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Rede zu Protokoll zum TOP "Bildung für nachhaltige Entwicklung"

Rede von Rosemarie Hein,

Bildung für nachhaltige Entwicklung soll bewirken, dass Menschen sich ihrer Verantwortung für Natur und Gesellschaft bewusster werden und begreifen, dass die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen und die Gestaltung einer sozial gerechten und nach ökologischen Grundsätzen gestalteten Gesellschaft das verantwortliche Handeln aller erfordert.
Nachhaltig zu denken und zu handeln erfordert, die Zusammenhänge in der Welt zu begreifen, die Wirkungen neuer Technologien ebenso vorausschauend zu beachten wie die Folgen eines hemmungslosen Ressourcenverbrauches im Blick zu haben. Dabei ist es wichtig, das soziale und ökologische System der Erde als System kommunizierender Röhren zu begreifen, was heißt, dass verantwortungsloses Handeln, zum Beispiel in Europa, ebenso verheerende Folgen am Nordpol oder in Südamerika haben kann.
Bildung für nachhaltige Entwicklung will Menschen in die Lage versetzen, diese Zusammenhänge zu verstehen und danach zu Handeln.
Das ist ein ehrenwertes Ziel.
Es ist aber nicht umzusetzen, wenn große Teile der Bevölkerung von diesem gemeinsamen Lernprozess ausgeschlossen sind, wenn ihnen Bildung nicht oder nur unzureichend zugänglich ist.
Darum fordert DIE LINKE, dass Bildung selbst nachhaltig sein muss, wenn Bildung für nachhaltige Entwicklung erfolgreich sein soll.
Derzeit aber sind wir selbst in einem so hochentwickelten Land wie Deutschland davon weit entfernt.
Ich will das an einem Beispiel deutlich machen.
Neulich war ich in meinem Wahlkreis Schönebeck in einer Einrichtung eines freien Trägers der Jugendhilfe, Rückenwind e.V. „Unser Hauptaugenmerk gilt jungen Menschen und ihren Entwicklungsmöglichkeiten und -Unmöglichkeiten,“ kann man auf der Internetseite des Vereins lesen. Innerhalb seines Angebotes bietet „Rückenwind“ unter anderem Hilfe bei Schulproblemen und der Träger beteiligt sich am ESF-Programm „2. Chance“. Auf dem Flur der Lernstätte finden sich Plakate mit den Erfolgen des Programmes. Silke S., der Name ist erfunden, das Mädchen nicht, hat über dieses Programm ihren Realschulabschluss geschafft und eine Lehre aufgenommen. Silke S. kam in dieses Programm aus der Förderschule Lernen und hatte dort gar keinen Abschluss erreichen können.
Was war falsch gelaufen in der Bildungskarriere dieser jungen Frau, die erst an die Förderschule für Lernbehinderung verwiesen wurde und nun doch ihren Realschulabschluss mit gutem Erfolg gemacht hat? Warum konnte sie die erste Chance, die Regelschule, nicht erfolgreich meistern? Was hat sie gehindert, nachhaltig zu lernen?
Diese und andere Fragen müssen wir uns stellen, wenn es um nachhaltige Bildung geht.
Wenn junge Menschen, wie die leo.-Studie nachwies, trotz Schulabschluss zu funktionalen Analphabeten werden oder gleich ohne ausreichende Grundbildung die Schule verlassen, dann ist Bildung nicht nachhaltig, dann stimmt etwas nicht in unserem Bildungssystem.
Wenn frühkindliche Bildung zwar postuliert, aber nicht mit ausreichend gut ausgebildeten Fachkräften besetzt werden kann und tausende Fachkräfte fehlen, dann stimmt etwas nicht in unserem Bildungssystem.
Wenn Kindern aus sozial benachteiligten Familien nicht genügend Bildung in- und außerhalb der Schule zugänglich gemacht werden kann und selbst Bildungspakete nicht wirklich greifen, dann stimmt etwas nicht in unserem Bildungssystem.
Wenn private Nachhilfe der Notanker ist, weil Lehrerinnen und Lehrer sich nicht in der Lage sehen, alle Schülerinnen und Schüler ausreichend zu fördern, dann stimmt etwas nicht in unserem Bildungssystem.
Wenn Kommunen Schulen nicht angemessen ausstatten können und moderne Lehr- und Lernmittel unerschwinglich sind, dann stimmt etwas nicht in unserem Bildungssystem.
Wenn im Jahre 2009 über 1,5 Millionen Menschen im Alter zwischen 25 und 35 Jahren keinen Berufsabschluss haben, dann stimmt etwas nicht in unserem Bildungssystem.
Wenn so vieles in unserem Bildungssystem nicht stimmt, dann kann Bildung nicht nachhaltig sein, dann läuft auch Bildung für nachhaltige Entwicklung für einen großen Teil von Menschen ins Leere.
Die nachhaltige Entwicklung unserer und der Weltgesellschaft wird aber nur erreichbar sein, wenn möglichst alle an diesem Entwicklungsprozess teilhaben können, wenn sich alle Bildung für nachhaltige Entwicklung aneignen können. Diese Dimension ist im Antrag der Großen Koalition von CDU/CSU, FDP, SPD und Grünen leider nicht enthalten. Darum haben wir diesen Antrag gestellt.
Möglicherweise werden die AntragstellerInnen des anderen Antrages unserem nicht zustimmen, doch das Problem wird bleiben und wir werden nicht müde, es immer wieder zu thematisieren.