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Rede von Karin Binder am 22.09.2016

Rede von Karin Binder,

KarinBinderDIE LINKEKarin Binder (DIE LINKE): Seit Jahren fördert die EU die Abgabe von Milch sowie Obst und Gemüse an Schülerinnen und Schüler. Dafür gibt es zwei gute Gründe: erstens die Förderung des Absatzes von Milch, Obst und Gemüse aus der Landwirtschaft und zweitens die Förderung gesunder Ernährung von Kindern. Die Idee dahinter: Lernen wir schon als Kinder, regelmäßig Obst und Gemüse zu essen und Milch zu trinken, wird dies zu einer gesunden Ernährungsgewohnheit, die wir ein Leben lang beibehalten. Auch das stärkt dann später wieder die heimische Landwirtschaft.

Dass es in unserer Gesellschaft in Sachen gesunder Ernährung Handlungsbedarf gibt, ist unbestritten. Wir müssen schon seit Jahren zunehmend gesundheitsbelastende Ernährungsweisen feststellen, von der bereits Kinder und Jugendliche betroffen sind. Jedes siebte Kind leidet an Übergewicht, fast jedes zweite davon ist fettleibig. Jede beziehungsweise jeder vierte Jugendliche leidet an Essstörungen.

Ein Grund ist im modernen Arbeitsalltag vieler Familien zu finden. In der Hektik zwischen Job, Schule, Familie und weiteren Verpflichtungen müssen Mahlzeiten schnell zubereitet sein. Essen wird durch ein zunehmendes Angebot an Fertigmahlzeiten mit nicht erkennbarer Zusammensetzung bestimmt. Frisch zubereitete Gerichte und insbesondere frisches Obst und Gemüse kommen zu kurz. Allgegenwärtige, teils aggressive Werbung lenkt besonders Kinder und Jugendliche und deren Eltern gezielt auf unausgewogene Produkte wie Fastfood, Snacks und Softdrinks. Das hat auch die EU-Kommission erkannt und betonte schon 2014 in einer Auswertung zum Schulmilch- und Schulobstprogramm: „Diese Entwicklung durch die modernen Ernährungstrends hin zu stark verarbeiteten Nahrungsmitteln mit oftmals hohen Beimengungen von Zucker, Salz und Fett verstärkt sich besonders bei jüngeren Altersgruppen weiter.“

Es gibt also dringenden Handlungsbedarf. Eine Maßnahme ist jetzt die Bündelung und Vereinfachung der Schulprogramme. Dass davon am Ende auch die heimischen Erzeuger direkt profitieren sollen, ist zu begrüßen.

Eine wichtige Voraussetzung für uns ist aber, dass ausschließlich unverarbeitete Erzeugnisse, also die natürlichen Rohprodukte, angeboten werden. Das ist so in dem Gesetzentwurf nur unzureichend geklärt. Wenn nämlich am Ende wieder nur stark gesüßte Kakaogetränke oder Joghurtprodukte mit absurd hohen Zuckeranteilen an die Kinder verteilt werden – samt der damit verbundenen Markenwerbung und irreführenden Angaben zum Inhalt –, ist das Schulmilchprogramm für die Katz. Das würde die Idee gesunder Ernährung ad absurdum führen. Dann profitieren wieder nur die großen Lebensmittelkonzerne, und die Bauern und die Kinder zahlen drauf.

Der Nachteil des jetzt vorgesehenen Schulprogramms für Obst, Gemüse und Milch ist, dass nur ein kleiner Teil von Schulen davon profitieren wird. Das Programm ist auf Grundschulen beschränkt, und die begrenzten Mittel reichen auch nur, um einen Teil der Schulklassen zu versorgen. Weder Kitas noch Sekundarschulen haben etwas von dem Programm, obwohl ein möglichst frühes Kennenlernen und regelmäßiges Angebot ausgewogener Lebensmittel für die Ernährungsbildung wichtig sind.

Im Sinne staatlicher Vorsorge wäre es daher, dass das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft die Vollfinanzierung sicherstellt. Stellen Sie die Kofinanzierung der EU-Mittel von 30 Millionen Euro aus dem Bundeshaushalt zur Verfügung. Das Geld kann an anderer Stelle, beispielsweise durch Verzicht auf wirkungslose Imagekampagnen wie „Macht Dampf“ oder „Zu gut für die Tonne“, eingespart werden.

Wenn die Bundesregierung die gesunde Ernährung unserer Kinder und die Stärkung der heimischen Landwirtschaft ernst nimmt, übernimmt sie beim Schulprogramm Verantwortung und sorgt für ein Schulmilch- und Schulobstprogramm, an dem alle Kinder teilhaben und teilnehmen können.