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Situation der Menschen in Städten des globalen Südens ist mehr als dramatisch

Rede von Annette Groth,

Entwicklungspolitische Chancen der Urbanisierung nutzen 

Folgende Rede gab Annette Groth zu Protokoll:

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

Heute leben etwa 3,8 Milliarden Menschen – das sind 54 Prozent der Welt­bevölkerung – in Städten. Im Jahr 2050 werden es etwa 70 Prozent sein. Die OECD rechnet damit, dass bis zum Jahr 2020 allein in China weitere 100 Millionen Men­schen vom Land in die Städte ziehen.

Jedes Jahr wachsen die Städte um rund 70 Millionen Menschen, jede Woche also wandern 1,4 Millionen in urbane Zentren. Dort findet jedoch die Mehrzahl der neuen Einwohner statt der erträumten Befreiung von Ar­mut und sozialen Fesseln nur neues Elend. Viele finden keine Arbeit und müssen sich im informellen Sektor über Wasser halten. Dieser informelle Sektor hat sich in vielen Städten inzwischen zu einer „Ökonomie der Mehrheit“ entwickelt, wie es eine Studie von Brot für die Welt bezeichnet.

Die neoliberal organisierte Globalisierung hat die Verarmungstendenzen in den städtischen Ballungszen­tren gesteigert. Billigimporte aus der hochsubventionier­ten industrialisierten Landwirtschaft der USA oder der EU verdrängen lokale Bauern von den heimischen Märkten und zwingen sie zur Landflucht.

Der Antrag der Regierungsparteien beschreibt treffend die Situation der Urbanisierung, zeigt Probleme auf – aber eine grundlegende Antwort gibt er leider nicht.

Die Situation der Menschen in den Städten des globa­len Südens ist mehr als dramatisch: Viele müssen in selbst gebaute und illegale Barackenstädte, Squattersied­lungen und Slums ziehen. In diesen Siedlungen gibt es häufig keine Schulen; der Müll wird nicht abtranspor­tiert. Das verschmutzte Wasser macht die Menschen krank. Gleichzeitig entstehen Ghettos der Reichen, die von privaten Sicherheitsdiensten bewacht werden.

Heute leben 1 Milliarde Menschen in informellen Siedlungsstrukturen. Es sind vor allem junge Leute, die den ländlichen Raum verlassen, da sie dort keine Le­bensperspektive mehr sehen. Dem ländlichen Raum geht dadurch die gesellschaftlich und wirtschaftlich aktivste Bevölkerungsgruppe verloren.

Klima- und Umweltpolitik müssen sich genau wie Entwicklungs-, Wirtschafts- und Verkehrspolitik diesen neuen Herausforderungen stellen und eine Antwort auf die sich dramatisch verschlechternde Situation der Be­völkerung in den Städten geben.

In den Städten mangelt es zunehmend an sauberem Wasser, sauberer Luft, Schutz vor Lärm und Giften, ge­sunden Lebensmitteln oder menschenwürdigem Wohn­raum. Die bisherige Entwicklung in den Städten kann so nicht weiter fortgesetzt werden.

Neben sauberer Luft brauchen Menschen sauberes Wasser zum Überleben. Mehr als 700 Millionen Men­schen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Spätestens im Jahr 2030 wird die Nachfrage nach saube­rem Süßwasser das Angebot um etwa 40 Prozent über­steigen. In Brasilien sitzen aufgrund des Klimawandels, der Folgen der Abholzungen im Amazonas und des un­gebremsten Wasserverbrauchs Städte wie Sao Paulo und Rio de Janeiro fast auf dem Trockenen. In den Vorstäd­ten Sao Paulos ist das Wasser bereits rationiert. Marode Wasserrohre, verschmutzte Flüsse und extreme Trocken­heit tragen dazu bei, dass hier wegen des zunehmenden Kampfes um sauberes und bezahlbares Trinkwasser eine explosive Mischung entsteht. Im Pentagon-Klima-Re­port vom Oktober 2014 wird der Klimawandel als „Be­drohungsmultiplikator“ bezeichnet, der das Potenzial hat, „bestehende Probleme noch zu verschärfen“. Die Förderung des Ausbaus der Trinkwasser- und Abwasser­netze und der Sanierung von Abwasserreinigungsanla­gen sollte daher eine zentrale Aufgabe in der Entwick­lungszusammenarbeit sein.

Es sollte uns sehr zu denken geben, dass der Bürger­meister von Beijing vor einiger Zeit sagte, dass die gro­ßen chinesischen Städte aufgrund der Luftverschmut­zung eigentlich nicht mehr bewohnbar seien. Statt weiterhin auf den Export von Autos zu setzen, sollte die deutsche Politik endlich den öffentlichen Nahverkehr fördern.

Die Linke fordert, Basisinitiativen und Selbstorgani­sationskräfte zu unterstützen und zu einer Demokratisie­rung der Entscheidungen zu kommen. Entwicklungszu­sammenarbeit muss dazu beitragen, dass die Betroffenen über die Entwicklungen „ihrer Städte“ mitbestimmen können.