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Pestizide haben in unseren Lebensmitteln nichts zu suchen

Rede von Karin Binder,

Karin Binder (DIE LINKE):

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren!

Obst und Gemüse sind wichtige Bestandteile einer gesunden und ausgewogenen Ernährung. Umso schlimmer ist, dass immer mehr Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in unseren wichtigsten Lebensmitteln festgestellt werden.

(Ingrid Pahlmann (CDU/CSU): Das stimmt doch gar nicht!)

Deshalb ist es gut, dass wir heute durch den Antrag der Grünen die Möglichkeit haben, die ernstzunehmenden Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt zu behandeln.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Nach Angaben des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit ist die Beanstandungsquote aufgrund von Grenzwertüberschreitungen mit 1,4 Prozent der untersuchten Proben äußerst gering. Doch bei genauem Hinsehen entpuppt sich diese Angabe als höchst bedenkliche Verbrauchertäuschung. Tatsache ist: Die Beanstandungen sind so niedrig, nicht weil die Schadstoffbelastung reduziert wurde, sondern weil die Grenzwerte vieler Pestizide in den vergangenen Jahren immer wieder angehoben wurden. Auf Wunsch des Herstellers Monsanto wurde zum Beispiel der Grenzwert für das vermutlich krebserregende Glyphosat im Jahr 2011 von 0,1 auf 10 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht eines erwachsenen Menschen erhöht, also um das Hundertfache. Da brauche ich mich nicht mehr zu wundern, dass ein Überschreiten der Grenzwerte kaum noch festgestellt wird.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Die Verbraucher nehmen also, während die Zahl der Beanstandungen mangels regelmäßiger Kontrollen sinkt, unwissentlich und unbewusst immer mehr Gifte auf. Das ist ein Skandal.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Bestimmte Pestizide können das Gehirn schädigen, Parkinson und Alzheimer fördern, die Fortpflanzung beeinträchtigen oder Krebs auslösen. Besonders Kinder und schwangere Frauen werden durch diese Gifte gefährdet. Dagegen müssen wir etwas tun.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Kollege Hofreiter hat darauf hingewiesen: Allein Äpfel werden mit bis zu 17 unterschiedlichen Substanzen behandelt, bevor sie in unserem Einkaufskorb landen. Diese Chemiecocktails und ihre Auswirkungen werden bisher jedoch kaum untersucht. Über viele Jahre nehmen wir täglich Substanzen auf, zwar in geringen Mengen, aber dafür viele unterschiedliche Stoffe. Wir essen jeden Tag Gift.

Auch die Umwelt leidet. Viele Kleinstlebewesen sterben durch diese Art von Pflanzenschutz. Sie verschwinden einfach. Das heißt, ein Teil der Nahrungskette ist weg. Bienen, die eigentlich Obstbäume bestäuben sollten, werden durch Pestizide vergiftet oder geschwächt. Sie verlieren die Orientierung, fallen der Varroa-Milbe zum Opfer, und im Honig tauchen Rückstände auf.

Wir haben aber auch noch ein anderes Problem. Der Großteil der Rückstandsuntersuchungen wird von den Herstellern selbst vorgenommen. Das ist in etwa so, als dürfe der Autobesitzer die TÜV-Prüfung selbst durchführen - alles auf Vertrauensbasis.

(Dr. Petra Sitte (DIE LINKE): Oh! Das ist eine gute Idee!)

Aber Spaß beiseite. Erzeuger stehen täglich im Konflikt zwischen ihrem Ertrag und dem Verbraucherschutz. Die Händler nehmen nur noch Eins-a-Ware ab - das ist im Übrigen eine rein optische Angelegenheit -, angeblich, weil die Verbraucher es so wollen. Ich glaube das, ehrlich gesagt, nicht. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich frage mich: Wie sollen die schädlichen Wirkstoffe in Obst und Gemüse untersucht werden? Die amtlichen Überwachungsbehörden jedenfalls sind seit Jahren chronisch unterfinanziert, schlecht ausgestattet und haben zu wenig Personal. Unangemeldete Kontrollen finden heute kaum noch statt. Was dabei herauskommen kann, haben uns die Lebensmittelskandale der vergangenen Jahre gezeigt: Gammelfleisch, Ehec, Dioxin oder zuletzt der Bayern-Ei-Skandal.

Mehr als 40 000 Tonnen Pestizide werden jährlich in Deutschland auf den Feldern versprüht. Äpfel werden bis zur Ernte mehr als 20-mal gespritzt. Wenn Labore heute einen Apfel auf Pestizidrückstände untersuchen wollen, dann müssten sie bis zu 500 chemische Wirkstoffe berücksichtigen. Das ist teuer. Es gibt nur eine Lösung: Der Einsatz der Pestizide, der sogenannten Pflanzenschutzmittel, muss drastisch reduziert werden.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Wir müssen Anbaumethoden entwickeln, die letztendlich ohne den Chemiecocktail auskommen. Das hat vielleicht seinen Preis, aber es nützt: Es schützt Umwelt und Gesundheit und schafft vermutlich auch neue Arbeitsplätze.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)