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Solange Kommerz den Sport bestimmt wird es Doping geben

Rede von Katrin Kunert,

Sehr geehrter Herr Präsident,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Gäste,

„Nur wer dopt, gewinnt. Nur wer gewinnt, ist in den Medien. Nur wer in den Medien ist, macht seine Sponsoren glücklich. Nur glückliche Sponsoren geben auch im nächsten Jahr noch frisches Geld.“

Wenn dies so läuft, wie es Jaksche schildert, kann ich dem Weltradsportverband nur empfehlen: sagen Sie die Tour de France ab!

Und dann?

Watet doch die gesamte Gesellschaft im Dopingmorast und erwartet vom Sportler, den Wettkampf mit trockenen Füssen zu bestreiten.

In den letzten Monaten wurde viel darüber diskutiert, wie man den Sportler bestrafen soll, wenn er dann doch mit nassen Strümpfen erwischt wird.

Das ist scheinheilig!

Das Thema Doping ist uralt, der erste Dopingtote wurde vor 115 Jahren beerdigt.

In diesem Jahrhundert wird dem Publikum immer mal wieder das große Staunen und Entsetzen präsentiert. Der letzte Höhepunkt war der weinende Zabel vor der Kamera, der eine höhere Einschaltquote hatte als die letzte Tour de France Etappe im vergangenen Jahr.

Im Radsport jagt ein Geständnis über Dopingpraktiken das andere....
Vom Sportler über Ärzte hin zu einigen Funktionären fällt das Kartenhaus zusammen.
Mancher schweigt beharrlich, weil ihm ein Geständnis viel Geld kosten würde.

Bisher wurde nur zugegeben, was offenkundig oder verjährt ist.

Lediglich Jaksche bricht das Schweigen- für viel Honorar wohlgemerkt. Aber deutlich wird, es gibt kein Unrechtsbewusstsein.

Und der eigentliche Skandal ist, dass sich selbst diese Geständnisse und Tränen auch noch super vermarkten lassen! Mediendemokratie nennt man das.
Ich nenne das Sittenverfall!

Sie werden mir als Abgeordnete der Linken abnehmen müssen, dass ich mich diesem Erstaunen und Entsetzen nicht anschließen kann.

Und ich will zu Beginn drei Dinge klarstellen:

1. Die Fraktion „Die Linke.“ lehnt Doping im Sport konsequent ab.
2. In der DDR wurde gedopt, ein unrühmliches Kapitel in ihrer Geschichte, ohne wenn und aber. Doch die vielen wissenschaftlichen Studien, die nach 1989 zu diesem Thema durch Steuergelder finanziert wurden, haben in keiner Weise zur Aufhellung geschweige denn zu einer besseren Dopingbekämpfung geführt- das ist bedauerlich.
3. Die Frage ist für uns, ob es gelingt konsequent und transparent alle Hintergründe des Verhältnisses von Spitzensport und Doping und die damit verbundene Gier nach Geld aufzudecken?!

Hauptdopinggrund ist das Geld und sein Einfluss auf den Sport.

Und solange Kommerz den Sport bestimmt, wird es Doping geben, behaupte ich!

„Der Profiradsport ist ein Sumpf. Er rangiert beim Doping noch vor der Leichtathletik, Kraftsport und den nordischen Wintersportarten.“
Sagte der ARD- Dopingexperte Hajo Seppelt in der Tagesschau.

Hand aufs Herz, liebe Kolleginnen und Kollegen, das wissen wir alle...!

Und wir wissen auch, dass die Instrumente im Kampf gegen Doping nur unzureichend greifen!

Die alles entscheidende Frage ist: Sehen wir weiter zu, sind wir gar machtlos oder kümmern wir uns endlich um die Ursachen!?

Wollen wir an den Symptomen rumdoktern oder den Erreger bekämpfen?

Der erste Dopingtote hatte die Ermüdungsschwelle seines Körpers mit Strychnin hinausgeschoben. Heute verdient die globalisierte Pharmaindustrie Milliarden.

Das große Geld wird nicht während des Tour de France Monates verdient, sondern während des gesamten Jahres u.a. in Fitnessstudios zwischen Santiago de Chile und Reykjavik.

Im Profisport und auch im Freizeit- und Amateursport blüht der Handel mit Anabolika, Wachstumshormone u.v.m.

Das weltweit produzierte EPO wird nur zu einem Fünftel für Kranke benötigt.

Warum belegt man den Handel von EPO nicht mit scharfen Sanktionen beginnend beim Pharmariesen?

Warum belegt man nicht die Produktion mit Quoten?

Während ein Medikament wie EPO über das notwendige Maß hinaus produziert und missbraucht wird, sterben Menschen gerade in unterentwickelten Ländern an Krankheiten, die zu wenig erforscht sind- weil es hier offensichtlich zu wenig Profit bringt!

