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Nicole Gohlke: 20 Jahre Bologna – niemandem ist wirklich zum Feiern zumute

Rede von Nicole Gohlke,

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Vielen Dank. – Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Eigentlich sollten wir heute über die erfolgreiche Europäisierung des Hochschulstudiums sprechen. Viele Menschen hatten darauf als Teil der europäischen Einigung gehofft: dass junge Menschen und Forschende europaweit Erfahrungen sammeln und einen Teil ihres Lebens so verbringen können.

Wir reden heute auch über den Bologna-Prozess. Er hat den Studierenden und den Beschäftigten an den Hochschulen – da muss man sich doch mal ehrlich machen – leider mehr Nachteile als Vorteile gebracht; denn die Bologna-Reform war von jeher von oben gedacht. Im Zentrum standen vor allem wirtschaftliche Überlegungen: die Verwertbarkeit akademischer Ausbildung zum Beispiel und die Beschleunigung des Studiums, um Kosten zu sparen. Die Menschen, die am Bildungsprozess beteiligt sind, die Lehrenden wie die Lernenden, standen bei Ihnen nie im Fokus. Das war und ist das große Problem.

(Beifall bei der LINKEN)

Was die Anliegen und Belange der Studierenden und der Lehrkräfte sein könnten, kam in der Bologna-Erklärung gar nicht erst vor. Deshalb stand die Bologna-Reform von Anfang an in der Kritik, und es war richtig, dass damals so viele dagegen protestiert haben.

Und die Probleme existieren immer noch. Das wird aus dem ziemlich lustlosen Bericht der Bundesregierung mehr als deutlich. Das zweistufige Studium hat sich nicht bewährt und wird in der Praxis langsam, aber sicher entsorgt. Hier müsste wirklich viel getan werden, um gute Studienbedingungen für alle Masterstudierenden zu ermöglichen.

(Beifall bei der LINKEN)

Die Mobilität der Studierenden bleibt weit hinter den Erwartungen zurück. Das ist auch kein Wunder; denn Mobilität ist vor allem auch eine Geldfrage. Es kostet natürlich viel Geld, ins Ausland zu gehen oder in eine andere Stadt zu ziehen. Es kostet im Übrigen auch Geld, überhaupt zu studieren. In Ihrem Bericht und in wirklich allem, was die Bundesregierung zu diesem Thema verlautbart, fehlt jeder, aber auch jeder Hinweis darauf, dass sie diese finanzielle und diese soziale Dimension überhaupt wahrnimmt. Das kann doch wirklich nicht wahr sein.

(Beifall bei der LINKEN)

An den Studierenden lässt sich ein allgemeiner Trend in unserer Gesellschaft beobachten: Die Mitte bricht weg. Mehr als zwei Drittel der Studierenden müssen neben ihrem Studium arbeiten, um Geld zu verdienen. Das Ergebnis ist eine dramatische Zunahme von Stress und Belastung. Ein Sechstel aller Studierenden leidet mittlerweile an mindestens einer psychischen Krankheit, fast ein Drittel bricht das Studium ab. Psychologinnen und Psychologen sowie Expertinnen und Experten führen das maßgeblich auf den Leistungsdruck, der seit dem Bolo­gna-Prozess entstanden ist, zurück. So weit ist es dank des neoliberalen Umbaus der Hochschulen also gekommen, dass das Studieren regelrecht zu einem Gesundheitsrisiko geworden ist. Das ist aus meiner Sicht unfassbar.

(Beifall bei der LINKEN)

Das gilt übrigens auch für die Beschäftigten an den Hochschulen. Die Forschenden und Lehrenden, die keine Professur ergattern konnten, hangeln sich von einem Projektantrag zum nächsten, verbringen ihr Leben in Unsicherheit und Befristung. Und ehrlich gesagt: Internationalisierung spielt in diesem Bereich doch nur insofern eine Rolle, als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler versuchen, im Ausland eine unbefristete Stelle zu ergattern. Das kann doch so nicht bleiben.

(Beifall bei der LINKEN)

Kolleginnen und Kollegen, eine gemeinsame europäische Hochschullandschaft, wo Menschen im Austausch über Ländergrenzen hinweg lernen und forschen können, das wäre ein wirklicher Fortschritt hin zu einem geeinten Kontinent und hin zu multikultureller Verständigung. Dafür müssen aber – davon bin ich fest überzeugt – die realen Menschen mitmachen können. Wir brauchen die Europäisierung, aber eben nicht als einen Eliteprozess von oben, sondern als eine Bewegung von unten. Das müssen wir politisch befördern.

Vielen Dank.

(Beifall bei der LINKEN)