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Staatseigene Bank - oder bankeigener Staat?

Rede von Roland Claus,

Rede von Haushaltsausschussmitglied Roland Claus in der Debatte zur Krise der Industriekreditbank (IKB) am 27. Juni 2008

Roland Claus (DIE LINKE):

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Ich will zunächst zum allgemeinen Verständnis beitragen: „IKB“ steht für Industriekreditbank.

(Leo Dautzenberg (CDU/CSU): Also nicht „Internationale Kommunistische Bewegung“!)

„KfW“ heißt „Kreditanstalt für Wiederaufbau“; das war ihr ursprünglicher Auftrag.

Die FDP hat aus Anlass der Krise der IKB, mit der wir es seit 2007 zu tun haben, gleich drei Anträge gestellt. Wir teilen die Kritik der FDP, aber nicht die Schlussfolgerungen.

Neu ist mir, Kollege Koppelin, dass Sie, wie Sie es eben dargestellt haben, die Anträge stellen, um mit der Fraktion Die Linke in einen Wettbewerb um soziale Gerechtigkeit zu treten. Ich kann Ihnen dabei nur viel Erfolg wünschen!

Die IKB ist eine halbstaatliche Bank, deren Aufgabe es ist, private Kredite und staatliche Förderinstitutionen zusammenzubringen. Das geht häufig nach dem Prinzip, dass, solange es gut läuft, das Private betont wird, und wenn Schulden aufgehäuft werden, nach dem Staat gerufen wird. Wir müssen uns deshalb prinzipiell mit der Frage beschäftigen: Geht es hier um eine staatseigene Bank, oder geht es um einen bankeigenen Staat?

In der Selbstdarstellung auf der Homepage der IKB kann man immer noch lesen:

Viele tausend mittelständische Unternehmer haben ihre Finanzierungsentscheidung getroffen. Sie vertrauen dem Marktführer: der IKB … Wir kennen deren Märkte und können die Entwicklungstendenzen … beurteilen.

Das mag eine ganze Weile gestimmt haben; aber die Bedrohung durch Milliardenverluste seit Juni vergangenen Jahres ist Fakt.

Zustande gekommen ist diese Bedrohung durch Spekulationsgeschäfte mit faulen US-Immobilien-Krediten in der Annahme, dass der Wert dieser Immobilien ständig stiege. Möglich wurde das alles erst auch das muss gesagt werden , weil wir inzwischen eine völlige Abkopplung der globalisierten Finanzmärkte vom Markt der Waren und Dienstleistungen haben: Bei den globalen Finanzmärkten geht es inzwischen um das 50-fache des Wertes der Waren und Dienstleistungen, die Tag für Tag umgeschlagen bzw. erbracht werden.

Die Sprache der FDP ist verräterisch: Das eine nennt sie die Finanzwirtschaft, das andere die Realwirtschaft. Sie macht damit kenntlich, dass die globalisierte Finanzwirtschaft inzwischen eine Irrealwirtschaft geworden ist.

(Zuruf von der CDU/CSU: So ist es auch!)

Dass das so ist, kann man nicht hinnehmen.

(Beifall bei der LINKEN)

Noch vor wenigen Jahren konnten Sie mit dieser Logik relativ unwidersprochen hantieren. Der Wind hat sich inzwischen gedreht: Die Bürgerinnen und Bürger vertrauen den unkontrollierten Finanzmärkten nicht mehr. Selbst Josef Ackermann, den ich hier ja nicht weiter vorzustellen brauche, sagt inzwischen: Ich glaube nicht mehr an die Selbstheilungskräfte der Finanzmärkte. Die Regierungen müssen Einfluss nehmen. Was für einen Kronzeugen brauchen Sie noch, um endlich zu begreifen, dass ein „Weiter so!“ der falsche Weg ist?

(Beifall bei der LINKEN Dr. Michael Fuchs (CDU/CSU): Er hat von Amerika gesprochen, nicht von Deutschland!)