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir stellen als Fraktion die Grundsatzfrage:

Muss der Leistungssport dem totalen Kommerz unterliegen?

Leistungsdruck und das in der Gesellschaft gezeichnete Bild eines erfolgreichen und dynamischen Menschen mit überzogenen Ansprüchen an seine Leistungen macht einen Teufelskreis auf, in den viele Menschen geraten.
Süchte entstehen und die Gesellschaft zahlt die Folgen.

Doping im Leistungssport ist aber nur die Spitze des Eisberges.

Vom Umfang sind Medikamentenmissbrauch und Doping im Freizeit- und Amateursport viel größer als Doping im Leistungssport. Nur das wird vielfach tabuisiert.

Im Durchschnitt greifen 200 000 Besucherinnen und Besucher von Fitnessstudios zu Anabolika und anderen Präparaten zum Muskelaufbau!

Jährlich werden über 100 Mio Euro Umsatz mit illegalen Dopingmitteln gemacht. Gewinner ist die Pharmaindustrie und die hat eine starke Lobby.

Im aktuellen Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung wird davon ausgegangen, dass bis zu 1,9 Mio Menschen deutschlandweit medikamentenabhängig sind.

Zum ersten Mal wurde in diesem Bericht auch der Medikamentenmissbrauch im Sport als Problem erkannt.

Der Gesetzentwurf der Bundesregierung will Doping jedoch nur im Leistungssport bekämpfen! Das ist uns zu wenig!

Nur weil sich die Öffentlichkeit betrogen fühlt, werden strafrechtliche Sanktionen verschärft. Über medikamentenabhängige ManagerInnen, LehrerInnen oder PolitikerInnen regt sich in der Öffentlichkeit niemand auf, das wird billigend in Kauf genommen.

Also nicht nur der Leistungssport hat ein Dopingproblem, sondern die gesamte Gesellschaft!

Die Fraktion „Die LINKE“ legt in ihrem Entschließungsantrag Maßnahmen vor, die das System des Sportes für die SportlerInnen stärken sollen.

Die SportlerInnen dürfen nicht als Gegner, sondern müssen als MitstreiterInnen im Kampf gegen Doping gesehen werden.

An dieser Stelle ein aktuelles Beispiel aus der Leichtathletik, dass ich für völlig kontraproduktiv halte.
Wir erwarten von unseren Sportlerinnen und Sportlern dass sie dopingfrei trainieren und laufen. Und dann setzt der DLV die Normen für die WM so hoch, dass unsere Aktiven nur drunter durchlaufen können!

Wenn sich Normen für deutsche Athleten an den Weltranglisten orientieren, birgt es die Gefahr, dass wir saubere Leistungen mit möglicherweise manipulierten Leistungen vergleichen, das passt nicht!

Manche Teilnahme an wichtigen Wettkämpfen ist schon leistungsfördernd und zwar auf eine gesunde und ehrliche Art.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir schlagen unter anderem auch die Einführung eines Athletenpasses vor.
Die darin erfassten Daten sollen z.B. die immer höher werdende Zahl plötzlich medikamentenbedürftiger Athleten mit Ausnahmegenehmigungen eindämmen...bei der letzten Schwimm-WM in Australien z.B. waren auffällig viele AthletInnen insbesondere aus zwei Ländern anerkannte Asthmatiker, die ganz legal leistungssteigernde Asthmamittel nehmen durften.

Hier sind in Zukunft auch und gerade die Ärztinnen und Ärzte gefragt!

Wir halten die Karriereplanung für Sportlerinnen und Sportler für besonders wichtig, wer Beruf und Sport vereinbaren kann oder eine Perspektive nach dem Sport hat, gerät nicht in die finanzielle Abhängigkeit von Siegprämien.

Eine breite Aufklärungskampagne in Schulen, Vereinen, bei Wettkämpfen ist das A und O.

Vor Jahren ist die NADA gegründet worden und wurde gelinde gesagt finanziell an der kurzen Leine gehalten.
Wenn sie in Zukunft effizient und nachhaltig arbeiten soll, müssen die Mittel erheblich erhöht werden.
Die angekündigte Erhöhung im HH 2008 reichen aus meiner Sicht nicht aus!

Eine 10%ige Gewinnabgabe der Pharmakonzerne wäre ein konsequenter Schritt, meine ich.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir wollen

1. eine umfassende Aufklärung aller Dopingpraktiken in Deutschland.
Eine Überprüfung Strukturen des Sportes.
2. eine Debatte über den Sport in der Gesellschaft , welchen Sport wollen wir? Welche Werte verbinden wir mit ihm?!
3. muss es darum gehen, klare und für alle auf internationaler Ebene gleich geltende Regeln aufzustellen. Das heißt, ein Maß für alle.
Wer die Regeln verletzt, ist raus aus dem Spiel.
Wichtig ebenso, die Qualität der Kontrollen zur Einhaltung der Regeln.

Vielen Dank!