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Schwarz-Gelb treibt die Zweiklassenmedizin voran

Rede von Harald Weinberg,

Entsolidarisierung in der Gesundheitspolitik durch CDU/CSU und FDP

Sehr geehrte Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! An dem Entwurf des Haushalts des Bundesministeriums für Gesundheit sind vor allem zwei Dinge bemerkenswert:


Erstens ist die Veranschlagung eines hohen Aufkommens an Sponsorengeldern bemerkenswert. Mit 61,2 Millionen Euro steht das Gesundheitsministerium in dieser Hinsicht an der Spitze aller Ministerien. Darunter sind fast 27 Millionen Euro vom Verband der privaten Krankenversicherung. Da bleibt das ungute Gefühl, daran könnten Gegenleistungen geknüpft werden. Zeitgleich gab es tatsächlich folgende Zeitungsmeldung Zitat : Die Zukunft der privaten Krankenversicherung sieht nach Ansicht von fast zwei Dritteln der Versicherungsentscheider in den kommenden zwei Jahren gut aus. Es seien deutliche Zuwächse zu erwarten. Sie stützen ihre Prognose auf den Wegfall des Dreijahresmoratoriums, der den Wechsel von der gesetzlichen Krankenversicherung in die PKV wieder erleichtert. Seitdem hätten mehr als 10 000 gesetzlich Versicherte zusätzlich zur PKV gewechselt. Für eine solch rettende Bluttransfusion kann man sich schon einmal erkenntlich zeigen.


(Beifall bei der LINKEN)


Zweitens ist der deutlich über 70-prozentige Rückgang der Mittel für Präventionskampagnen bemerkenswert. Nun sind wir gegenüber solchen Kampagnen durchaus kritisch eingestellt, da Kampagnen nicht die Ursachen gesundheitlicher Ungleichheit beseitigen. Diese Kürzung vermittelt aber das Signal: Der Bund zieht sich aus der Gesundheitsförderung zurück. Und das ist aus unserer Sicht das falsche Signal. Im Übrigen entspricht das nicht dem Koalitionsvertrag, der auf diesem Gebiet einen Ausbau vorsah.


Es ist Zeit für die Halbzeitbilanz der schwarz-gelben Koalition, obwohl man natürlich nicht genau weiß, ob diese bürgerliche Wunschkoalition, wie sie sich selbst genannt hat, die zweite Hälfte überhaupt übersteht. Der Koalitionsvertrag trägt den Titel: „Wachstum. Bildung. Zusammenhalt“. Das ist ein hoher Anspruch, der mit der Realität der schwarz-gelben Gesetzgebung in den letzten zwei Jahren nichts zu tun hat; denn die Koalition gefährdet den gesellschaftlichen und sozialen Zusammenhalt und beschleunigt die Spaltung der Gesellschaft in viele Arme und wenige Reiche und Superreiche.
Das gilt gerade auch für die Gesundheitspolitik. Statt die Solidarität zu stärken, hat die Koalition mit Einführung der Kopfpauschale einen Systemwechsel vollzogen. Die Versicherten werden in Zukunft alleine für weitere Ausgaben zur Kasse gebeten. Die Arbeitgeber werden geschont. Praxisgebühren und Zuzahlungen belasten die Patientinnen und Patienten zusätzlich. Der Ausstieg aus der Solidargemeinschaft und der Wechsel in die private Krankenversicherung wurden deutlich erleichtert. Mit dieser Koalition geht es auf dem Weg in die Zweiklassenmedizin schleunig voran, und das ist ein Skandal.


(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)


Obwohl bislang nur wenige Kassen Zusatzbeiträge erhoben haben, wirken diese Kopfpauschalen bereits heute. Wir wissen, dass die DAK rund 20 Prozent ihrer Mitglieder verloren hat. Die City BKK musste letztlich wegen der Abwanderung von Versicherten aufgrund von Zusatzbeiträgen Insolvenz anmelden. Die Bilder schlangestehender älterer Ex-City-BKK-Versicherter, die von anderen Kassen abgewimmelt wurden, sind uns allen noch präsent.


Diese Beispiele vor Augen ist bei den Krankenkassen ein Wettbewerb zur Vermeidung von Zusatzbeiträgen ausgebrochen, der auf dem Rücken der Patientinnen und Patienten ausgetragen wird. In ihrer Not nutzen die Kassen alle Möglichkeiten aus, um Leistungen einzuschränken. In diesem Sommer habe ich mehrere Erfahrungsberichte bekommen: Da wird der Krankentagegeldanspruch infrage gestellt, Rehamaßnahmen werden verzögert, Eltern-Kind-Kuren nicht genehmigt usw., usf.