Die Linke fordert das Primat der Politik vor den Finanzmärkten.

Was nun schlägt die FDP vor? Die FDP sagt: Keine Steuergelder für Spekulationsverluste! Das ist so weit in Ordnung. Aber dann kommt es: Die FDP will wenn man sich den früheren Antrag anschaut, sieht man das die Fehler und Folgen verfehlter Privatisierungspolitik durch noch mehr Privatisierung heilen. Im Falle der IKB wird ein Ruin in Kauf genommen. Die Folgen dessen hätten in der Tat viele in dieser Gesellschaft zu tragen, insbesondere die mittelständischen Unternehmen. Lassen Sie sich gesagt sein: Die IKB ist nicht so klein, dass sie einen Crash weiterer Banken auch der Kreditanstalt für Wiederaufbau nicht auch herbeiführen könnte. Ich glaube, in Regierungsverantwortung hätte die FDP diese Anträge nicht gestellt.

(Frank Schäffler (FDP): Da wären sie nicht nötig gewesen!)

Wie verhält sich die Bundesregierung? Die Bundesregierung nimmt eine sogenannte Risikoabschirmung vor: Der Staat und andere Banken retten die bedrohte Bank. Das will die FDP mit ihren Anträgen verhindern. Zur Risikoabschirmung blieb der Bundesregierung zunächst auch gar nichts anderes übrig. Wir haben bekanntlich in Regierungsverantwortung etwas Ähnliches in Berlin getan. Der Unterschied allerdings ist, dass uns in der Landespolitik kein anderes Instrument zur Verfügung steht, Sie aber sehr wohl in der Bundespolitik die Rahmenbedingungen ändern könnten.

Deshalb sage ich an die Adresse der Bundesregierung: Das ist eine Heilung von Symptomen - mehr nicht. Diese Bundesregierung ist in allen entscheidenden Aufsichtsgremien vertreten; aber sie hat keine wirksame Aufsicht geführt. Sie hat die Hedgefonds zuerst zugelassen, und dann haben maßgebliche Vertreter ihrer selbst sie „Heuschrecken“ oder - Peer Steinbrück - „komische Produkte“ genannt, die wiederum Zitat eine „irrationale Entwicklung“ nehmen.

(Frank Schäffler (FDP): Die waren aber nicht das Problem!)

Das, meine Damen und Herren von der Bundesregierung und der Koalition, sind aber die fatalen Ergebnisse Ihrer Politik. Sie können nicht so tun, als hätten Sie damit nichts zu tun, und sich aus der Verantwortung stehlen.

(Beifall bei der LINKEN)

Konsequenter wäre da schon, jene Banken und Fonds zur Verantwortung zu ziehen, die den Schaden bei IKB und KfW erst verursacht haben. Jetzt aber - das ist das wirklich Bemerkenswerte - ist es durchaus wahrscheinlich, dass diejenigen Banken und Fonds, die der IKB die faulen Kredite angedreht haben, günstig Anteile an dieser Bank erwerben. Deshalb muss die Bundesregierung hier handeln - jenseits von Schritten der Symptomheilung und von kleinen Wegen. Die Bundesregierung ist dem Parlament - darauf ist schon hingewiesen worden - noch eine Reihe von Auskünften schuldig. Darüber werden wir aber in den Ausschüssen zu sprechen haben.

Bundesminister Steinbrück hat heute Morgen in einer Debatte zu einem ähnlichen Thema den Segen der internationalen Finanzwirtschaft beschworen

(Leo Dautzenberg (CDU/CSU): Nein, nein! Er hat das differenziert und richtig dargestellt, Herr Kollege!)

und Kritik daran - so wörtlich - als „antikapitalistische Reflexe“ abqualifiziert. Ich stelle dazu fest: Bundesminister Steinbrück ist weit weg vom Lebensalltag der meisten Menschen in diesem Lande. Er ist leider auch weit weg von seinem Amtseid.

(Beifall bei der LINKEN)