegen Homophobie und auch in diesem Jahr gab es viele gute Aktionen. Ich denke, es hat bereits ein Bewusstseinswandel in der Gesellschaft eingesetzt. Der Sport kann zwar nicht besser sein, als die Gesellschaft, aber man muss diesen Bereich in den Wandel einbeziehen und hier ganz gezielt Toleranz schaffen und fördern. Sport steht für Fair Play, Teamfähigkeit und Integration. Gewalt und Diskriminierung haben da keinen Platz und verdienen die rote Karte!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!