Im Kern läuft die Politik dieser Bundesregierung darauf hinaus, die wesentlichen Bereiche des Sozialstaates den Finanzmärkten auszuliefern. Das gilt für die Altersvorsorge, das gilt für weite Teile der Gesundheit, und das ist auch das Leitmotiv für die Einführung einer Kapitaldeckung bei der Pflegeversicherung. Sie öffnen diese Felder für die Geschäfts- und Profitinteressen privater Finanzinvestoren und liefern sie damit dem Finanzmarktgeschehen aus. Das erhält natürlich vor dem Hintergrund der Finanz- und Wirtschaftskrise eine ganz besondere Brisanz.


Ideologischer Wegbereiter für diese Politik der Entsolidarisierung, der Entkernung des Sozialstaates, der Verherrlichung des Wettbewerbs und des Marktes, der Deregulierung in allen Bereichen, also genau der Politik, die uns in diese Finanzmarktkrise hineingeführt hat, war und ist die FDP.


(Beifall bei der LINKEN Zurufe von der FDP: Hui!)


Doch zum Glück gibt es das ist ganz offensichtlich eine kollektive Weisheit in der Bevölkerung; denn dies wird dort glasklar so erkannt. Deshalb steht „FDP“ heute als Abkürzung für „Fast drei Prozent“, und das ist gut so.


(Beifall bei der LINKEN Otto Fricke (FDP): Mal was richtig Neues, Herr Kollege! Gegenruf des Abg. Dr. Axel Troost (DIE LINKE): Es trifft immer wieder!)


Ja, es trifft offensichtlich immer wieder.


(Zuruf des Abg. Heinz Lanfermann (FDP))


Da sind wir bei weitem noch nicht, Herr Lanfermann.


(Heinz Lanfermann (FDP): Noch drei Briefe nach Kuba, dann sind Sie unter 5 Prozent! Otto Fricke (FDP): Ja, in Kuba geht es den Leuten besser!)


Begleitet wurde und wird diese Politik von einigen jungen Wilden in der Union, die in der Nachfolge von Friedrich Merz an den Glaubenssätzen des Neoliberalismus immer noch festhalten, obwohl sich dieser weltweit völlig blamiert hat. Die Linke hingegen verteidigt den Sozialstaat gegen Versuche der Aushöhlung und Zerstörung. Wir entwickeln Vorschläge, wie er solidarisch fortentwickelt werden kann. Das gilt für die Alterssicherung; das gilt aber auch für die Bereiche Gesundheit und Pflege.
Mit der solidarischen Bürgerinnen- und Bürgerversicherung haben wir ein Konzept erarbeitet, das in eine völlig andere Richtung weist als das der Wettbewerbs- und Deregulierungsfetischisten von Schwarz-Gelb.


(Heinz Lanfermann (FDP): Armut für alle!)


Das Konzept haben wir im Rahmen einer ökonometrischen Studie durchrechnen lassen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Der Beitragssatz zur Krankenversicherung kann auf Jahre hinaus konstant niedrig gehalten werden. Er kann bei sofortiger Umstellung von derzeit 15,5 Prozent auf 10,5 Prozent abgesenkt werden


(Beifall bei der LINKEN)


Auf Löhne und Gehälter sowie Renten müssten die Versicherten nur noch einen Anteil von 5,25 Prozent statt derzeit 8,2 Prozent zahlen.


(Johannes Singhammer (CDU/CSU): Und die Griechen bezahlen alles!)


Auch die Arbeitgeber würden einen Anteil von 5,25 Prozent statt bisher 7,3 Prozent zahlen. Das entlastet besonders personalintensive Unternehmen.


(Beifall bei der LINKEN)


Versicherte mit einem Einkommen oberhalb der Beitragsbemessungsgrenze würden künftig gerecht in die solidarische Finanzierung einbezogen. Durch den niedrigeren Beitragssatz wären bis zu einem Einkommen von 5 800 Euro im Monat noch Entlastungen spürbar, die deutlich über denen der geplanten Steuersenkung von Wirtschaftsminister Rösler liegen.
In der sozialen Pflegeversicherung besteht dringender Handlungsbedarf. Die Pflege muss teilhabeorientiert, selbstbestimmt und ganzheitlich werden und die Finanzierung langfristig gesichert sein. Die von uns in Auftrag gegebene Studie weist nach: Mit der solidarischen Bürgerinnen- und Bürgerversicherung kann das geschehen und der Beitragssatz unter 2 Prozent gehalten werden. Das schafft finanzielle Sicherheit und Spielraum für eine grundlegende Pflegereform.
Durch die Bürgerinnen- und Bürgerversicherung hätten die meisten Menschen mehr Geld zur Verfügung, Geld, das vor allem bei den Beziehern von kleinen Einkommen fast vollständig in den Konsum fließt. Durch die höhere Kaufkraft stiege die Binnennachfrage, und über 500 000 Menschen zusätzlich kämen in Beschäftigung.


