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Sprachenvielfalt darf nicht weggespart werden

Rede von Roland Claus,

Rede von Haushaltsausschussmitglied Roland Claus in der Debatte zu Übersetzungsleistungen bei der EU-Kommission, dem EU-Parlament und dem Rat der EU am 21. Juni 2007

(Die Rede wurde zu Protokoll gegeben.)

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

In der Sache sind wir uns ja einig: Ja, wir brauchen natürlich eine vollständige Übersetzung der beratungs- und entscheidungsrelevanten EU-Dokumente ins Deutsche. Die Praxis, wichtige Dokumente ganz oder teilweise zu „Arbeitsdokumenten“ oder „Anhängen“ herabzustufen, um sich damit der bindenden Verpflichtung auf vollständige Übersetzungen zu entziehen, erschwert Zusammenarbeit und Entscheidungsfindung erheblich. Das kann so nicht bleiben.

Und ich freue mich auch, dass sich meine Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Fraktionen gegen die „rein kostenorientierte Betrachtung“ dieser Übersetzungsangelegenheit wehren, wie sie offensichtlich in der EU-Kommission waltet. Denn da haben wir es natürlich mit einer Grundproblematik der Politik überhaupt zu tun: Wenn alles nur noch betriebswirtschaftlich bewertet wird, verliert Politik ihren Sinn. Das wird an diesem Beispiel besonders deutlich, und ich fände es gut, wenn die Kolleginnen und Kollegen aus den Koalitionsfraktionen ihren Protest gegen das „rein Kostenorientierte“ nun auch bei der Bildung, im Gesundheitswesen und auf anderen Feldern der öffentlichen Daseinsvorsorge, auf denen der Ruf nach Privatisierung immer lauter und lauter wird, geltend machen würden. Denn es ist ja richtig: Die Sprachenvielfalt ist ein grundlegender Bestandteil des europäischen Erbes, und Ausgaben für den Sprachendienst sind politische Kosten. Wer Europa will, muss die Sprachenvielfalt wollen, und wer die Sprachenvielfalt durch Sparen am Übersetzen einschränkt, handelt fahrlässig und macht Europa nicht attraktiver, sondern unverständlicher.

Aber ganz und gar nicht einverstanden bin ich mit Versuchen, aus der entstandenen Situation eine besondere Benachteiligung der Deutschen herauszulesen, dies mit allerlei Zahlenmaterial zu begründen und dann eine besondere Heraushebung der deutschen Sprache zu fordern. Nein, es geht hier nicht um Mengen und Größenordnungen: Es geht um das Grundprinzip der Sprachenvielfalt, und es geht um das Grundprinzip der Verständlichkeit der Beschlüsse und Entscheidungen für jeden. Wieso gehen wir denn davon aus, dass die Bürgerinnen und Bürger kleinerer EU-Mitglieder mit Selbstverständlichkeit eine der Hauptsprachen der EU komplett beherrschen müssen - denn das Verständnis der in komplizierter Amtssprache verfassten Dokumente ist nur mit Komplettbeherrschung möglich -, wir Deutschen aber nicht?

Nein, die Betonung der eigenen Sprache als besonders wichtig führt im hier diskutierten Zusammenhang der Übersetzungspflicht in eine Sackgasse. Sie löst das Problem nicht, sondern schichtet es nur um.

Die Sprachen- und Übersetzungsfrage ist in der Tat eine Art Nagelprobe: Gibt die EU mehr Geld für die Übersetzung aus - und damit für die gleichberechtigte Einbeziehung aller ihrer Mitglieder -, oder konzentriert sie es auf elitäre Projekte wie das vorgeschlagene Europäische Technologieinstitut?

Meine Fraktion lehnt das Technologieinstitut ab. Und fordert ein Maß an Übersetzungsleistung, das dem hohen Anspruch der EU, die Sprachenvielfalt als Konstituante ihrer selbst zu begreifen und zu pflegen, gerecht wird.