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Nährwert-Ampel statt Verbrauchertäuschung

Rede von Karin Binder,

Gestern beschloss das Europäische Parlament die Lebensmittel-Informationsverordnung. Sie ist nicht mehr als ein schlechter Kompromiss. Die Entscheidung der EU kam unter massivem Störfeuer der Lebensmittel-Lobby zustande, unter dem auch die schwarz-gelbe Bundesregierung einknickte.

Zunächst die gute Botschaft aus Brüssel: Zucker und Salz, Fett und gesättigte Fettsäuren müssen mit ihrem jeweiligen Anteil in 100 Gramm des fertigen Produktes angegeben werden. Das ist wichtig, denn die „Dicken Vier“ werden von der Lebensmittelindustrie immer häufiger im Übermaß als Geschmacksanreger eingesetzt. Damit wurde und wird wohl auch weiterhin die Minderwertigkeit anderer oder das Fehlen wertvollerer Zutaten übertüncht.

Das war’s dann auch schon. Jetzt kommt der Kritikteil. Künftig werden trotzt vieler Hinweise und anders lautender Forderungen von Experten, Verbänden und Institutionen die Pflichtangaben für Zucker, Salz und Fette kaum lesbar in 1,2 Millimeter kleiner Schrift auf der Rückseite der Verpackung angebracht sein. Auf der Vorderseite hingegen prangen gut lesbar die so genannten Portionsangaben der Hersteller. Die Verbraucherinnen und Verbraucher werden damit vorsätzlich getäuscht.

Mit diesen willkürlichen Portionsgrößen werden die Dickmacher extra „schlankgerechnet“. Bei 14 Gramm Salami, 30 Gramm Pizza oder 40 Gramm Müsli kann niemand zunehmen. Fett-, Zucker- und Salzgehalt schrumpfen wie durch Zauberhand.

Diese vorsätzliche Verbrauchertäuschung ist Gift für eine ausgewogene Ernährung, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. DIE LINKE fordert deshalb nach wie vor die Einführung einer Nährwert-Ampel, um eine gesunde und ausgewogene Ernährung zu unterstützen.

Unabhängige Experten wie der Potsdamer Ernährungswissenschaftler Hans-Georg Joost, Direktor des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung (Dife), Krankenkassen, Bundesärztekammer, Kinder- und Jugendärzte und natürlich VerbraucherschützerInnen sprechen sich einhellig für die Ampel-Kennzeichnung von Lebensmitteln aus. Denn die Gesundheit leidet, wenn Dickmacher und zu viel Salz im Essen hinter Werbung versteckt werden.

Mit der Nährwert-Ampel werden der Gehalt von Fett, gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz auf der Vorderseite der Verpackung angegeben und farblich unterlegt: Grün für „Gering“, Gelb für „Mittel“ und Rot für „Hoch“. Damit alle Produkte miteinander vergleichbar sind, müssen sich die Angaben einheitlich auf 100 Gramm oder 100 Milliliter beziehen. So können Verbraucherinnen und Verbraucher auf den ersten Blick erkennen was drin steckt und Schummel-Werbung umgehen.

Um es noch einmal deutlich zu sagen: Essen und Gesundheit gehören zusammen. Wir alle wissen, dass der Biss in einen Apfel gesünder ist als die Curry-Wurst von der Imbiss-Bude. Doch Essen ist auch Genuss. Und deshalb muss man auch einmal Fünfe gerade sein lassen. Mann/Frau muss nicht immer Kalorien zählen.

Wenn aber Übergewicht zum Problem wird oder man sich bewusst und gesund ernähren möchte, ist es wichtig, über den Gehalt von Fett, Zucker und Salz im Essen Bescheid zu wissen. Beim Blick ins Supermarkt-Regal verliert man aber schnell den Überblick. Die Lebensmittelindustrie tut alles, um Dickmacher und Geschmackszusätze kleinzurechnen und hinter bunter Werbung zu verstecken: Ein „gesunder“ Kindermilchdrink, der mehr Zucker enthält als die gleiche Menge Cola; „Vital“-Müsli, das zur Hälfte aus Zucker und Fett besteht; Fertigpizza „wie vom Italiener“ mit mehr Salz als täglich empfohlen. Aber wenn es nach der Bundesregierung geht, sind die Verbraucherinnen und Verbraucher selbst schuld, wenn sie darauf hereinfallen.

Bereits mehr als die Hälfte der Erwachsenen in Europa gilt als übergewichtig oder fettleibig. Jedes fünfte Schulkind ist zu dick. Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen können die Folge sein. Die Werbelügen der Lebensmittelindustrie tragen ihren Teil dazu bei: Nach Ansicht von Ärzten und Krankenkassen ist falsche Ernährung durch versteckte Dickmacher ein Hauptgrund für viele unserer Zivilisationskrankheiten. Und: Bewegungsmangel bei Kindern und Jugendlichen ist eine Folge ernährungsbedingter Gewichtszunahme.

Damit muss Schluss sein. Ich lasse nicht locker und fordere die Bundesregierung auf, sich aus der Umklammerung der Lebensmittelindustrie zu lösen. Die Nährwert-Ampel ist und bleibt das beste Modell zur verbraucherfreundlichen Kennzeichnung von Lebensmitteln.