Nun kommt häufig der Einwand - man kennt ihn ja -, die Abschaffung der privaten Krankenvollversicherung sei verfassungswidrig. Dazu möchte ich Folgendes ausführen: In einer ganzen Reihe von Urteilen hat das Bundesverfassungsgericht klargestellt, die Finanzierbarkeit des Sozialversicherungssystems stelle einen „überragend wichtigen Gemeinwohlbelang“ dar. Der Gesetzgeber sei unter der Prämisse des Gemeinwohls weitgehend frei, wie er die Sozialversicherung ausgestalte, um das Ziel der Finanzierbarkeit zu erreichen. Um den Solidarausgleich zwischen Gesunden und Kranken, Gutverdienenden und Geringverdienenden, Alleinstehenden und Familien zu gewährleisten, könne der Gesetzgeber den Kreis der Pflichtversicherten so abgrenzen, wie er es für eine leistungsfähige Solidargemeinschaft erforderlich halte. Also, wenn die Abschaffung der privaten Krankenvollversicherung nötig ist, um die finanzielle Stabilität der solidarischen Krankenversicherung zu erhalten, widerspricht das aus unserer Sicht nicht dem Grundgesetz.


(Beifall bei der LINKEN - Heinz Lanfermann (FDP): Mit der Meinung sind Sie aber ziemlich alleine in Deutschland! Lesen Sie einmal die Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts zu diesem Thema!)


Bisherige Eingriffe, Herr Lanfermann, in das Geschäftsfeld der privaten Krankenversicherung - Basistarif, Rückkehrrecht, allgemeine Versicherungspflicht, Einführung der verpflichtenden privaten Pflegeversicherung - wurden allesamt durch das Bundesverfassungsgericht bestätigt. Doch jede Form der sozialpolitischen Regulierung stößt auf erbitterten Widerstand der Interessenvertreter der privaten Krankenversicherung, die ihre Gewinne gefährdet sehen; das ist klar. Angebliche Grundrechtsverletzungen auszurufen, ist eine der wesentlichen Verteidigungsstrategien der PKV-Lobby. Die Privatversicherten selber sehen das oft anders.


(Heinz Lanfermann (FDP): Sie wollen die Rücklagen einkassieren und die Bürger enteignen!)


Viele haben genug von den immer höher steigenden Prämien und den Leistungsverweigerungen der privaten Versicherungsunternehmen.


(Johannes Singhammer (CDU/CSU): Es geht nichts über ein klares Feindbild! - Heinz Lanfermann (FDP): Genau! Kubanische Goldesel!)


Die solidarische Bürgerinnen- und Bürgerversicherung ist sicher auch deswegen attraktiv, weil sie im Gegensatz zu allen bisherigen Vorschlägen der FDP tatsächlich für eine große Mehrheit der Einkommensbezieher - übrigens auch der Leistungsträger, Herr Spahn - deutlich mehr Netto vom Brutto lässt, weil sie Selbstständige sowie kleine und mittlere Unternehmen entlastet, weil sie eine deutliche Stärkung der Binnennachfrage bedeutet und weil sie positive Wirkungen auf die Sozialkassen und die Haushaltssituation hat.


(Beifall bei der LINKEN)


Dies ist auch ein Beitrag gegen die augenblickliche Rezessionsgefahr. Jedes weitere Hineinsparen in die Krise, jeder weitere Rückgang der Einkommen wirkt krisenverschärfend, während die solidarische Bürgerinnen- und Bürgerversicherung die Einkommenssituation vieler Haushalte deutlich stärkt und damit die Binnennachfrage ankurbelt sowie rezessionsdämpfend wirkt.


(Stefanie Vogelsang (CDU/CSU): Sagen Sie das auf Ihrem Parteitag und reden Sie hier zum Haushalt!)


Wer das nicht sehen will, ist in seiner neoliberalen Ideologie wohl so verblendet, dass er gar nichts mehr sehen will, und gehört daher abgewählt.


Vielen Dank.


(Beifall bei der LINKEN - Heinz Lanfermann (FDP): Das war ein linkes Perpetuum mobile!)